Kissin' Dynamite - Kissin' Dynamite

Kissin Dynamite - Kissin Dynamite

Ein Album nach der eigenen Band zu benennen, ist normalerweise etwas für Debütanten, Identitätssucher oder Gruppen, denen nach acht Platten schlicht die Wörter ausgegangen sind. Bei 'Kissin’ Dynamite' liegt der Fall anders: Die Schwaben versehen ausgerechnet ihr neuntes Studioalbum mit dem eigenen Namen – in jenem Moment, in dem sich die vertraute Stimme der Band von der Bühne verabschiedet. Das klingt zunächst ungefähr so logisch wie ein neues Namensschild beim Auszug. Tatsächlich ist 'Kissin’ Dynamite' aber weniger Schlussstrich als Standortbestimmung: Wo kommen wir her, was ist aus uns geworden und wie geht es weiter, wenn vorne am Mikrofon künftig jemand anderes steht?

Fast zwei Jahrzehnte lang prägte 'Hannes Braun' die Band nicht nur als Sänger, sondern auch als Songwriter, Produzent und unübersehbares Zentrum ihrer Shows. Aus einer schwäbischen Schülerband wurde eine international tourende Hard-Rock-Formation, aus jugendlichem Größenwahn wurden über 1.000 Konzerte und mit 'Back With A Bang!' 2024 schließlich sogar Platz eins der deutschen Albumcharts. Weil ihn das Tourleben mit Reisen, Schlafmangel, Druck und Dauerstress gesundheitlich zunehmend belastet, zieht sich 'Hannes Braun' nach den drei großen Abschiedskonzerten 2026 als Frontmann zurück. Ganz weg ist er jedoch nicht: Als Autor, Produzent und kreativer Kopf bleibt er an Bord. Auch deshalb klingt dieses Album nicht nach Beerdigung, sondern nach einer sehr lauten Schlüsselübergabe.

Am 18. September 2026 erschien 'Kissin’ Dynamite' erstmals über das bandeigene Label 'Kissin’ Dynamite Records'. Dreizehn Stücke und knapp 50 Minuten verbinden Gegenwart und Frühgeschichte: Sieben Songs der ersten beiden Alben 'Steel Of Swabia' und 'Addicted To Metal' wurden vollständig neu eingespielt, sechs weitere Stücke entstanden neu für dieses Album. Das ist keine gewöhnliche neue Platte, aber auch kein bequemes Best-of mit frisch poliertem Cover. Eher eine musikalische Selbstvermessung, bei der die Band ihre frühen Entwürfe mit dem Können von heute noch einmal auf den Prüfstand stellt.

Klanglich steht darauf sehr deutlich: Arena Rock. Die Gitarren von 'Ande Braun' und 'Jim Müller' sind breit, sauber und druckvoll, der Bass von 'Steffen Haile' hält das Fundament zusammen und 'Sebastian Berg' trommelt so präzise, dass selbst die Konfettikanone pünktlich einsetzen dürfte. Darüber liegen Chöre, melodische Leads und Refrains, die nicht an die Kneipenecke, sondern vorsorglich bis zur letzten Hallenreihe adressiert sind. Hard Rock, Glam Metal, etwas Melodic Metal und eine ordentliche Portion Achtziger-Pathos werden modern produziert, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Spontane Kanten oder stilistische Kontrollverluste stehen allerdings nicht auf dem Programm; dafür sitzt jeder Refrain, als wäre er vorab mit dem Hallenplan abgeglichen worden. Wer große Melodien mag, bekommt reichlich Gegenwert.

Besonders reizvoll ist der direkte Vergleich zwischen dem jugendlichen Material und der Band von heute. Die Neuaufnahmen besitzen mehr Tiefe, härtere Konturen und erheblich mehr Druck als die Originale. Vor allem 'Hannes Braun' macht den Unterschied: Wo einst ein erstaunlich talentierter Teenager mit noch nicht vollständig abgeschlossenem Stimmbruch gegen die Gitarren antrat, singt heute ein erfahrener Frontmann mit Kontrolle, Kraft und deutlich mehr Wärme. Die alten Kompositionen werden dadurch nicht neu erfunden, aber in jene Größenordnung gehoben, die ihre Verfasser damals vermutlich schon im Kopf hörten – nur eben mit einem Budget, das nicht mehr nach Jugendzimmer fragen muss. Die zahlreichen Gäste verleihen dieser Rückschau zusätzliche Farben. 'Saltatio Mortis' bringt Dudelsack und Marschgefühl mit, 'Elize Ryd' von 'Amaranthe' sorgt für vokalen Kontrast, 'Anna Brunner' macht aus vertrauter Balladenromantik ein persönliches Duett, während 'Ralf Scheepers', 'Sam Totman' und das Streichquartett 'Eklipse' die metallische beziehungsweise orchestrale Seite betonen. Erfreulicherweise wirkt das überwiegend wie eine Runde langjähriger Wegbegleiter und nicht wie eine Gästeliste, die versehentlich zur Musik geworden ist.

Das aktuelle Material blickt erwartungsgemäß zurück, bleibt dabei aber erstaunlich lebensbejahend. Freundschaft, Loyalität, Dankbarkeit und Loslassen ziehen sich durch die Platte; selbst die melancholischen Momente tragen mehr Hoffnung als Endgültigkeit in sich. 'Hannes Braun' verabschiedet sich nicht mit einem dramatischen Einsturz, sondern mit der Erkenntnis, dass Loslassen manchmal nötig ist, um etwas Wichtiges zu bewahren. Das gibt den großen Gesten ein glaubwürdiges emotionales Fundament. Hinter all dem Lack steckt diesmal tatsächlich etwas, das wehtut. Ganz ohne Schwächen funktioniert diese Konstruktion dennoch nicht. Die Mischung aus neuen Songs und Material von 2008 beziehungsweise 2010 ergibt eher eine sorgfältig kuratierte Zwischenbilanz als ein vollkommen geschlossenes Studioalbum. Einige frühe Texte lassen sich auch durch die neue Produktion nicht davon abhalten, laut ihr Geburtsjahr zu verraten. Außerdem verlässt sich die Band bisweilen sehr bereitwillig auf ihre bewährte Formel aus stampfendem Rhythmus, ansteigendem Refrain, Chören und maximaler Hochglanzwirkung. Nicht jede Hook ist so groß wie das Produktionsgebäude, das um sie herum errichtet wird; gelegentlich bleibt von der angekündigten Größe bloß Lautstärke in Abendgarderobe. Etwas mehr Risiko hätte manchen Moment spannender gemacht.

Mein Anspieltipp ist 'I’ll Be'. Der kraftvolle Midtempo-Song bündelt die Stärken der heutigen 'Kissin’ Dynamite': ein sofort greifender Refrain, eine leichte Melancholie, viel Zuversicht und eine Botschaft über bedingungslose Unterstützung, die sowohl auf Freundschaft als auch auf das Verhältnis zwischen Band und Fans passt. Wer zusätzlich hören möchte, welchen Gewinn die alten Stücke durch die Neuaufnahmen erzielen, sollte danach 'Out In The Rain' auflegen. Das Zusammenspiel mit 'Elize Ryd' und die gereifte Stimme von 'Hannes Braun' geben der Powerballade jene emotionale Wucht, die im Original erst angelegt war.

Am Ende ist 'Kissin’ Dynamite' weder das mutigste noch das homogenste Album der Band – vermutlich aber genau das richtige für diesen Moment. Es schaut zurück, ohne sich im Archiv einzuschließen, und verabschiedet einen Frontmann, ohne die eigene Zukunft gleich mit zu Grabe zu tragen. Fans bekommen einen würdevollen, ausgesprochen unterhaltsamen Abschluss der Ära 'Hannes Braun'; Freunde von melodischem Hard Rock, Glam Metal und stadiongroßen Refrains erhalten knapp 50 Minuten Hochglanz mit Herz. Nur wer seine Rockmusik ausschließlich roh, überraschend und frei von jeder Mitsinggefahr bevorzugt, sollte vorsichtshalber Sicherheitsabstand halten. Kein endgültiger Abgesang also, sondern ein letzter großer Auftritt in vertrauter Besetzung. Das Mikrofon wird weitergereicht – die Band selbst denkt noch lange nicht ans Leiserwerden.

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