Manchmal sind es nicht die Releases mit Marketingbudget, Promo-Offensive und fünfstelligen Followerzahlen, die spannend sind. Manchmal sind es genau die Projekte, die mit zwei Instagram-Posts, vier Followern und neunzehn Gefolgten am digitalen Straßenrand stehen und einfach sagen: „Hier. Hör zu.“ Aus Sunderland, UK, kommt mit 'Kindread' so ein Fall. Und was für einer. Am 3. Januar 2026 erschien mit 'Solitude' das Debüt – ein Album, das hörbar vom Lernen, Ausprobieren und Sounddesign-Feinschliff lebte. Keine vier Wochen später, am 3. Februar 2026, folgt mit 'Witchcraft' bereits der Nachschlag. Was für eine Schlagzahl! Während andere Acts noch über das Mastering diskutieren, veröffentlicht 'Kindread' einfach schon mal das nächste Kapitel.
Das Projekt steht faktisch noch ganz am Anfang. Wie gesagt, zwei Instagram-Posts. Vier Follower. Neunzehn Gefolgte. Mehr Underground-Start geht kaum. Aber genau dieser Kontrast – digitale Unsichtbarkeit bei gleichzeitig hoher Produktivität – verleiht dem Ganzen eine gewisse Authentizität. Hier wird nicht gewartet, hier wird gemacht.
Musikalisch liefert 'Witchcraft' feinsten Düster-Elektro bis Darkwave – dicht, schwer, atmosphärisch. Während 'Solitude' noch stärker nach Findungsphase klang, wirkt der Nachfolger fokussierter und stilistisch klarer verortet. Der Witch-House-Einschlag ist nun deutlich hörbar und konsequent umgesetzt. Detuned Synths wabern durch die Tracks und erzeugen diese leicht verstörende Instabilität, die das Genre so reizvoll macht. Nichts klingt geschniegelt, nichts glattpoliert. Stattdessen flimmern die Flächen wie Neonröhren im Nebel. Dazu gesellen sich schwere Reese-Bässe, die nicht nur begleiten, sondern regelrecht drücken. Man spürt sie – körperlich. Die Beats bleiben reduziert, oft schleppend, fast schon ritualistisch. Es geht hier nicht um Club-Explosionen, sondern um Atmosphäre. Um Dichte. Um Dunkelheit. Und das funktioniert erstaunlich gut.
Allerdings – und das muss man klar sagen – leider komplett ohne Gesang. Die offizielle Version von 'Witchcraft' ist rein instrumental. Das kann man als Stärke lesen, weil die Musik dadurch Raum bekommt und sich nicht an Texten festklammert. Gleichzeitig fehlt stellenweise eine emotionale Leitplanke, ein Moment, an dem sich die Spannung bündelt. Gerade im Darkwave-Bereich lebt vieles von charismatischen Stimmen. Hier bleibt alles im Instrumentalen verankert. Dass es alternative Versionen mit Black-Metal-Vocals geben soll (kein Spaß), macht die Sache umso spannender. Man kann sich gut vorstellen, wie harsche Vocals diesen ohnehin düsteren Klangteppich noch weiter verdichten würden. Aktuell bleibt das jedoch eine Perspektive für die Zukunft. Trotz der enormen Veröffentlichungsfrequenz wirkt 'Witchcraft' nicht hastig oder unfertig. Im Gegenteil: Es klingt stilistisch geschlossener als 'Solitude'. Man hört, dass hier jemand seinen Sound gefunden hat und ihn nun konsequent verfolgt. Beim dritten Durchlauf offenbaren sich die Details: subtile Hallräume, dunkle Ambient-Schichten im Hintergrund, kleine texturale Verschiebungen. Das ist kein Release für den schnellen Konsum zwischen zwei Mails. Das ist Nachtmusik.
Das Cover unterstützt diesen Eindruck visuell perfekt. Eine puppenhafte Figur mit Hexenhut, vernähter Gesichtspartie und leuchtenden Augen steht isoliert im dunklen Hintergrund. Darüber klar gesetzt: 'Kindread'. Darunter: 'Witchcraft'. Das Motiv ist reduziert, beinahe minimalistisch - wie schon auch bei den vorgegangenen Releases. Keine überladene Okkult-Symbolik, keine plakative Provokation. Stattdessen eine Figur, die gleichzeitig niedlich und unheimlich wirkt – wie ein Stofftier mit dunklem Geheimnis. Diese Ambivalenz passt hervorragend zur Musik: verspielt im Detail, düster im Kern. Als jemand, der seit über zwanzig Jahren Darkwave- und Elektro-Releases sichtet, kann ich sagen: Das Artwork ist kein Meilenstein, aber es ist stimmig. Und Stimmigkeit ist hier wichtiger als Effekthascherei.
'Witchcraft' von 'Kindread' ist ein bemerkenswerter Zweitschlag – nur einen Monat nach 'Solitude'. Diese kreative Schlagzahl ist beeindruckend und zeugt von Momentum. Musikalisch gibt es feinsten Düster-Elektro bis Darkwave mit deutlichem Witch-House-Einschlag. Wer dichte Klangräume, schwere Bässe und verstimmte Synth-Flächen liebt, wird hier fündig. Wer hingegen Gesang, große Refrains oder emotionale Ankerpunkte erwartet, könnte die Instrumentalität als Manko empfinden. Für mich ist 'Witchcraft' ein starkes, fokussiertes Statement eines Projekts, das noch ganz am Anfang steht. Wenn 'Kindread' künftig noch mehr Produktionstiefe entwickelt – und vielleicht die angekündigten Vocal-Versionen in überzeugender Qualität nachliefert – könnte aus diesem Underground-Start durchaus etwas Größeres entstehen. Und seien wir ehrlich: Genau solche Projekte machen den Reiz der Szene aus. Nicht die sicheren Bank-Acts. Sondern die, die mit vier Followern beginnen – und trotzdem liefern.
Kindread - Witchcraft
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