Außenseiter zu sein ist für ‘Morrissey’ keine Phase, sondern ein Lebensentwurf. Seit den Tagen von ‘The Smiths’ inszeniert er sich als der Mann neben der Welt – einer, der viel beobachtet, reichlich kommentiert, auch urteilt, aber sich nie wirklich zugehörig fühlt. Und während andere Künstler im Laufe der Jahre versuchen, sich anzupassen, wirkt ‘Morrissey’ bis heute so, als würde er lieber im Halbdunkel eines Manchesterer Jugendzimmers sitzen und die Gesellschaft sezierend an sich vorbeiziehen lassen. Gerade diese konsequente Distanz hat ihn meiner Meinung nach zu einer der prägendsten Figuren der Popgeschichte gemacht – und gleichzeitig zu einer der umstrittensten. Verehrt, kritisiert, missverstanden, gefeiert: ‘Morrissey’ war immer alles gleichzeitig.
Mit ‘Make-Up Is A Lie’, seinem 14. Soloalbum, kehrt er nun zurück – ein Werk, das lange im Verborgenen lag und dann Anfang März 2026 über ‘Warner Music’ seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Natürlich nicht ohne den obligatorischen Schlenker über verschiedene Vinyl-Varianten für Sammler – man will ja schließlich niemandem die Chance nehmen, Melancholie auch in Rot, Blau oder als schickes Zoetrope zu besitzen.
Produziert von ‘Joe Chiccarelli’ und aufgenommen im Studio La Fabrique in Südfrankreich, klingt ‘Make-Up Is A Lie’ für mich zunächst einmal erstaunlich angenehm. Warm, rund, fast schon elegant. Es ist der Sound eines Künstlers, der sich in seiner eigenen Ästhetik eingerichtet hat wie in einem sehr bequemen Ledersessel – stilvoll, aber eben auch schwer wieder herauszubekommen. Musikalisch bleibt dann aber doch alles im vertrauten Rahmen: Indie-Rock, Britpop, ein Hauch Nostalgie und diese typische, leicht überhöhte Melancholie, die ‘Morrissey’ seit Jahrzehnten kultiviert. Die Gitarren von ‘Jesse Tobias’ und ‘Alain Whyte’ liefern genau das, was sie sollen – und leider auch nicht viel mehr. Mal fein gezeichnet, mal etwas rauer, aber selten so zwingend, dass man wirklich aufhorcht. Es ist alles gut gespielt, gut produziert, gut gemeint… und genau darin liegt das Problem. Denn ‘Make-Up Is A Lie’ klingt oft so, als hätte jemand beschlossen, nichts falsch zu machen – und dabei vergessen, etwas wirklich Großes zu wagen. Vieles gleitet dahin wie ein gepflegter Sonntagsspaziergang: schön anzusehen, angenehm zu erleben, aber ohne Herzklopfen. Oder anders gesagt: zu geschniegelt, um wirklich zu berühren.
Und dann kommt diese Stimme – und hebt das Ganze wieder auf ein anderes Level. Auch mit 66 Jahren ist ‘Morrissey’ stimmlich eine Ausnahmeerscheinung. Dieses leicht brüchige, zugleich elegante Timbre, diese Fähigkeit, selbst einfachen Zeilen eine fast schon literarische Schwere zu verleihen – das können nur sehr wenige. Wenn er will, klingt selbst eine mittelmäßige Passage plötzlich wie ein verlorenes Meisterwerk. Leider will er nicht immer. Denn genau da liegt der Haken: Die Texte, einst sein schärfstes Schwert, wirken für mich stellenweise erstaunlich harmlos. Wo früher bissige Beobachtungen, ironische Brechungen und kluge Provokationen standen, findet man hier immer wieder Formulierungen, die eher nach Variation bekannter Motive klingen als nach neuen Gedanken. Manche Refrains wirken, als hätte jemand die Idee gehabt – und dann beschlossen, es dabei zu belassen.
Natürlich bleibt ‘Morrissey’ ‘Morrissey’: Außenseiterblick, Weltschmerz, ein Hauch Selbstmitleid und diese latent beleidigte Haltung gegenüber einer Welt, die ihn entweder missversteht oder schlicht nicht mehr so wichtig nimmt wie früher. Das Problem ist nur: Früher war das scharf beobachtet. Heute ist es manchmal einfach nur noch Pose. Und dann ist da noch die zweite Ebene, die sich nicht ausblenden lässt: der Mensch hinter der Kunst. Seine kontroversen Aussagen, seine politischen Ausfälle, sein Hang zur Provokation – all das schwingt irgendwie immer mit. Man hört dieses Album nie unvoreingenommen. Und vielleicht ist genau das das größte Problem: Selbst wenn die Musik für sich stehen möchte, steht da immer noch ‘Morrissey’ daneben und winkt. Interessanterweise wirkt ‘Make-Up Is A Lie’ dabei fast wie ein Versuch, genau davon wegzukommen. Weniger Provokation, mehr Atmosphäre. Weniger Schlagzeilen, mehr Innenleben. Das funktioniert immer dann hervorragend, wenn er tatsächlich verletzlich wirkt – und nicht nur so tut, als wäre er es.
Stilistisch bleibt das Album immerhin abwechslungsreich genug, um nicht komplett im eigenen Saft zu schmoren. Ein paar Retro-Anklänge hier, etwas Glam-Flair dort, dazu die überraschend gut integrierte Coverversion von ‘Roxy Music’’s ‘Amazona’, die weniger wie ein Fremdkörper wirkt, sondern eher wie eine nostalgische Selbstvergewisserung: Schaut her, ich weiß immer noch, wo ich herkomme. Und genau das ist vielleicht das größte Kompliment – und gleichzeitig die größte Kritik.
‘Make-Up Is A Lie’ ist ein Album, das man respektiert, ohne es wirklich zu brauchen. Für Fans von ‘Morrissey’ ist es ein solides, stellenweise sehr schönes Spätwerk – getragen von einer Stimme, die noch immer mehr kann als die meisten anderen. Für alle anderen bleibt es ein Werk, das zwar stilvoll durchgezogen ist, aber selten zwingend wirkt. Es fehlt der Mut, das Risiko, vielleicht auch der Hunger. Stattdessen bekommt man einen Künstler, der genau weiß, wie gut er ist – und sich darauf ein bisschen zu sehr verlässt. Meine persönliche Meinung? Ich mag das Album. Aber ich ärgere mich auch darüber. Weil es immer wieder zeigt, wie viel hier noch möglich wäre – und sich dann doch lieber für den sicheren Weg entscheidet.
Morrissey - Make-Up Is A Lie
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