Ich gebe es zu: Bei 'Myrath' bin ich immer ein bisschen voreingenommen – im positiven Sinne. Nicht, weil sie aus Tunis kommen oder ihre Wurzeln in Tunesien haben, sondern weil sie etwas schaffen, woran viele Bands scheitern: Sie klingen eigenständig, ohne sich dabei anzustrengen. 'Wilderness Of Mirrors' ist genau das – ein Album, das nicht versucht, besonders zu sein, sondern es einfach ist. Und genau das ist heute vielleicht das Ungewöhnlichste überhaupt. 'Myrath' sind dann auch keine Band, die man einfach nur hört – man reist sozusagen mit ihnen. Und diese Reise beginnt eben nicht irgendwo im europäischen Metal-Einheitsgrau, sondern dort, wo ihre musikalische DNA herkommt. Während andere Bands sich orientalischer Elemente bedienen wie aus einem Baukasten („ein bisschen Wüste, einmal durchrühren, fertig“), ist das hier echtes Fundament. Über die Jahre haben sich 'Myrath' international geöffnet, ohne ihre Identität zu verwässern – und genau das ist der Punkt, an dem viele andere Bands falsch abbiegen. Oder anders gesagt: Viele versuchen besonders zu klingen. 'Myrath' müssen es nicht.
Mit 'Wilderness Of Mirrors' legen sie nun ihr siebtes Studioalbum vor – und wenn man sich durch die internationalen Stimmen liest, dann ist die Richtung ziemlich klar: viel Lob, wenig echte Kritik. Vor allem die Mischung aus epischer Größe, eingängigen Melodien und dieser cineastischen Wucht wird immer wieder hervorgehoben. Übersetzt heißt das: Das Ding funktioniert. Und zwar nicht nur für Nerds, sondern auch für Menschen, die Musik einfach genießen wollen, ohne dabei ein Rhythmus-Labyrinth entschlüsseln zu müssen. Und genau da liegt auch die Stärke – und, je nach Blickwinkel, die kleine Schwäche des Albums. 'Wilderness Of Mirrors' ist kein Risiko. Es ist keine Platte, die sagt: „Wir reißen jetzt alles ein.“ Stattdessen sagt sie: „Wir wissen ziemlich genau, was wir können – und das machen wir jetzt verdammt gut.“ Das ist nicht mutig. Aber es ist verdammt souverän. Und ganz ehrlich: Souveränität schlägt krampfhaften Innovationsdrang fast jedes Mal.
Musikalisch ist das Ganze ein Hochglanz-Ritt – aber einer mit Substanz. Die Gitarren drücken, ohne alles zuzuschütten, die Keyboards liefern Glanz und Tiefe, und über allem liegt dieses Gespür für große Melodien, das man nicht lernen kann. Das klingt stellenweise so, als hätte jemand beschlossen, Progressive Metal stadiontauglich zu machen – und es dann auch tatsächlich hinbekommen. Kein verkopftes Gefrickel, kein technisches Muskelspiel um seiner selbst willen, sondern ein Sound, der wirken will. Und der das auch tut. Was ich besonders stark finde: Die orientalischen Einflüsse sind hier nicht Deko, sondern DNA. Das ist kein „Schaut mal, wir können auch exotisch“, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil des Songwritings. Genau dadurch hebt sich das Album angenehm vom Genre-Einerlei ab. Während andere Bands immer glatter und austauschbarer werden, behalten 'Myrath' etwas Eigenes. Etwas, das man nach zwei Takten erkennt – und das ist in diesem Genre inzwischen fast schon eine Seltenheit.
Interessant ist dabei auch, dass sich die „Highlights“ je nach Hörer verschieben. Klar, 'Until The End' funktioniert sofort – großes Duett, große Geste, sichere Bank. Aber viele der stärkeren Momente verstecken sich eher im Album selbst: Songs wie 'Breathing Near The Roar' oder 'Les Enfants Du Soleil' zeigen oft erst beim zweiten oder dritten Durchlauf, wie viel Atmosphäre und Detail hier eigentlich drinsteckt. Und genau da trennt sich auch ein bisschen die Spreu vom Wüstenstaub: 'Wilderness Of Mirrors' ist kein Album für den schnellen Effekt, sondern eines, das sich entfaltet – und dabei langfristig mehr hängen bleibt als so mancher offensichtliche „Hit“. Natürlich hat das Ganze auch seine Schattenseiten. Der größte Kritikpunkt ist gleichzeitig der offensichtlichste: Überraschungen sind hier Mangelware. Wer darauf hofft, dass 'Myrath' plötzlich komplett neue Wege gehen, wird hier nicht fündig. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – das wirkt nie wie Stillstand, sondern wie Kontrolle. Und wenn das hier jemand langweilig findet, liegt das Problem wahrscheinlich nicht am Album.
Ein kurzer Realitätscheck mit Augenzwinkern: Dieses Album ist so episch, dass man sich beim Hören unweigerlich fragt, ob man nicht irgendwo ein Cape rumliegen hat. Oder zumindest dramatisch aus dem Fenster schauen sollte. Das ist manchmal nah am Pathos, keine Frage. Aber 'Myrath' ziehen das mit so viel Überzeugung durch, dass es nicht peinlich wird, sondern einfach funktioniert.
Fazit: 'Wilderness Of Mirrors' ist kein mutiges Album – aber ein verdammt überzeugendes. Es richtet sich an alle, die Metal mögen, der groß klingt, ohne hohl zu sein, der eingängig ist, ohne banal zu wirken, und der Atmosphäre hat, ohne sich darin zu verlieren. Für Fans von melodischem, epischem und leicht progressivem Sound mit klarer Handschrift ist das ein ziemlich sicherer Treffer. Weniger geeignet ist es für Hörer, die es roh, minimalistisch oder maximal experimentell mögen. Oder noch klarer: Das ist kein Album, das dich überraschen will – sondern eines, das dich überzeugt. Und genau deshalb bleibt es.
Myrath - Wilderness Of Mirrors
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