Nobdrun - Labinas

Nobdrun - Labinas

In der Münchner Szene der Neunziger hatte man gelegentlich den Eindruck, dass der Erwerb schwarzer Kleidung automatisch zur Veröffentlichung eigener Musik verpflichtete. Kaum kannte man jemanden, hatte der schon ein Tape, ein Projekt oder eine bedenklich konkrete Vorstellung davon, wie sich ein kaputter Kompressor vertonen ließ. Gefühlt wohnte außerdem fast die ganze Szene am Münchner Grainerberg. Andere Wohngegenden hatten eine Hausgemeinschaft. Dort gab es offenbar gleich eine Industrial-Abteilung. In diesem Umfeld begegnete mir auch 'Garfield' (Richard Donhauser), der mit seinem Projekt 'Nobdrun' einen ausgesprochen eigenwilligen Beitrag zum örtlichen Geräuschaufkommen leistete. 'Labinas' erschien 1996 als CD bei Donhauers eigenem Label 'Liquid Harsh' und wird vom Genre her irgendwo zwischen Rhythmic Noise, Industrial und Noise einsortiert. Eine passende Nachbarschaft, wobei das Wort „Rhythmic“ bei mir zunächst eine Suchaktion auslöst. Was ich hier höre, erinnert stärker an eine düstere Maschinenhalle als an einen verlässlich greifbaren Tanzflächenrhythmus. Der Körper möchte sich bewegen, weiß aber noch nicht, ob er tanzen oder die Berufsgenossenschaft verständigen soll.

'Labinas' ist monoton, verzerrt, finster und ausgesprochen hartnäckig. Raue Geräusche schieben sich ineinander, Wiederholungen verbinden sie zu einem beharrlichen Geräuschfluss. Die Verzerrung verwischt Konturen und gibt der Musik eine schmutzige, abweisende Oberfläche. Es knirscht, dröhnt und arbeitet weiter, ohne dass plötzlich ein freundlicher Refrain die Tür aufmacht. Für mich entsteht die Spannung gerade aus diesem Beharren: Man wartet zunächst auf etwas, das einen durch die Musik führt, und beginnt irgendwann, sich im Krach selbst zu orientieren. Gemütlich wird es deshalb noch lange nicht. Die kompromisslose Härte dieser Musik war für mich schon damals eine Herausforderung und ist es bis heute geblieben. Zugleich besitzt sie eine eigentümliche Faszination, der ich mich nur schwer entziehen kann. Aus Monotonie und Verzerrung entsteht eine bedrückende Präsenz; der kalte, sperrige Klang zieht mich gerade durch seine Konsequenz hinein. Zwischen Überforderung und Neugier möchte ich immer noch einmal genauer hinhören. Titel wie 'Elektrolyse', 'Verkohlter Körper' und 'Endzeitvision' passen bestens dazu.

Wer diese Welt kennenlernen möchte, dem würde ich empfehlen, am Albumanfang einzusteigen und dem Klang etwas Zeit zu geben. Der Reiz liegt für mich in dieser Erfahrung als Ganzes. Untrennbar mit 'Nobdrun' verbunden ist allerdings auch eine Erinnerung an einen Auftritt in Esterhofen. Wobei „Auftritt“ schon gefährlich nah an „Konzert“ liegt, und dieses Wort durfte man damals selbstverständlich nicht verwenden. Es war eine Performance. Ein Konzert hatte Songs. Eine Performance hatte Zustände. Und gelegentlich einen Streit mit dem Bühnentechniker. Nach ein paar Stücken war damals dann nämlich schnell Schluss. Nach meiner Erinnerung warf 'Garfield' dem Techniker vor, dass die vierte Spur fehlte. Die vierte Spur! Ich hatte bis dahin vor allem versucht, innerhalb des gesamten Maschinenbetriebs meine eigenen Gedanken wiederzufinden. Ob eine Spur mehr oder weniger durch die Lautsprecher lief, hätte ich beim besten Willen nicht feststellen können. Vermutlich ging es anderen ähnlich. Für 'Garfield' war der Unterschied offenbar entscheidend, und die Performance wurde abgebrochen. Drei Spuren waren eben keine vier, selbst wenn sie für mich bereits ein mittelgroßes Industriegelände vollständig vertonten. Rückblickend zeigt das auch seinen Anspruch: Wo ich kaum unterscheidbaren Krach hörte, hatte er offenbar eine genaue Vorstellung davon, wie dieser Krach klingen sollte.

Damit war der Abend aber noch nicht erledigt. Ein paar andere Leute aus dem Szeneumfeld sprangen kurzerhand ein und schrien noch einen kurzen Song – Verzeihung: performten. Wer genau beteiligt war, bekomme ich heute nicht mehr zuverlässig zusammen. Eine Person habe ich allerdings klar in Erinnerung: 'Rudy Ratzinger' von ':Wumpscut:'. Es war das erste und vermutlich einzige Mal, dass ich ihn bei einer Performance kurz auf einer Bühne gesehen habe. Dieses Bild ist geblieben. Man ging nach Esterhofen, es gab Streit um eine Tonspur, und plötzlich stand jemand auf der Bühne, den man dort überhaupt nicht erwartet hatte. Diese Szene konnte sogar ihre technischen Probleme noch in Erinnerungen verwandeln.

Man muss für das Release Freude an kompromisslosem Lärm mitbringen. Die Monotonie kann einen hineinziehen, sie kann aber genauso eine Wand bleiben. Wer Melodien, deutlich gegliederte Songs oder einen zuverlässig tragenden Groove sucht, wird hier vermutlich wenig finden, das seinen Erwartungen entgegenkommt. Ich mag gerade diese störrische Konsequenz. Der Krach beansprucht den Raum und fordert eine Reaktion. Meine lautet seit damals ungefähr: Was für ein unfassbarer Lärm. Bitte noch einmal.

'Labinas' bleibt für mich ein extremes, eigenständiges Stück dieser Vergangenheit. Wer Industrial und Noise als wirkliche Herausforderung hören möchte, sollte 'Nobdrun' eine Chance geben. Für alle anderen dürfte bereits ein kurzer Besuch in dieser Maschinenhalle reichen. Ich bleibe gern noch etwas länger. Solange alle vier Spuren da sind. Ich würde es zwar vermutlich wieder nicht merken – aber ich möchte diesmal das Ende der Performance erleben.

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