KW - Schmalspur

KW - Schmalspur

Im Ballroom Esterhofen blieb ich damals öfter hängen. Dort liefen einem nämlich reichlich schräge - aber interessante - Gestalten über den Weg – Menschen, bei denen man nach einem kurzen Gespräch nicht unbedingt schlauer war, aber immerhin neue Fragen hatte. Einer davon war 'KW'. Von ihm staubte ich damals irgendwann eine Kassette namens 'Schmalspur" ab. Wo die heute steckt? Keine Ahnung. Vermutlich in einer Kiste, deren Öffnung eine archäologische Genehmigung erfordert. An die Musik erinnere ich mich dagegen bestens. Vor allem an einen gewissen 'Schutzhelmi', der von Farben verprügelt wird. Andere Leute hatten damals Liebeskummer. Wir hatten so etwas. Verrückt was?

Hinter 'KW' steckte 'Günter Kröninger', der Musik und Texte verantwortete. 'Schmalspur' erschien 1992 als limitierte Eigenveröffentlichung auf Kassette, produziert im ':Wumpscut:'-Studio. Ebenfalls für 1992 verzeichnet ist 'Schmalspur X', die um drei Stücke erweiterte Fassung. Genau diese Ausgabe landete damals bei mir und prägt meine Erinnerung an 'KW'. 2017 wurde sie mit überarbeitetem Mastering über die Bandcamp-Seite von ':Wumpscut:' digital zugänglich gemacht. Eine erfreuliche Rettungsaktion für Musik, die sonst womöglich irgendwann zusammen mit meiner Kassette zwischen alten Kabeln und einem unbrauchbaren Walkman verschwunden wäre.

Musikalisch bewegen wir uns in experimenteller Elektronik mit Industrial-Nähe und einer kräftigen Portion Dada. Die Stimme ist dabei genauso eigenwillig wie die Musik: Zwischen Gesang und gesprochenem Vortrag werden Wortfetzen verschoben, Silben miteinander verkuppelt und Reime gefunden, deren Sinn sich keineswegs automatisch mitliefert. Man runzelt die Stirn und hört trotzdem umso aufmerksamer zu. Für mich liegt der Reiz gerade darin, wie die Elektronik diesem Sprachirrsinn eine Atmosphäre gibt. Selbst wenn es sphärisch und dunkel wird, kann der nächste Satz die Stimmung völlig ins Absurde kippen. Die Musik trägt die Geschichten, während 'KW' mit großer Selbstverständlichkeit Dinge erzählt, für die andere erst einmal eine sehr lange Einleitung benötigen würden.

'Pflichtwicht' ist dafür ein wunderbares Beispiel. Schon der Titel klingt nach einem kleinen, schlecht gelaunten Wesen, das im Finanzamt irgendwo Formulare bewacht. Dann geht es um Cordhosen, die offenbar der Verwahrlosung entgegengehen, bevor die Zeile „Der Pflichtwicht sieht seine Gicht nicht“ das sprachliche Betriebssystem endgültig ins Schleudern bringt. Ein paar ähnlich klingende Wörter reichen, und plötzlich steht eine Figur im Raum, über deren Gesundheitszustand man mehr erfährt als über ihren eigentlichen Zweck. Man versucht noch, den Satz zu sortieren, während 'KW' vermutlich längst weitergezogen ist. Ich mag diesen Unsinn gerade deshalb, weil er so entschieden vorgetragen wird. Da erklärt niemand vorsorglich die Pointe. Der 'Pflichtwicht' hat Gicht. Bitte selbst damit zurechtkommen.

Mein erster Anspieltipp ist allerdings ganz klar 'Schutzhelmi In Not'. Für mich ist das der eingängigste Song und zugleich das schönste Beispiel dafür, wie gut dieser eigensinnige Kosmos funktioniert. Der Beginn schwebt sphärisch und beinahe düster dahin. Man richtet sich auf etwas Geheimnisvolles ein, vielleicht eine kleine elektronische Bedrohungslage. Die bekommt man tatsächlich – allerdings in Gestalt von lauter bunter Farben. „Das böse Blau greift ihn an“, heißt es, gefolgt von einem „Autsch“. Kurz darauf wird auch Rot handgreiflich. Wer bisher dachte, eine Farbberatung sei eine harmlose Angelegenheit, sollte dringend seine Versicherungsbedingungen prüfen. Während die Elektronik diese durchgeknallte Geschichte trägt, wird 'Schutzhelmi' von weiteren Farben zugerichtet und liegt schließlich am Boden. Und dann kommt die Rettung: 'Harry', der Halbtagsgartenzwerg, hilft ihm mit seinem schwarzen Glücksdraht, bevor beide ins unendliche Nichts flüchten. Natürlich. Was auch sonst? Ein Vollzeitgartenzwerg wäre womöglich bereits im Feierabend gewesen. Ich finde diese Geschichte großartig, gerade weil sich die schwebende, dunkle Musik und der groteske Text so schön gegenseitig verstärken. Man kann über das Geschehen lachen und gleichzeitig völlig in dieser seltsamen kleinen Welt versinken. Genau diese Verbindung macht 'Schutzhelmi In Not' für mich zum Höhepunkt: Die Atmosphäre zieht einen hinein, und die Geschichte sorgt dafür, dass man den Song so schnell nicht wieder vergisst.

Auch 'Metzecher Klimperlieder', 'Bussibär Wigwam', 'Lapidar Kaviar' und 'Mehlwurmfänger' passen bestens in diesen Kosmos. Schon die Titel machen Spaß; die übrigen Stücke setzen das Spiel mit schräger Elektronik, eigenwilliger Stimme und sprachlichen Verrenkungen fort. Wer bei einem Songtext unbedingt wissen möchte, was uns der Künstler damit sagen will, muss hier ein beträchtliches Überstundenkonto einplanen. Man sollte Freude an absurdem Sprachspiel mitbringen und sich auf Musik einlassen können, die ihren eigenen Regeln folgt. Mir macht genau diese Unberechenbarkeit einen Heidenspaß.

Was konnte man damals noch alles auf eine Kassette packen und unter die Leute bringen! 'Schmalspur' und 'Schmalspur X' erinnern mich an die Freude daran, eine Idee einfach auszuprobieren, selbst wenn sie sich niemandem in zwei vernünftigen Sätzen erklären lässt. Für mich ist diese Art der Musik eine herrlich eigenständige Entdeckung geblieben: elektronisch reizvoll, wunderbar schräg und voller Geschichten, die sich über Jahrzehnte im Kopf festsetzen. Wer experimentelle Elektronik und absurden Humor mag, sollte 'KW' unbedingt kennenlernen. Bei 'Schutzhelmi In Not' anfangen und dann weiter in diese sonderbare Welt eintauchen. Meine Kassette bleibt leider vorerst verschollen, und auch 'Günter Kröninger' habe ich aus den Augen verloren. Soweit ich weiß, blieb es bei dieser einen Veröffentlichung samt erweiterter Fassung. Der Ballroom Esterhofen ist inzwischen einem Neubaugebiet gewichen. Ein Stück meiner damaligen Welt ist damit verschwunden – aber 'Schutzhelmi' und sein Halbtagsgartenzwerg wohnen weiterhin mietfrei in meinem Kopf. Und die ziehen offenbar auch nicht mehr aus.

KW - Schmalspur
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