Bei mir gibt es Musik, die läuft einfach mal im Hintergrund. Und dann gibt es diese andere Sorte – die, bei der ich erst nach ein paar Minuten merke, dass sie längst die Kontrolle übernommen hat. 'Wound In The Subsoil' von 'Desolation Colony' gehört ziemlich eindeutig in die zweite Kategorie. Ich hatte das Ganze eher beiläufig gestartet – so ein klassisches „Ich hör mal kurz rein“. Ein paar Minuten später war klar: Das wird hier gerade nichts mit nebenbei. Stattdessen sitzt man da und merkt, wie sich diese Musik langsam festsetzt. Nicht laut, nicht spektakulär – eher so, als würde sich der Raum um einen herum leise verschieben. Hinter 'Desolation Colony' steckt mit 'Joshua Strachan', bekannt von 'Azar Swan', jemand, der genau weiß, wie man solche Stimmungen baut. Hier wirkt alles noch reduzierter, noch konzentrierter. Weniger Song, mehr Zustand. Und vor allem: kein Interesse daran, es einem leicht zu machen.
Was 'Wound In The Subsoil' in dem Fall für mich besonders macht, ist seine Rolle als Werkschau-Retrospektive. Also kein neues Kapitel, sondern ein Blick auf das, was bereits da ist – nur eben neu geordnet, neu gewichtet und erstaunlich stimmig zusammengeführt. Die Tracks reichen dabei von 2023 bis 2025 und stammen aus mehreren Veröffentlichungen auf Labels wie 'Mannequin Records', 'Aufnahme + Wiedergabe', 'Phage Tapes' oder 'Throne Heap'. Also alles andere als ein Schnellschuss – eher ein über Jahre gewachsenes Gesamtbild. Und genau dort hätte es schnell auseinanderfallen können. Unterschiedliche Phasen, unterschiedliche Ansätze, vielleicht sogar Brüche im Sound. Passiert aber nicht. Stattdessen wirkt das Ganze erstaunlich geschlossen. Fast so, als hätte es von Anfang an genau auf diese Form hingearbeitet.
Ich hatte beim Hören dann auch nie das Gefühl, zwischen verschiedenen Entwicklungsstufen zu springen. Es gibt keine Momente, die plötzlich anders klingen oder aus dem Rahmen fallen. Alles folgt einer klaren Linie: kühl, reduziert, kontrolliert – und ziemlich konsequent durchgezogen. Dass sich das so stimmig anfühlt, ist kein Zufall. Mit wiederkehrenden Mitwirkenden wie 'Justin Vial' in der Produktion oder 'Kris Lapke' am Mixing zieht sich eine klare Handschrift durch das gesamte Material. Das sorgt für eine Konstanz, die man bei solchen Veröffentlichungen nicht immer bekommt. Klanglich bewegt sich 'Desolation Colony' irgendwo zwischen Industrial, Coldwave, Minimal Synth und Post-Punk. Also ein Feld, das inzwischen gut gefüllt ist – und leider auch mit erstaunlich viel austauschbarer Dunkelheit. Viele Projekte setzen auf bekannte Zutaten und hoffen, dass die Stimmung schon irgendwie entsteht. Hier passiert das nicht. Die Sounds sind reduziert, aber gezielt gesetzt. Kein Überladen, kein unnötiger Effekt. Alles wirkt bewusst platziert. Fast schon stoisch. Und genau daraus entsteht Spannung. Ich habe mich dann beim Hören auch wirklich mehrfach dabei ertappt, wie ich dachte: „Da passiert gerade gar nicht so viel.“ Und genau in dem Moment merkt man, dass man längst drin steckt – und sich fragt, wann genau das eigentlich passiert ist.
Was mir hier zusdem auch besonders gefällt: die Haltung dahinter. 'Desolation Colony' versucht nicht, dich zu überzeugen, nicht zu zwingen. Kein Drängen, kein „Schau mal, wie gut ich bin“. Die Musik steht einfach da – ruhig, selbstbewusst, fast schon distanziert. Und genau das macht sie interessant. Gerade als Werkschau-Retrospektive bekommt das nochmal ein anderes Gewicht, wie ich finde. Das Release ist somit kein Rückblick im Sinne von „So war es mal“. Es wirkt eher wie eine Verdichtung. Mehrere Bausteine werden zusammengeführt – und ergeben plötzlich ein klareres, stärkeres Gesamtbild. Abgerundet wird das Ganze durch einen bislang unveröffentlichten Track, der sich nahtlos einfügt – weniger Bonus, mehr konsequenter Abschluss. Und dann ist da noch ein Detail, das perfekt ins Gesamtbild passt: Die CD-Version ist auf gerade einmal 200 Exemplare limitiert. Das wirkt nicht wie ein Marketing-Gag, sondern eher wie eine konsequente Fortsetzung dieser Haltung – reduziert, bewusst, ein Stück weit exklusiv. Kein Massenprodukt, sondern etwas, das man sich aktiv sichern muss, wenn man Teil davon sein will.
Wenn man etwas kritisch sehen will, dann vielleicht das Fehlen eines klassischen Höhepunkts - zumindest ich habe diesen nicht gefunden. Kein Moment, der alles bündelt oder auflöst. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto besser passt genau das zu dieser Musik. Sie funktioniert nicht über einzelne Momente – sondern über das, was sich langsam aufbaut und bleibt.
Ich bin ehrlich: Ich hätte nicht erwartet, dass mich eine Werkschau-Retrospektive so packt. 'Wound In The Subsoil' funktioniert nicht wie ein klassisches Album – aber es fühlt sich wie eines an. Und zwar wie ein ziemlich geschlossenes. Genau das macht dieses Release so stark. Für wen ist das geeignet? Für alle, die sich auf Atmosphäre einlassen können. Für Hörer, die Musik nicht sofort greifen müssen, sondern sie wirken lassen. Meine persönliche Meinung: Ich finde das richtig stark. Gerade weil es sich nicht anbiedert. Gerade weil es seinen eigenen Weg geht. Und weil es zeigt, wie viel Kraft in einer klaren künstlerischen Vision steckt. Oder anders gesagt: Das hier ist keine Musik, die um Aufmerksamkeit bittet – sie nimmt sie sich einfach. Ich wollte nur kurz reinhören. Und bin deutlich länger geblieben als geplant. Cool!
Desolation Colony - Wound In The Subsoil
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