Tanzwut - Herz Aus Stein

Tanzwut - Herz Aus Stein

Manche Bands begleiten einen durch das musikalische Leben, obwohl man sie selbst nie ausdrücklich eingeladen hat. 'Tanzwut' gehören für mich in genau diese Kategorie. Die Berliner waren immer da: auf Festivals, in Magazinen, auf Samplern und irgendwo zwischen Mittelaltermarkt, Neuer Deutscher Härte und ordentlich aufgepumptem Dudelsack. Ein großer Fan war ich trotzdem nie. Nicht aus grundsätzlicher Abneigung, sondern weil mich diese Mischung emotional nur selten wirklich erreicht hat. Die Erfolge der Band deshalb einfach zur Seite zu wischen, wäre allerdings ziemlich albern. Seit den späten Neunzigern haben 'Tanzwut', ursprünglich aus dem Umfeld von 'Corvus Corax' hervorgegangen, einen eigenständigen und sofort erkennbaren Stil entwickelt. Während zahlreiche andere Mittelalter-Rock-Formationen nach zwei Alben, drei Trinkhörnern und einem verschollenen Sackpfeifer wieder verschwanden, stehen 'Tanzwut' noch immer auf der Bühne. Mit 'Herz Aus Stein', das am 4. September 2026 über 'NoCut' und 'Open' erschienen ist, legt die Band nun bereits ihr 13. Studioalbum vor. Mehr als ein Vierteljahrhundert Bandgeschichte ist schließlich kein Betriebsunfall.

Gerade deshalb war die Ausgangslage interessant: Kann ein neues Album jemanden erreichen, der den bisherigen Veröffentlichungen zwar mit Respekt, aber ohne größere Begeisterung begegnet ist? Beim ersten Durchlauf bestätigte 'Herz Aus Stein' zunächst einige meiner alten Vorbehalte. Die Dudelsäcke stehen weiterhin breitbeinig im Raum, die Gitarren drücken, die Rhythmen stampfen und viele Refrains scheinen bereits mit Blick auf erhobene Arme und gut gefüllte Konzerthallen geschrieben worden zu sein. Erst beim zweiten und dritten Hören schoben sich jene ruhigeren und offeneren Momente nach vorne, die das Album über bloße Mittelalter-Rock-Routine hinausheben.

Musikalisch erfinden sich 'Tanzwut' nicht neu. Mittelalterliche Instrumente treffen auf schwere Rockgitarren, elektronische beziehungsweise industrielle Elemente und ein mächtiges rhythmisches Fundament. Mal bewegt sich das Ergebnis in Richtung Neue Deutsche Härte, mal dominiert klassischer Mittelalter-Rock, gelegentlich kommt eine überraschend punkige Direktheit hinzu. Die Produktion ist sauber, druckvoll und lässt den verschiedenen Bestandteilen ausreichend Raum. Die Sackpfeifen wirken überwiegend nicht wie historische Fensterdekoration, sondern übernehmen tatsächlich melodische Führungsarbeit. Gitarren und Schlagzeug bilden dazu ein solides, körperlich spürbares Fundament. Über allem liegt die charakteristische Stimme von 'Teufel'. Sein rauer, dunkler Gesang dürfte weiterhin darüber entscheiden, ob man sich bei 'Tanzwut' zu Hause fühlt oder lieber höflich an der Tür stehen bleibt. Zu dieser Musik passt er allerdings hervorragend. Er transportiert sowohl Trotz und Spott als auch jene Müdigkeit und persönliche Schwere, die auf 'Herz Aus Stein' überraschend häufig durchscheinen. Gerade in den zurückgenommenen Passagen wirkt er besonders überzeugend.

Inhaltlich beschäftigt sich das Album meinem Verständnis nach mit Themen wie Gefühlskälte, Verlust, Selbstzweifeln, Vergänglichkeit und der Frage, wie viel Menschlichkeit in einer zunehmend auf Effizienz und Selbstdarstellung getrimmten Welt noch übrig bleibt. Der Titelsong greift dabei Motive aus 'Das Kalte Herz' von 'Wilhelm Hauff' auf. In dem Märchen tauscht 'Peter Munk' sein fühlendes Herz beim 'Holländer-Michel' gegen einen Stein, um zu Wohlstand und Ansehen zu gelangen. Die Übertragung in die Gegenwart liegt ziemlich nahe: Gefühle gelten schnell als Schwäche, während Funktionieren, Optimierung und eine möglichst makellose Oberfläche belohnt werden. Dieser Hintergrund verleiht 'Herz Aus Stein' mehr Substanz, als man angesichts mancher breitbeiniger Rockgeste zunächst vermuten könnte. Auch der Wert echter Stimmen und handgemachter Musik spielt eine Rolle – ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke in einer Zeit, in der vermutlich bald selbst der Toaster behauptet, sein neues Singer-Songwriter-Album sei während einer schwierigen persönlichen Phase entstanden.

Am stärksten ist 'Herz Aus Stein' immer dann, wenn 'Tanzwut' ihre bewährte Rüstung ein Stück weit öffnen und Melancholie hineinlassen. Die Verbindung aus Härte und Empfindsamkeit steht der Band ausgesprochen gut. Getragenere Passagen sorgen für Atmosphäre, ohne den Druck vollständig herauszunehmen, und geben dem Album mehr Tiefe. Man merkt, dass hier Musiker am Werk sind, die nach vielen gemeinsamen Jahren nicht mehr ausschließlich beweisen müssen, wie laut sie eine Bühne beschallen können. Schwächer wird das Album meiner Meinung nach dort, wo Midtempo, plakative Aussagen und für den Livebetrieb berechnete Refrains allzu vorhersehbar ineinandergreifen. Manche Melodien lassen sich früh erahnen, einige Rhythmen marschieren sehr pflichtbewusst geradeaus und nicht jede große Geste entwickelt automatisch große Wirkung. Was vor einer ausgelassenen Menschenmenge vermutlich bestens funktioniert, klingt zu Hause gelegentlich etwas nach musikalischem Dienstplan: Sackpfeife bereit, Gitarre bereit, Faust nach oben – Einsatz! Auch textlich schwankt 'Herz Aus Stein' zwischen erfreulich direkter Aussage und recht grober Parole. Nicht jeder gesellschaftliche Gedanke wird bis in seine feinsten Verästelungen verfolgt. Gelegentlich bleibt es bei griffigen Schlagzeilen, die sich leicht mitsingen lassen, aber nach dem Verklingen nicht besonders lange nacharbeiten. Das gehört zur unmittelbaren Art von 'Tanzwut', verhindert jedoch, dass die durchaus interessanten Themen immer ihre mögliche Tiefe erreichen.

Mit 14 Tracks ist das Album zudem recht großzügig ausgefallen, wobei 'Die Sänger Singen Noch' in zwei unterschiedlichen Fassungen vertreten ist. Für die abschließende Freundesversion holt sich die Band unter anderem Unterstützung aus dem Umfeld von 'Saltatio Mortis', 'Subway To Sally', 'Heldmaschine', 'Mono Inc.' und 'Soulbound'. Das unterstreicht zwar den Gemeinschaftsgedanken des Stücks, bleibt aber eben auch eine zweite Version eines bereits enthaltenen Songs. Die verschiedenen Stimmungen sorgen insgesamt für Abwechslung, dennoch hätte eine konzentriertere Auswahl der Dramaturgie gutgetan. Nicht jede Idee trägt über die gesamte Spielzeit, und einige Stücke ähneln sich in Aufbau und Wirkung. Rund 54 Minuten sind zwar noch kein abendfüllendes Wagner-Drama, aber etwas weniger hätte hier vermutlich etwas mehr Wirkung erzeugt.

Wer dann also auch mal wissen möchte, wo 'Tanzwut' auf diesem Album ihre vertraute Komfortzone verlassen, sollte mit 'No Future' beginnen. Der Song klingt punkiger, direkter und schmutziger als weite Teile der Platte. Die mittelalterliche Ausstattung tritt etwas zurück und macht Platz für eine schnörkellose Rocknummer mit ordentlich Druck. Gerade diese Reduktion wirkt erfrischend und zeigt, dass die Band besonders spannend sein kann, wenn sie ihre eigene Erfolgsformel nicht ganz so ehrfürchtig behandelt. Den atmosphärischen Gegenpol bildet 'Ewig Wie Das Eis'. Hier weichen Wucht und Feierlaune einer großen, kalten Melancholie. Das Stück wirkt gefühlvoll, ohne vollständig im Kitsch zu versinken, und präsentiert die nach innen gekehrte Seite von 'Herz Aus Stein' besonders deutlich. Wer die Band bisher hauptsächlich mit Dudelsackdruck und Mittelalterfesten verbunden hat, dürfte hier am ehesten entdecken, dass unter der schweren Rüstung tatsächlich ein Herz schlägt.

Mein Fazit: 'Herz Aus Stein' hat mich nicht zum Fan von 'Tanzwut' gemacht. Das wäre nach all den Jahren vermutlich auch eine etwas unglaubwürdige Bekehrung. Das Album hat meine bisherige Distanz zur Band aber spürbar verkürzt. Handwerklich ist die Platte stark, professionell produziert und abwechslungsreicher, als es das bekannte Grundrezept zunächst erwarten lässt. Besonders die Verbindung aus körperlicher Wucht, rauer Direktheit und getragenen, persönlichen Momenten überzeugt. Gleichzeitig bleiben bekannte Reibungspunkte bestehen. Einige Refrains sind zu vorhersehbar, manche Texte etwas zu plakativ und die Spielzeit hätte ohne größere Verluste gestrafft werden können. Wer bei Dudelsäcken, stampfendem Midtempo und mittelalterlichem Pathos grundsätzlich das Interesse verliert, wird auch durch 'Herz Aus Stein' nicht vollständig umgestimmt. Eingefleischte Fans hingegen dürften nahezu alles bekommen, was sie von 'Tanzwut' erwarten – ergänzt um eine persönlichere und nachdenklichere Seite.

Einen Spitzenplatz in meiner Jahresliste wird 'Herz Aus Stein' vermutlich nicht erobern - sorry. Ein gutes und bemerkenswert ehrliches Album ist es trotzdem. Ein 'Tanzwut'-Shirt werde ich mir deshalb wahrscheinlich auch weiterhin nicht bestellen. Beim nächsten Album höre ich aber gerne wieder etwas genauer hin. Respekt ist schließlich noch keine Liebe – manchmal ist es aber die ehrlichere Form der Anerkennung.

Tanzwut - Herz Aus Stein
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