Ich hielt die Meldung zunächst für einen schlechten Scherz. Oder für eine jener typischen KI-generierten Fake News aus Russland oder China in denen Brüssel angeblich vorschreibt, dass CDs nur noch bei Vollmond und unter Aufsicht eines zertifizierten Kartonbeauftragten nach Österreich verschickt werden dürfen. Doch dann verwandelte sich Facebook innerhalb weniger Tage in einen Friedhof europäischer Versandoptionen. Also habe ich recherchiert – und festgestellt: Die KI war unschuldig. Die Realität hatte einfach wieder den größeren Dachschaden. Am 7. August 2026 kündigten zum Beispiel ‘In Strict Confidence’ an, nach fast 30 Jahren vorerst keine Bestellungen mehr in andere EU-Staaten zu verschicken. Deutschland sowie Länder außerhalb der Europäischen Union bleiben möglich. Seitdem wird deutlich: Die Band steht keineswegs allein am frisch ausgehobenen Grab des Binnenmarkts.
Auch ‘Cytotoxin’, ‘Solar Fake’, ‘Diary Of Dreams’, ‘Scherbentanz’, ‘Parasite Inc.’, ‘Ravager’, ‘Aeonian Sorrow’, ‘Motel Transylvania’, ‘Finally George’, ‘Anúna’ und ‘Wolfsbane’ haben meiner Recherche nach vergleichbare Warnungen oder Versandstopps veröffentlicht. Hinzu kommen unabhängige Labels und Vertriebe wie ‘Infacted Recordings’, ‘Wolverine Records’, ‘Theogonia Records’ und ‘Time As A Color’. Was zunächst nach dem Wutausbruch eines einzelnen Bandshops aussah, ist inzwischen ein internationaler Chor – begleitet vom rhythmischen Zuschlagen leerer Versandkartons. Auslöser ist die neue EU-Verpackungsverordnung PPWR, die seit dem 12. August 2026 grundsätzlich gilt. Ihr Ziel ist vernünftig: weniger Verpackungsmüll, besseres Recycling und eine gerechtere Finanzierung der Entsorgung. Die praktische Umsetzung erinnert allerdings an den Versuch, einen Briefumschlag mit einem Betonmischer zuzukleben.
Wer als deutscher Shop eine CD direkt nach Frankreich, Finnland oder Portugal verschickt, muss sich damit mit nationalen Registrierungen, Verpackungsmeldungen, Gebühren und möglicherweise einem Bevollmächtigten im jeweiligen Zielland beschäftigen. Einige dieser EPR-Pflichten bestanden bereits vorher; die PPWR verschärft und vereinheitlicht jedoch den Rahmen. Das Ergebnis ist ein Binnenmarkt, der auf dem Papier grenzenlos und in der Praxis mit 27 verschiedenen Formularfriedhöfen ausgestattet ist. Die EU-Kommission kennt das Problem. In einer eigenen Untersuchung wird ein Unternehmen genannt, das für 15 Mitgliedstaaten rund 6.000 Euro jährlich allein für Bevollmächtigte zahlte. Die Kommission schlug deshalb vor, diese Pflicht für EU-Unternehmen bis 2035 auszusetzen. Rechtzeitig beschlossen wurde die Erleichterung jedoch nicht. Erst den Formular-Sarg zunageln, anschließend über eine Belüftungsöffnung beraten – europäische Prozesskompetenz leider wieder mal in Reinform.
Auch an anderer Stelle wächst das Gefühl, vorsorglich schon einmal verdächtig zu sein. Bei Kleinanzeigen darf man zwar weiterhin mehr als 30 Dinge verkaufen. Ab 30 abgeschlossenen Transaktionen oder mehr als 2.000 Euro Erlös im Kalenderjahr übermittelt die Plattform jedoch Daten an das Bundeszentralamt für Steuern. Das bedeutet weder automatisch Gewerbe noch Steuerpflicht. Wer seinen Keller entrümpelt, bekommt aber sicherheitshalber schon einmal einen digitalen Platz im Behördenregal reserviert. Haben die nichts anderes zu tun fragt man sich da? Während kleine Händler ihre Kartons bis zum letzten Klebestreifen erklären sollen, gelangten allein 2024 rund 4,6 Milliarden Billigsendungen unter 150 Euro in die EU – 91 Prozent davon aus China. Nach Angaben der EU entsprachen viele Waren nicht den europäischen Vorschriften. Der Paket-Tsunami durfte also jahrelang durchs offene Fenster rauschen, während man dem Bandshop nebenan nun die korrekte Bestattung eines Luftpolsterumschlags erklärt. Natürlich gelten die Regeln formal auch für große Unternehmen. Ein internationaler Konzern verteilt seine Compliance-Kosten jedoch auf Millionen Bestellungen und sperrt zwölf Juristen in einen fensterlosen Raum. Eine Indie-Band verteilt denselben Fixaufwand auf fünf CDs nach Belgien, zwei Shirts nach Spanien und einen Aufnäher nach Portugal – und schließt danach entweder den Versand oder gleich den Shop. ‘In Strict Confidence’ formulieren den Frust ungleich direkter: „Habt ihr eigentlich den Arsch offen? Seht zu, dass ihr euren Scheiß-Job vernünftig macht!“
Die Europäische Union bleibt vom Grundsatz her eine großartige Idee: offene Grenzen, gemeinsamer Handel, Frieden und Zusammenarbeit. Wenn es für eine deutsche Band aber einfacher wird, eine Platte in die Schweiz oder in die USA zu schicken als ins benachbarte Österreich, wird der Binnenmarkt zur Witznummer. Wer Milliarden Billigsendungen erst jahrelang durchwinkt und anschließend unabhängige Künstler mit nationalen Registrierungen gängelt, darf sich nicht wundern, wenn Bürger Europa irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Eine gute Idee kann man schließlich nicht nur bekämpfen – man kann sie auch sorgfältig in 27 Formularsätze einwickeln, bürokratisch einbalsamieren und anschließend kostenpflichtig entsorgen.
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