Wie klingt es, wenn eine Band auf einer Party auftaucht, die andere mit ihren Ideen geschmissen haben? Bei 'Kraftwerk' klingt es nach 'The Mix'. Anfang der Neunziger hatten längst andere Produzenten aus dem Düsseldorfer Maschinenpop Ideen für ihre eigenen Clubtracks gezogen. 1991 legten 'Kraftwerk' aber dann selbst nochmal nach. Für die elf Tracks von 'The Mix' bearbeiteten sie ihren eigenen Katalog digital. Die neuen Abmischungen klingen dann auch verblüffend klar, mit kräftigeren Bässen und Rhythmen, die auf die Tanzfläche ziehen. Das Schöne daran ist, wie viel Spaß die Band scheinbar mit ihrem eigenen Material hat. Die Roboter behalten die Miene, der Rest des Raumes darf sich dann auch noch bewegen.
Für ihr Remixalbum griffen 'Kraftwerk' auf Stücke aus der Zeit von 'Autobahn' (1974) bis 'Electric Café' (1986) zurück. Im Düsseldorfer 'Kling Klang'-Studio übertrug die Band um 'Ralf Hütter' und 'Florian Schneider' die Originalspuren von den alten Bändern auf ein digitales System. Auf dieser Grundlage programmierte sie Klänge neu und baute manche Arrangements um. Die Neufassungen prägten ihre Konzerte über Jahre. Mit dem digitalen Material konnte die Band auch auf der Bühne einzelne Spuren stummschalten oder Passagen spontan verlängern.
Mich begeistert heute vor allem, wie viel Platz in diesem Mix trotz des satten Basses bleibt. Die Bassdrum setzt trocken auf, metallische Schläge blitzen dazwischen auf, und selbst kurze Synthesizertöne gehen im Gedränge selten unter. Darüber entfalten sich diese einfachen, oft erstaunlich sehnsüchtigen Melodien. Am meisten Spaß machen mir die Momente, in denen das Arrangement kurz ausdünnt und der Bass bei seiner Rückkehr wieder das ganze Stück anschiebt. Dazu liefern die Vocoderstimmen ihre Silben mit einer Amtlichkeit ab, als müsse die nächste Tanzbewegung erst gestempelt werden.
Manche Melodien wirken in den alten Aufnahmen verträumter. Der Rhythmus lässt ihnen mehr Zeit, und die kleinen Pausen gehören dort zur Spannung. Auf 'The Mix' schiebt der Beat häufiger durch. Im Sessel vermisse ich gelegentlich dieses Schweben. Laut aufgedreht verstehe ich sofort, warum die Düsseldorfer den Groove so beharrlich laufen lassen. Er trägt die Stücke auch dann, wenn oben gerade nur eine Handvoll Töne zu hören ist. Meine beiden Anspieltipps sind 'Die Roboter' und 'Radioaktivität'. Bei 'Die Roboter' reicht mir das kleine Synthesizermotiv, und ich bin sofort drin. Unter den stoischen Vocoderstimmen arbeitet eine Basslinie, die das Stück in Bewegung hält. Für mich einer der funkigsten Momente der Platte. Ausgerechnet hier war der Ablauf live von Anfang bis Ende festgelegt, wie 'Ralf Hütter' 1992 erzählte. Der Computer steuerte die Bewegungen der Bühnenroboter passend zur Musik.
'Radioaktivität' packt mich dann auf eine andere Weise. Das Original von 1975 spielte mit der Doppeldeutigkeit von Radiowellen und radioaktiver Strahlung. Die Fassung von 1991 formuliert eine klare Warnung und nennt Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield und Hiroshima. Der Beat federt weiter, während die Stimmen die Ortsnamen fast regungslos aufsagen. Gerade weil mich der Rhythmus so mühelos mitzieht, treffen mich diese Namen umso härter. Für mich gehört 'The Mix' damit zu den Platten, die ich beim Wiederhören fast automatisch lauter drehe. Wer Electro, Synthpop oder frühen Techno mag, bekommt hier reichlich Stoff für die Tanzfläche. Mit Kopfhörern macht es genauso viel Spaß, den kleinen Geräuschen zwischen Bass und Melodie nachzugehen. Und wenn 'Die Roboter' schon beim ersten Stück so loslegen, bleibe ich auf dieser Party gern bis zum Schluss.
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