Falls das Universum eines Tages zusammenklappt, wäre die Frage nach der passenden Musik immerhin geklärt. 'Lustmord' und 'Dave Lombardo' hätten da etwas vorbereitet. Auf 'The Pulse Of Atoms' entwerfen die beiden Klangräume, in denen menschliche Größenordnungen ziemlich klein aussehen. Tiefe Drones breiten sich aus, Geräusche ziehen durch die Dunkelheit, und das Schlagzeug gibt dieser gewaltigen Leere einen Puls. Dass ausgerechnet der durch 'Slayer' bekannte 'Lombardo' dabei die Wirkung der Zurückhaltung auslotet, gehört zu den reizvollsten Ideen dieser Zusammenarbeit. Für die Abschiedsfeier des Universums also durchaus geeignet. Bei der anschließenden Polonaise könnte es schwierig werden.
Hinter 'Lustmord' steckt der walisische Musiker 'Brian Williams', einer der prägenden Namen des Dark Ambient. Seine musikalischen Wurzeln liegen im experimentellen Industrial der frühen Achtziger. 'Dave Lombardo' wiederum hat seine Experimentierfreude längst auch bei 'Fantômas' und 'Dead Cross' ausgelebt. Kennengelernt haben sich die beiden laut offizieller Künstlerinformation backstage bei einem Konzert von 'Fantômas', vermittelt durch 'Buzz Osborne' von den 'Melvins'. Aus dieser Begegnung ist mit 'Lustmord Lombardo' inzwischen ein gemeinsames Projekt geworden. Sein Debüt 'The Pulse Of Atoms' erschien am 2. Oktober 2026 über 'Ipecac Recordings' und umfasst sieben Stücke mit insgesamt rund 56 Minuten Spielzeit. Ausgangspunkt waren Klangentwürfe von 'Lustmord', die 'Lombardo' um Schlagzeug und zusätzliche Synthesizer-Schichten erweiterte. Der Rhythmus musste seinen Platz innerhalb dieser offenen Klangräume finden. Beide haben das Album geschrieben, aufgenommen und produziert. Die Credits führen 'Lustmord' für die Klanggestaltung, den Mix und das Mastering; 'Lombardo' steuert neben Drums und Percussion auch synthetische Klänge und Editing bei. Seine Rolle reicht damit über die des prominenten Schlagzeugers hinaus.
Den kosmischen Maßstab benennt 'Lustmord' selbst: Er beschreibt die Musik mit Bildern von sterbenden Planeten, entstehenden Sternen und dem Werden und Vergehen des Universums. Das klingt zunächst nach einer ziemlich ehrgeizigen Zuständigkeitsbeschreibung für sieben Stücke Musik. Es erklärt aber den Ansatz dieses Projekts: Zeit, Ausdehnung und Klangbewegung sind hier wesentliche Gestaltungsmittel. Das Album soll sich nach dem Willen seines Mitautors auch keiner bestimmten Epoche eindeutig zuordnen lassen. Wer bei Dark Ambient ausschließlich an feuchte Keller denkt, darf den Blick also ruhig etwas weiter nach oben richten.
Musikalisch beginnt die Reise allerdings in der Tiefe. Lang ausgehaltene, bassreiche Töne bilden das Fundament, während elektronische Flächen und schwer zu bestimmende Geräusche darüber hinwegziehen. Der Klang wirkt zugleich weitläufig und bedrängend. Über dem tiefen Fundament reiben sich raue Texturen aneinander; stellenweise schneiden schrille Geräusche durch die Flächen. Klangmassen schwellen an, geraten in Bewegung und sinken wieder in fast reglose Zustände zurück. Gerade an diesen rauen Oberflächen wird 'Lustmords' Industrial-Herkunft greifbar. Melodien bieten selten einen festen Halt. Das ist eine filmische Musik, die Bilder anstößt, ohne sie fertig auszuformulieren. Gerade diese Offenheit macht ihren Reiz aus: Die Bedrohung bleibt unbestimmt, und die Vorstellungskraft übernimmt den Rest.
Dabei bewegt sich 'The Pulse Of Atoms' zwischen dunkler Versenkung und körperlicher Unruhe. Ruhigere Abschnitte schaffen Distanz, dichtere Klangballungen und Percussion holen das Geschehen wieder näher heran. Die industrielle Seite steckt in der rauen Klangästhetik und im Druck der Texturen; als durchgehend antreibende Maschinenmusik funktioniert das Album kaum. Seine Dynamik entsteht im Wechsel zwischen Schweben und Verdichtung. Das macht die Musik zugänglich für Menschen, die gerne in Atmosphären eintauchen, verlangt aber Aufmerksamkeit für Entwicklungen, die sich langsam vollziehen.
Der entscheidende zusätzliche Reiz ist das Schlagzeug. 'Dave Lombardo' steht keineswegs durchgehend im Vordergrund: Er setzt Akzente, arbeitet mit Becken und gibt den elektronischen Klangmassen eine zeitliche Struktur. Rockorientierte Figuren und stellenweise jazzig wirkende Bewegungen bringen unterschiedliche Formen von Spannung hinein. Schon ein zurückhaltender Einsatz kann dabei die Szene verändern. Ein Raum kann noch so finster sein – sobald darin etwas klopft, bekommt er eine andere Bedeutung. Für mich liegt genau darin die Stärke dieser Zusammenarbeit: Die Percussion macht aus schwebender Bedrohung etwas Greifbares. Ihre Wirkung erklärt sich aus ihrem Verhältnis zur Umgebung, nicht allein aus technischer Virtuosität.
Das entbindet die Musik allerdings nicht von der Frage nach ihrer Länge. Langsamkeit kann Spannung aufbauen; sie kann eine bereits etablierte Stimmung auch unnötig ausdehnen. Für meinen Geschmack bewegt sich 'The Pulse Of Atoms' stellenweise an dieser Grenze. Eine Atmosphäre über viele Minuten zu halten, ist eine Stärke – sie rechtfertigt für mich aber nicht automatisch jede zusätzliche Minute. Wer wegen 'Lombardo' ein Album voller markanter Schlagzeugparts erwartet, wird ebenfalls nicht durchgehend bedient. Diese Erwartung ist verständlich, macht die Zurückhaltung aber nicht grundsätzlich zum Problem. Für mich tragen die Atmosphäre und die rhythmischen Verdichtungen das Gesamtwerk; etwas mehr Straffung würde seiner Konzentration trotzdem helfen.
Mein Anspieltipp ist 'Paleomagnetic Resonance'. Das von Becken geprägte Schlagzeugspiel bringt Bewegung in eine Umgebung aus tiefen elektronischen Klängen und luftigeren Texturen. Gerade dieser Gegensatz macht das Stück als Einstieg interessant: Man bekommt sowohl die räumliche Wirkung der Elektronik als auch die Energie der Percussion zu fassen. Es zeigt das Prinzip der Zusammenarbeit anschaulich und bietet Orientierung in einem Album, das mit vertrauten Songstrukturen sparsam umgeht.
'The Pulse Of Atoms' ist für mich eine überzeugende Zusammenarbeit mit hörbaren Grenzen in der Dramaturgie. Die langsame Entwicklung gehört wesentlich zu seiner Wirkung; einzelne Passagen könnten trotzdem straffer sein. Besonders reizvoll ist, dass die unterschiedliche Herkunft der Beteiligten erkennbar bleibt und daraus eine gemeinsame musikalische Spannung entsteht.
Freunde von Dark Ambient, experimenteller Elektronik und ungewöhnlicher Percussion finden hier viel mehr als einen interessanten Namen auf dem Cover. Wer eingängige Songs und permanente rhythmische Bewegung sucht, dürfte weniger Freude daran haben. Mich überzeugt vor allem, wie wirkungsvoll 'Lustmord Lombardo' mit Erwartung und Zurückhaltung arbeiten. Bei einem Schlagzeuger dieses Kalibers darf schließlich auch einmal entscheidend sein, wann er nicht spielt.
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