And Also The Trees - The devil's door

And Also The Trees -...

Man kann 'And Also The Trees' vieles vorwerfen – aber sicher nicht, dass sie es einem leicht machen. Seit ihrer Entdeckung durch 'Robert Smith' und 'Lol Tolhurst' von 'The Cure' ziehen sie ihr eigenes Ding durch, irgendwo zwischen Kunstprojekt und musikalischer Sturheit. 'The Devil’s Door' ist dabei fast schon ein Manifest dieser Haltung: ein Album, das sich konsequent jeder Erwartung entzieht und lieber geheimnisvoll bleibt, als sich auch nur ansatzweise anzubiedern. Charmant? Nicht unbedingt. Spannend? Absolut. Und das offenbar mit Erfolg: Gerade auf dem europäischen Festland – insbesondere in Deutschland und Frankreich – hat sich die Band über Jahrzehnte eine bemerkenswert treue Fangemeinde erspielt, während sie anderswo nie ganz in den Mainstream vorgedrungen ist.

Mit 'The Devil’s Door' schließen 'And Also The Trees' ihre aktuelle Trilogie ab, die mit 'The Bone Carver' und 'Mother-of-Pearl Moon' begann. Und man merkt diesem Album an, dass es nicht einfach nur ein weiteres Kapitel ist, sondern ein bewusst gesetzter Schlusspunkt – einer, der eher nachhallt, als dass er laut auf sich aufmerksam macht. Wer hier große Gesten erwartet, wird schnell feststellen: Diese Band war noch nie daran interessiert, Erwartungen zu bedienen. Und genau deshalb funktioniert das Ganze auch so gut. Musikalisch bleibt sich die Band treu und verfeinert gleichzeitig ihren Stil weiter. Die Gitarren von 'Justin Jones' klingen einmal mehr wie ein Instrument, das es eigentlich gar nicht geben dürfte: mandolinenartig, schimmernd, fast schon orchestral. Das sind keine klassischen Riffs, das sind Klangskizzen – filigran, präzise und gleichzeitig voller Atmosphäre. Stellenweise fühlt sich das an wie feiner Regen, der auf eine alte Fensterscheibe trifft – unspektakulär auf den ersten Blick, aber mit einer seltsamen, fast hypnotischen Wirkung, wenn man sich darauf einlässt. Dazu gesellen sich tatsächlich verstärkt ungewöhnliche Instrumentierungen, die das Album irgendwo zwischen 'John Barry' und 'Béla Bartók' verorten. Klingt erstmal wie der Beginn eines schlechten Musikerwitzes, funktioniert hier aber erstaunlich gut und verleiht dem Ganzen eine eigenwillige, fast zeitlose Tiefe.

Über all dem schwebt die Stimme von 'Simon Huw Jones', die auch diesmal weniger singt als erzählt. Und genau das ist der Punkt: 'The Devil’s Door' funktioniert nicht wie ein klassisches Album, sondern eher wie eine Sammlung düsterer Kurzgeschichten – irgendwo zwischen romantischer Lyrik und flüchtigen Momentaufnahmen. Inspiriert von Wochenschauen, Ölgemälden und folkloristischen Motiven entstehen Bilder im Kopf, keine Ohrwürmer. Es ist diese Art von Musik, bei der man eher eine verlassene Landstraße vor sich sieht als eine Bühne – irgendwo zwischen spätherbstlichem Nebel, knarzenden Bäumen und diesem Gefühl, dass gleich etwas passiert. Oder eben auch nicht.

Spannend ist dabei auch die rhythmische Ebene: Diese leicht jazzigen, unterschwellig treibenden Strukturen geben dem Album eine zusätzliche Tiefe, ohne jemals in den Vordergrund zu drängen. Alles wirkt kontrolliert, reduziert und gleichzeitig unglaublich dicht. Dazu gesellt sich ein Hauch dunkler Psychedelia, der sich wie ein feiner Schleier über die Songs legt – nie dominant, aber immer spürbar. Und genau hier zeigt sich einmal mehr das vielleicht treffendste Prinzip dieser Band: Evolution statt Revolution. 'And Also The Trees' verändern sich, ja – aber immer in kleinen, kontrollierten Schritten, ohne jemals ihre eigene Identität zu verwässern. Und ja, ich sag’s ganz offen: Dieses Album hat absolut keine Lust, dir entgegenzukommen. Es gibt keine Hits, keine schnellen Hooks, keine „den merk ich mir sofort“-Momente. Wer hier nach dem dritten Song nervös aufs Handy schaut, ist ohnehin im falschen Film. 'The Devil’s Door' ist kein Album für Playlist-Hopper oder nebenbei laufende Küchenbeschallung. Das hier ist eher die musikalische Entsprechung eines alten Ölgemäldes: Du kannst kurz draufschauen – oder du bleibst stehen und lässt es wirken. Und genau dann entfaltet es seine Stärke.

Was mir persönlich besonders gefällt, ist genau diese kompromisslose Haltung. Auch wenn ich mir an der einen oder anderen Stelle einen kleinen emotionalen Anker gewünscht hätte – so einen Moment, der dich kurz packt und nicht nur elegant vorbeizieht – bleibt am Ende ein Werk, das sich bewusst gegen jede Form von Schnellkonsum stellt. Und ganz ehrlich: Das ist in Zeiten von Skip-Buttons und Algorithmus-Playlists fast schon ein kleines Statement. Nicht unerwähnt bleiben sollte übrigens, dass 'And Also The Trees' auch live seit Jahrzehnten einen exzellenten Ruf genießen. Wer sie einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß, dass diese Musik dort eine ganz eigene Intensität entwickelt – und genau dieses Gefühl schwingt auch auf 'The Devil’s Door' mit. Es wirkt wie ein Album, das nicht nur gehört, sondern erlebt werden will.

Am Ende ist 'The Devil’s Door' ein Release für Menschen, die Musik nicht konsumieren, sondern sich auf sie einlassen. Für Hörer, die Atmosphäre über Eingängigkeit stellen und lieber entdecken als sofort verstehen. Wer schnelle Befriedigung sucht, wird hier vermutlich nach wenigen Minuten aussteigen. Wer jedoch bereit ist, sich Zeit zu nehmen, bekommt ein Album, das sich langsam entfaltet und dafür umso nachhaltiger wirkt.  Meine persönliche Meinung? Ich mag diese störrische, fast schon trotzig unmoderne Art. Das ist nicht immer bequem, manchmal sogar ein bisschen sperrig – aber genau das macht den Reiz aus. 'The Devil’s Door' will dich nicht überzeugen. Es steht einfach da, halb im Schatten, und wartet. Und wenn du dir die Zeit nimmst, hindurchzugehen, merkst du ziemlich schnell: Hinter dieser Tür ist vielleicht nichts Lautes, nichts Spektakuläres – aber verdammt viel Substanz.

And Also The Trees - The devil's door
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