Kirlian Camera - Eclipse • Das Schwarze Denkmal 1988

Kirlian Camera - Eclipse •...

Es muss etwa im Jahr 1994 gewesen sein. Donnerstags war im Münchner 'Tilt!' – wenn ich mich recht erinnere – der 'Toxic Independent Club'. Ich wollte an diesem Abend eigentlich – wieder einmal – nur mit meinen Kumpels ein bisschen kickern. Dann irgendwann aber legten die DJs 'Eclipse' von 'Kirlian Camera' auf, und mein Plan war erledigt. Dieser pulsierende Synthesizerlauf, die beschwörende Stimme, die Melodie, die sich immer fester in meinem Kopf verankerte: Ich stand da und wollte wissen, was das zum Teufel für ein Song war der da spielte. An die Kickerpartie jedenfalls erinnere ich mich nicht mehr. An 'Eclipse' schon.

Als ich das dazugehörige Album kennenlernte, merkte ich schnell, dass dieser Clubmoment nur der Eingang war. 'Eclipse • Das Schwarze Denkmal' war bereits 1988 erschienen. Nach dem Abschied der langjährigen Sängerin 'Simona Buja' bewegte sich das italienische Projekt um 'Angelo Bergamini' weg vom zugänglicheren Synthpop seiner frühen Jahre. 'Bianca Hoffmann-Santos' prägte den Gesang dieser Phase; an den Aufnahmen arbeitete die Band auch mit 'John Fryer'. Die Musik wurde dunkler, weitläufiger und eigensinniger. Mich begeistert, dass der Zauber von 'Eclipse' auf diesem Album nicht nach dem ersten großen Auftritt verpufft. Die Platte hat einen elektronischen Puls, doch sie lässt sich nicht auf die Tanzfläche festlegen. Über den Synthesizern öffnen sich weite, kühle Räume; immer wieder verändern andere Klangfarben die Stimmung. Die Musik kann mich beschwören, bedrücken und am Ende wieder euphorisch aufreißen. Genau diese Bewegung macht für mich ihren Reiz aus.

'Eclipse' ist dabei der unwiderstehliche Köder. Die Synthesizer treiben voran, während der Gesang etwas Geheimnisvolles behält. Der Song packt mich noch immer so unmittelbar wie damals im 'Tilt!'. Aber statt dieselbe Wirkung einfach zu wiederholen, schlägt das Album andere Wege ein. 'The Christ' nimmt sich fast acht Minuten Zeit und wirkt, als würde mir jemand in ruhigem Ton eine seltsame, wunderschöne Geschichte erzählen. Die Stimme ist betörend, die Stimmung entrückt. Ich möchte nicht, dass dieses Stück schneller ans Ziel kommt. Bei 'Austria' ist von solcher Ruhe wenig übrig. Der Rhythmus marschiert, die Musik drängt nach vorn, und plötzlich zeigt diese Platte Zähne. Das Stück erschien 1988 tatsächlich als Single – mit einer Fassung von 'Tor Zwei' auf der B-Seite. Eine bemerkenswerte Paarung: Auf den aggressiven Vorwärtsdrang folgt ein Titel, der mehr als zehn Minuten lang beinahe zu schweben scheint und dabei immer bedrückender wird. 'Tor Zwei' reißt einen nicht mit einem Knall in den Abgrund. Es führt einen langsam hinunter, bis man merkt, wie weit der Rückweg inzwischen wäre.

Danach erinnert 'Aura' mit seinem tanzbaren Puls daran, dass 'Kirlian Camera' auch im Dunkeln noch Bewegung erzeugen können. Und dann kommt 'Epitaph'. Das 'King Crimson'-Cover beginnt zurückgenommen, wächst mit jedem Schritt und gewinnt für mich schließlich die Größe einer Hymne. Nach all der Schwere wirkt dieses Finale wie eine Öffnung: kein plötzliches Happy End, aber ein Moment, in dem die Musik den Blick wieder hebt. Ich kann dieses Album wegen 'Eclipse' auflegen und am Schluss doch das Gefühl haben, vor allem wegen 'Epitaph' geblieben zu sein. Wer nach der ursprünglichen Platte weiterhören möchte, findet reichlich Stoff. Die LP von 1988 enthält neun Titel; eine CD-Ausgabe von 1994 ergänzte 'Terminal'. Die Doppel-CD von 2013 verbindet das Originalalbum mit Material aus der 'Eklipse Zwei'-Phase und späteren Bearbeitungen. Besonders spannend finde ich, wie wandelbar der Song ist, mit dem für mich alles begann: Das '1994 Total Re-Make' baut 'Eclipse' deutlich um, während die 'V4'-Fassung von 1998 stärker Richtung Tanzfläche zieht. Die Originalaufnahme bleibt aber mein Maßstab, gerade im Vergleich hört man hier wie stark ihre Melodie ist.

Klar, ganz ohne Einwand geht es nie: Die Wechsel zwischen treibenden und langen, entrückten Stücken können schroff sein. Wer nach dem Titelsong eine ganze Reihe ähnlich unmittelbarer Clubhits erwartet, wird mit 'Tor Zwei' Geduld brauchen. Für mich liegt darin allerdings auch die Stärke des Albums. Es hält mich nicht in einer Stimmung fest. Es lockt mich hinein, lässt mich zeitweise ziemlich tief sinken und schickt mich mit 'Epitaph' wieder nach oben. 'Eclipse • Das Schwarze Denkmal' höre ich deshalb nicht bloß aus Nostalgie. Natürlich sehe ich bei 'Eclipse' sofort wieder das Münchner 'Tilt!' der 90er Jahre vor mir. Aber 'The Christ', 'Austria', 'Tor Zwei' und dieses gewaltige Finale berühren mich heute noch aus ganz eigenen Gründen. Das ist mehr, als ich von einer Platte erwarten konnte, die mir ursprünglich nur eine Kickerpartie verdorben hat.

Kirlian Camera - Eclipse • Das Schwarze Denkmal 1988
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video, Bild oder andere eingebettete Inhalte zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.
Kirlian Camera - Eclipse • Das Schwarze Denkmal 1988
Kommentarfunktion nicht verfügbar!
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um die Kommentarfunktion zu nutzen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).