Viele Menschen verabschieden sich mit einem Kuchen und vielleicht noch einer kleinen Rede. Bei 'Al Jourgensen' muss offenbar aber erst geprüft werden, ob das Gebäude einen Abschied von 'Ministry' statisch überhaupt verkraftet. Mit 'Hate To Go – Take Out Or Delivery' soll nun also tatsächlich das letzte Studioalbum vorliegen. Allerdings klingt hier wenig nach jemandem, der bereits seine Hausschuhe vorwärmt. Die Drums klingen heftig, die Gitarren sägen hemmungslos und der Chef brüllt, als hätte ihm gerade jemand die Rente gestrichen. Ein würdiger Abgang? Für mich gibt es dafür gute Argumente – auch wenn die alten Klassiker ihren Platz im Regal behalten dürfen.
Das am 30. Oktober 2026 bei Cleopatra Records veröffentlichte Album umfasst auf der regulären CD zehn Stücke. Es ist als Abschluss der Studiokarriere einer 1981 gegründeten Band angekündigt die den Industrial Metal entscheidend mitgeprägt hat. Mit 'Paul Barker' wirkt beim Abschlusstitel 'We’re Still Here' zudem jener frühere Mitstreiter mit, der an einigen der wichtigsten Veröffentlichungen von 'Ministry' beteiligt war. Ein passender Schulterschluss zum Abschied.
Dahinter steckt ein länger vorbereiteter Entschluss. Bereits rund um 'Hopiumforthemasses' diskutierten 'Al Jourgensen' und seine Band über das Aufhören, entschieden sich aber für ein weiteres Album und einen geordneten Abschluss mit anschließender Abschiedstour. In Interviews beschreibt er Zufriedenheit mit dem Erreichten, zugleich aber die Ernüchterung, nach Jahrzehnten politischer Warnungen immer wieder dieselben Probleme vorzufinden. Den nächsten Generationen möchte er das Feld überlassen. Sein angekündigtes Alternativprogramm ist übrigens erstaunlich konkret: Ziegen hüten. Nach so vielen Jahren im Musikgeschäft vermutlich die übersichtlichere Herde.
Vorher wird allerdings noch fett abgerechnet: klar - mit 'Donald Trump', autoritärer Politik, Machtmissbrauch und einer Gesellschaft zwischen Dauerkrise und digitaler Ablenkung. Soziale Medien und künstliche Intelligenz gehören ebenso zum Themenfeld wie Krieg und gesellschaftliche Verrohung. 'Al Jourgensen' richtet seinen Zorn dabei auch gegen die wirtschaftlichen und politischen Strukturen hinter einzelnen Figuren. Besonders interessant: KI wird einerseits kritisiert und gleichzeitig für künstlich erzeugte Sprachsamples eingesetzt. Diese Spannung zwischen Techniknutzung und Technikmisstrauen liefert dem Album einen aktuellen Bezug, der über die nächste Tirade gegen einen US-Präsidenten hinausgeht.
Musikalisch geht die erste Hälfte mit entsprechend viel Nachdruck zur Sache. Knallende Drums treffen auf griffige Gitarrenriffs, während 'Al Jourgensen' brüllt und schreit, als müsse er seine Beschwerden persönlich bis in die hinterste Etage tragen. Die Riffs setzen scharfe Akzente, die industrielle Rhythmik hält den Druck aufrecht. Mir gefällt, wie gut diese Elemente aufeinander abgestimmt sind: Die Gitarren können zupacken, ohne den rhythmischen Unterbau zu überdecken, und die Beats geben der Härte einen klaren Bewegungsfluss.
Das ist sehr typisch 'Ministry' und zunächst eher solides Handwerk als eine Folge großer Überraschungen. Die aggressivere erste Hälfte begeistert mich nicht durchgehend, funktioniert mit ihren kräftigen Riffs und ihrem unmittelbaren Zugriff aber gut. Hier wird ein vertrauter Sound überzeugend ausgespielt. Wer genau diese Mischung aus Metal und mechanischer Rhythmik schätzt, bekommt reichlich Anlass, die Lautstärke aufzudrehen.
Später wird der Gang etwas heruntergeschaltet. Von wirklicher Ruhe kann trotzdem kaum die Rede sein. Die Musik geht etwas weniger stürmisch vor, wodurch die schwereren Rhythmen deutlicher zur Geltung kommen. Diese Verschiebung gefällt mir, weil sie den Albumverlauf abwechslungsreicher macht, ohne einen Bruch zu erzeugen. Der Druck bleibt erhalten, auch wenn der Vorwärtsdrang etwas nachlässt.
Gerade in dieser Abfolge wirkt die Zusammenstellung schlüssig und überlegt. Wer zunächst gezielt hineinhören möchte, sollte sich 'Grifter' vornehmen: Der schleppende Rhythmus und die düstere Atmosphäre zeigen, wie viel Wucht 'Ministry' auch mit etwas gedrosseltem Tempo entwickeln können. Dazu empfiehlt sich 'We’re Still Here', das mit seiner melancholischen, groß angelegten Stimmung eine andere Facette des Albums eröffnet. Die Beteiligung von 'Paul Barker' verleiht dem Abschlusstitel zusätzliches Gewicht: Hier treffen die gemeinsame Bandgeschichte und der angekündigte Abschied unmittelbar aufeinander. Zwei Anspieltipps also, die über die aggressive Eröffnung hinausführen und neugierig auf den weiteren Verlauf machen. Gerade in dieser Abfolge wirkt die Zusammenstellung schlüssig und überlegt.
An die großen Klassiker reicht 'Hate To Go – Take Out Or Delivery' für mich dennoch nicht heran. Die vertraute Machart und die stellenweise eher solide erste Hälfte begrenzen den Überschwang. Insgesamt ist es aber eine tolle Veröffentlichung, deren Stärken im Zusammenspiel von Gitarren und industrieller Rhythmik sowie im stimmigen Aufbau liegen. Fans von riffbetontem Industrial Metal können hier sehr gut anknüpfen. Sollte dies tatsächlich der letzte Studiogruß von 'Ministry' sein, verabschiedet sich die Band mit einem überzeugenden Album. Den Rentenantrag würde ich vorsichtshalber trotzdem mit Bleistift ausfüllen.