Das Werk eines oder einer Kunstschaffenden ist auch immer das Ergebnis seiner/ihrer gesammelten Erfahrungen. Ein Gemälde, ein Buch oder auch ein Album fasst das bisher angehäufte handwerkliche Wissen zusammen und setzt sie mit vielleicht neuen Inspirationsquellen zusammen. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf sollte man sich dem neuesten Werk "Oxymore" des französischen Elektronik-Urgesteins Jean-Michel Jarre nähern, um es besser zu verstehen. Denn was einst vor rund 45 Jahren mit dem Electro-Pop-Meilenstein "Oxygene" begonnen hat, findet sich mittlerweile nur noch spurenelementartig wieder. Auch die "Oxy-"Silbe im Albumtitel, die eine vermeintliche Verbindung zu Jarres musikalischen Anfängen andeutet, enthält nur die halbe Wahrheit.

Tatsächlich besinnt sich der 74-jährige Franzose (dem man sein Alter aber nicht im geringsten ansieht) auf einen für ihn und ganz Frankreich besonderen Komponisten: Pierre Henry, Wegbereiter der elektronischen Musik und vor allem der so genannten "Musique concrète", deren Vertreter Mitte des 20. Jahrhunderts Musik aus auf Tonträgern gespeicherten Klängen und Geräuschen komponieren (einige Jahrzehnte später, und dank immer besserer Technik, wird dieses Verfahren auch in die Popmusik als "Sampling" eingehen). Jarre wollte sogar mit ihm kollaborieren, doch Henry verstarb leider nach schwerer Krankheit im Jahre 2017. Seine Witwe hat ihm jedoch einige Sounds zur Verfügung gestellt, die nun "Oxymore" bereichern. Gleich zu Beginn in "Agora" hört man den Grandseigneur elektronischer Klänge unter industriellen Sounds über sein Verständnis von Musik sinnieren.

Womit wir auch bei Jarres neuem Klangverständnis sind. Denn von den melodiösen Instrumentalen hat sich der Mann offensichtlich verabschiedet. Sie tauchen nur kurz und dekonstruiert in den elf Songs auf, wie ein flüchtiger Blick zurück. Dafür nehmen nun neue, wesentlich düstere und perkussivere Elemente das Heft in die Hand. Die körnige Basslinie in "Zeitgeist", gepaart mit den verhäckselten Worten Henrys aus einem Interview heben die Ideen der "Musique concrète" auf ein neues Level. Ebenso steigt "Brutalism" in einen tönernen Hades hinab. Komplex zerschnipselte Sounds wirken zunächst wie ein Satz Mikado-Stäbchen, den man auf den Tisch fallen lässt. Doch ein genaueres Hinhören ist erforderlich, um zu erkennen, wie vielschichtig und vor allem durchdacht dieses Stück, und überhaupt die ganze Platte, ist.

Wer die künstlerische Vita von Jarre kennt, weiß aber, dass Alben immer nur Mittel zu einem übergeordneten Zweck sind. Früher waren es die massiven Live-Shows, die seiner Musik die passende Visualisierung liefern sollten. Doch trotz seines fortgeschrittenen Alters hat der Mann die Zeichen der Zeit erkannt und "Oxymore" nicht nur in einen binauralen 3-D-Sound komponiert (der nicht nur bei einer High-End-Stereo-Anlage, sondern auch bei stinknormalen Laptop-Boxen hervorragend klingt), sondern auch um sein 22. Studioalbum gleich noch die virtuelle Realität mit einbezogen, indem er mit "Oxyville" eine Musikstadt im Internet ins Leben gerufen hat, wo er hin und wieder auftreten wird, wie er erklärte. Zukünftig sollen auch andere Musiker in "Oxyville" gastieren und die Möglichkeit haben, sich untereinander auszutauschen. Dagegen wirken die ABBAtare wie eine putziges Laienschauspiel.

Dieser neu eingeschlagene Weg wird Traditionalisten sicherlich verstören, manchen werden vielleicht sogar mit blanker Abneigung gegen "Oxymore" wettern, weil sie nicht mehr den Kern der Songs erkennen. Doch der Mittsiebziger muss niemandem mehr etwas beweisen. Trotzdem, oder gerade deswegen, zählt dieses Album zu Jarres besten seiner Laufbahn.