Bei Llumen standen schon vor dem ersten Hördurchgang vier ziemlich große Namen im Raum: Covenant, VNV Nation, Diorama und Assemblage 23. Das Label Alfa Matrix empfiehlt ‘Winter Eden’ ausdrücklich deren Fans. Als Orientierung ist das verständlich, als Messlatte allerdings dann doch gewaltig. Wer zum Abendessen einlädt und vorher vier Sterneköche als Referenz nennt, sollte sich über kritische Blicke auf die Kartoffeln nicht wundern. Beim Hören beschäftigt mich dann aber zunächst eine ganz andere Frage: welcher Refrain sich zuerst im Kopf festsetzt.

Hinter Llumen steht der Genter Künstler Pieter Coussement, der das Projekt schon seit 2001 betreibt. ‘Winter Eden’ erschien am 30. Oktober 2026 bei Alfa Matrix als viertes Album und folgt auf ‘The Breaking Waves’ von 2024. Die zwölf Stücke gibt es auf CD und - wenig überraschend - auch digital. Thematisch kreisen die Themen um Isolation und Verbundenheit, Verlust und Erneuerung, um die Wärme, die mitten im Winter entstehen kann.

Klanglich passt das alles auch schon recht gut zusammen. Über federnden Beats breiten sich weite Synthesizerflächen aus, die den Songs Tiefe geben und selbst die zugänglichsten Passagen ein wenig entrückt wirken lassen. Melancholie und Zuversicht liegen dicht beieinander. Die Produktion ist sauber, ohne steril zu glänzen, und man kann sich in diesem Klangraum verlieren, ohne den Takt aus dem Fuß zu verlieren. Gut hören kann man das beispielsweise an ‘Away From Here’. Der Track treibt kräftig nach vorn, die leicht modulierte Stimme gleitet durch die elektronischen Schichten, und die Hooks sitzen nach dem ersten Durchgang. ‘Eden After Winter’, dessen Titel das Albumthema umkehrt, kommt mit einem monotonen, fast stoischen Beat aus und braucht doch nur eine einzige starke Melodie, um zu fesseln. Und dann ‘Behind The Door’: Plötzlich trägt ein Klavier den Song, die Beats treten zurück, und es bleibt ein trauriger, nachdenklicher Eindruck, der länger nachhallt als jeder Clubrefrain.

Gerade dieses Stück macht allerdings deutlich, was dem Album an anderen Stellen fehlt: Abwechslung. Viele Songs folgen einem ähnlichen Bauplan, und die Stimme wird fast durchgehend gleich bearbeitet. Was bei ‘Away From Here’ reizvoll klingt, nutzt sich über die Albumlänge ab. Wer am Stück hört, fragt sich irgendwann, ob gerade noch der vorige Song läuft oder schon der nächste. Gerade die Stimme hätte hier Kontraste setzen können, bleibt aber meist im selben Effektgewand.

Und die Sterneköche? An deren Niveau reicht ‘Winter Eden’ für mich nicht heran. Das liegt allerdings auch an der Frage, die das Label überhaupt erst aufgeworfen hat. Mit vier Szenegrößen als Referenz erweist Alfa Matrix dem Projekt einen zweischneidigen Dienst: Die Namen sorgen für Aufmerksamkeit, legen die Latte aber so hoch, dass Llumen eigentlich nur enttäuschen kann. Wer so angekündigt wird, muss nicht ein gutes Album abliefern, sondern ein Meisterwerk. Mir kommt beim Hören ohnehin eher Colony 5 in den Sinn, mit derselben Verbindung aus melodischer Direktheit, elektronischer Klarheit und einer dunkel gefärbten, aber einladenden Stimmung. Das funktioniert auf der Tanzfläche ebenso wie beim konzentrierten Hören zu Hause. Die Nebelmaschine darf also mit, muss aber keinen eigenen Sitzplatz bekommen.

Wer Futurepop mit weiten Synthesizerflächen und eingängigen Refrains mag, bekommt hier ein stimmungsvolles, sorgfältig produziertes Album, das seine stärksten Momente dort hat, wo es aus dem eigenen Schema ausbricht. Als Einstieg empfiehlt sich ‘The Leftovers’ mit seinem drängenden Rhythmus. Danach lohnen sich vor allem ‘Away From Here’, ‘Eden After Winter’ und ‘Behind The Door’. Man sollte ‘Winter Eden’ aber nur an dem messen, was es selbst auf den Tisch bringt. Die vier Sterneköche können sich wieder setzen. Hier schmeckt es nämlich auch so.