Grey & Void - Kapital

Grey & Void - Kapital

Die Neue Deutsche Härte ist inzwischen alt genug, um entweder zur eigenen Karikatur zu werden – oder sich neu zu erfinden. Seit den späten Neunzigern steht das Genre für tiefe Gitarren, industrielle Beats, martialische Bildsprache und markante Bariton-Stimmen. Viele verbinden damit sofort große Bühnen, Flammenwerfer und ein sehr markantes, gerolltes „R“. Doch genau hier setzen 'Grey & Void' mit ihrem Debüt 'Kapital' an: Sie nehmen die DNA des Genres – und drehen sie ein gutes Stück weiter. Schon am 11. Februar 2026 erschien mit 'Kapital' ein Album, das nicht nur musikalisch Druck macht, sondern sich inhaltlich kompromisslos positioniert. Während andere Genregrößen ihre Kritik gern in doppeldeutige Bilder kleiden oder mit ironischer Distanz arbeiten, gehen 'Grey & Void' hier viel direkter vor. Keine Andeutungen. Keine metaphorischen Schleifen. Hier wird benannt, angeklagt, skandiert.

Musikalisch steht das Album tief im industriellen Fundament. Die Gitarren sind massiv heruntergestimmt, sägen und drücken mit einer fast mechanischen Gleichförmigkeit. Dazu kommen kalte elektronische Percussion-Elemente, die weniger nach Club als nach Produktionshalle klingen. Die Rhythmik ist stoisch, diszipliniert, fast militärisch. Man hört hier keinen Zufall – man hört Konstruktion. Im Vergleich zu etablierten Vertretern wie 'Rammstein' wirken die Songs auf 'Kapital' spürbar schneller, härter und überdrehter. Wo dort oft ein schweres, kontrolliertes Walzen dominiert, setzen 'Grey & Void' eher auf Dauerfeuer. Das kann elektrisieren – manchmal wirkt es aber auch bewusst überzogen. Die Intensität kennt kaum Verschnaufpausen. Und nein, das ikonische rollende „R“ sucht man hier vergeblich. Stattdessen herrscht eine schroffe, nüchterne Direktheit im Vortrag.

Textlich ist 'Kapital' ein geschlossenes Konzeptalbum über Krieg als Geschäftsmodell, Kapitalismus als Entmenschlichungsmaschine und Macht als selbstreferentielles System. Die Sprache ist reduziert, repetitiv, parolenhaft. Sätze wie „They said purpose, they meant use“ oder „They count barrels. We count dead“ bringen die Stoßrichtung auf den Punkt. Wiederholungen spielen eine zentrale Rolle. „March!“, „Die!“, „Kein Sinn, kein Grund“, „Fettig. Schweine.“ – das sind keine lyrischen Feinzeichnungen, sondern rhythmische Einschläge. Die Texte funktionieren wie Demo-Rufe oder militärische Kommandos. Deutsch und Englisch wechseln sich ab, was dem Ganzen eine internationale, fast globale Anklage verleiht.

Dabei wird Krieg nicht heroisiert, sondern als ökonomisches Kalkül entlarvt. Soldaten erscheinen als „numbers before we bled“, Bildung wird zugunsten von Waffenbudgets geopfert, Drohnenkrieg als sterile Distanzmaschine beschrieben. Vorstandsetagen mutieren zu moralischen Vakuumkammern. Immer wieder taucht das Motiv der Entindividualisierung auf: Menschen werden Nummern, Karten, Treibstoff – am Ende bleibt „I’ll be nothing.“ Genau hier schließt sich auch der Kreis zum Artwork: Die verhüllte, gesichtslose Figur in kalten Grau- und Schwarztönen wirkt wie das visuelle Pendant zu dieser Idee. Identität ist Nebensache, Funktion ist alles.

Und jetzt zur persönlichen Note: Ich mag diese Konsequenz. Sehr sogar. Ich schätze Bands, die sich nicht hinter Ironie verstecken, sondern Haltung zeigen. 'Kapital' meint es ernst, und das spürt man in jeder Zeile. Aber – und das ist die positiv gemeinte Kritik – die permanente Schreierei ist stellenweise anstrengend. Die Energie ist beeindruckend, doch sie wird selten gebrochen. Nach mehreren Durchläufen hätte ich mir hier und da einen Moment der Reduktion gewünscht. Nicht, um das Album zu entschärfen, sondern um die Wirkung noch stärker zu machen. Dauerfeuer beeindruckt – gezielte Einschläge bleiben hängen. Manchmal fühlt sich das Album an wie ein dystopischer Fitnesskurs: „Burn The System – 45 Minuten Hochintensivtraining.“ Effektiv, schweißtreibend, kompromisslos. Aber eben auch fordernd.

Historisch wurde die Ästhetik der Neue Deutsche Härte immer wieder kritisch diskutiert, gerade wegen ihrer martialischen Bildsprache. 'Grey & Void' bewegen sich bewusst in diesem Spannungsfeld, aber ihre Stoßrichtung ist klar anti-militaristisch und systemkritisch. Die Härte dient hier nicht der Verherrlichung, sondern der Demontage. Weniger Stadion, mehr Betonhalle. Weniger ironisches Augenzwinkern, mehr Ernstfall. Die Band verzichtet weitgehend auf melodische Eingängigkeit zugunsten konzeptioneller Geschlossenheit. Das macht das Album weniger massentauglich, aber charakterstark.

Im Fazit ist 'Kapital' ein wuchtiges, unbequemes und inhaltlich stringentes Debüt. Es ist laut, aggressiv, stellenweise überdreht – aber nie beliebig. Der Gesang .... ähh, die Schreierei ist mir manchmal etwas zu viel, ja. Doch sie ist Teil des Konzepts. Dieses Album will nicht beruhigen, es will aufrütteln. Für Fans harter, politisch aufgeladener Neue Deutsche Härte ist 'Kapital' eine klare Empfehlung. Wer musikalische Wärme, subtile Zwischentöne oder entspannte Hörmomente sucht, wird hier eher überrollt. Ich persönlich finde: 'Grey & Void' haben Mut bewiesen. In einer Zeit, in der vieles glattpoliert klingt, liefern sie ein Werk, das kantig bleibt. Und auch wenn ich mir hier und da ein paar Dezibel weniger Gebrüll gewünscht hätte – genau diese kompromisslose Energie macht 'Kapital' am Ende so spannend.

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