Wer das Cover von 'Dystopian Lament' betrachtet und nicht wenigstens für einen kurzen Moment an 'Die Form' denkt, hat vermutlich entweder noch nie ein Album von 'Die Form' gesehen oder betrachtet Plattencover grundsätzlich nur bei ausgeschaltetem Licht. Schwarz-Weiß-Fotografie, Leder, Masken, nackte Haut, Fesselästhetik und jene eigentümliche Mischung aus Erotik, Kunst und leichtem Unbehagen: Die visuelle Nähe zur Bilderwelt von 'Philippe Fichot' lässt sich kaum übersehen. Hinter dem Artwork steckt jedoch nicht das französische Gesamtkunstwerk, sondern das Amsterdamer Trio 'Dear Omen', das am 18. Juni 2026 mit 'Dystopian Lament' seine zweite EP veröffentlicht hat.
Ganz unbekannt sind 'Dear Omen' inzwischen nicht mehr. Mit ihrer 2024 erschienenen ersten EP 'The S Tapes' und intensiven Konzerten konnte sich die Band bereits in der niederländischen Gothic- und Post-Punk-Szene etablieren. Musikalisch greift das Trio tief in jene Gruft, in der '45 Grave', 'Christian Death', 'Siouxsie And The Banshees' und vielleicht noch 'The Sisters Of Mercy' seit Jahrzehnten erstaunlich frisch konserviert liegen. Eine bloße Wiederbelebung alter Szeneleichen ist 'Dystopian Lament' dennoch nicht. Dafür klingt die EP zu körperlich, zu eigensinnig und erfreulich ungebändigt. Das Klangbild von 'Dear Omen' entsteht aus einer ungewöhnlich reduzierten Besetzung. 'Fay Ruza Christen' bedient eine 'Farfisa Mini Compact', ein 'Hohner Pianet' und die Orgel, während 'Emma Paulissen' am Bass für das tiefe Fundament sorgt. Beide sind außerdem am Gesang beteiligt. 'Jimi Van Egmond' sitzt am Schlagzeug und verhindert zuverlässig, dass aus der schwarzen Romantik ein gemütlicher Friedhofsspaziergang wird. Eine Gitarre taucht in den offiziellen Credits gar nicht erst auf. Offenbar wurde sie an der Tür abgewiesen, weil bereits genügend andere Instrumente schwarze Kleidung trugen.
Besonders spannend ist, dass 'Dear Omen' ihren Klang bislang vollständig analog erzeugen. Die vermeintlichen Synthesizerflächen stammen tatsächlich aus der 'Farfisa', dem elektromechanischen 'Hohner Pianet' und verschiedenen Effektpedalen. Dadurch besitzt die Musik eine Wärme und Körperlichkeit, die vielen aktuellen Darkwave-Produktionen meiner Meinung nach fehlt. Hier wurde die Dunkelheit nicht aus denselben drei Presets und einer fertig eingerichteten Nebelmaschine zusammengesetzt. Man hört eine Band, die miteinander spielt, aufeinander reagiert und ihren Sound tatsächlich im Raum entstehen lässt. Entsprechend prägen tiefe, knurrende Basslinien, lebendige Schlagzeugrhythmen und vor allem die Orgeln das Geschehen. Die Tasteninstrumente dienen nicht bloß als dekorative Spinnweben im Hintergrund. Sie wabern, locken, drohen und schieben sich immer wieder nach vorn. Unter ihnen arbeitet ein beinahe krautrockartiger Puls, der Wiederholung nicht mit Stillstand verwechselt. Das Schlagzeug treibt die Musik an, bleibt dabei aber beweglich. Der Bass hält alles zusammen, ohne die Stücke in einen starren Käfig zu sperren.
Darüber liegen helle Frauenstimmen, die einen faszinierenden Gegensatz zum dunklen Instrumentarium bilden. Der Gesang ist dramatisch und ausdrucksstark, klingt aber nicht dauerhaft schwer oder pathetisch. Die Stimmen können kühl wirken, dann wieder verletzlich, beschwörend oder aufgebracht. Gerade diese Wechsel verleihen 'Dystopian Lament' eine emotionale Unruhe, die hervorragend zu der Verbindung aus Romantik, Begehren und unterschwelliger Gefahr passt. Auch hier liegt der Vergleich mit 'Die Form' nahe. Die hellen weiblichen Stimmen, die dunkle Erotik, die körperliche Inszenierung und der Hang zum leicht Verstörenden gehören eindeutig zu einer ähnlichen ästhetischen Familie. Musikalisch erteilt 'Dear Omen' dem möglichen Vorbild allerdings keinen bloßen Nachahmungsauftrag. Vor allem die stärker sequenzgetriebenen und cluborientierten Arbeiten von 'Die Form' wirkten häufig mechanischer, monotoner und befehlender. Rhythmus und Elektronik marschierten dort mitunter so streng voran, als habe die Musik nicht um Aufmerksamkeit gebeten, sondern sie schriftlich angeordnet. 'Dystopian Lament' ist dagegen lebendiger und weniger bestimmend. Die Musik atmet, verändert ihre Intensität und lebt vom direkten Zusammenspiel der drei Beteiligten. Wo 'Die Form' gelegentlich mit der Peitsche auf die Tanzfläche zeigt, locken 'Dear Omen' zunächst mit heller Stimme, knurrendem Bass und gespenstischer Orgel. Dass die Tür hinter einem längst zugefallen ist, bemerkt man erst später.
Die auffällige Inszenierung ist dabei nicht vollkommen frei von Risiko. Leder, Masken, weiße Gesichter, religiöse Symbolik und reichlich körperliche Provokation liegen stellenweise dicht an der Grenze zum Gothic-Kostümfundus. Manchmal scheint 'Dear Omen' sämtliche verfügbaren Szenezeichen gleichzeitig aufstellen zu wollen, damit auch wirklich niemand versehentlich Folkrock erwartet. Weil die Musik jedoch stark genug ist, bleibt das Gesamtbild mehr als eine dekorative Gruftveranstaltung. Das Trio besitzt tatsächlich eine eigene klangliche Handschrift und wäre vermutlich sogar dann noch interessant, wenn man Kerzen, Latex und Spinnweben einmal im Schrank ließe. Hinter der Ästhetik steckt außerdem mehr als bloße Lust an düsteren Bildern. 'Dear Omen' beschäftigen sich mit Religion, Tradition, Ritualen und feministischer Selbstbestimmung. Diese Themen spiegeln sich auch in der Musik wider: Verführung trifft auf Widerstand, Verletzlichkeit auf Wut und kontrollierte Theatralik auf emotionalen Kontrollverlust. Genau daraus entsteht jene Spannung, die 'Dystopian Lament' über seine kurze Laufzeit zusammenhält.
Produziert und gemischt wurde die EP von 'Sjaak Megens', während 'Maurits Nijhuis' das Mastering übernahm. Der Klang bleibt erfreulich rau und unmittelbar. Nichts wurde übermäßig poliert oder klinisch geglättet. Man hört Ecken, Reibung und eine gewisse Unberechenbarkeit – Eigenschaften, ohne die diese Musik vermutlich nur halb so überzeugend wäre. Der größte Schwachpunkt ist deshalb ausgerechnet der geringe Umfang. Fünf Stücke und knapp 18 Minuten sind schnell vorbei. Kaum hat man sich in der eigentümlichen Welt aus Orgeln, Leder, Ritualen und emotionaler Unruhe eingerichtet, steht man bereits wieder vor der Tür. Zugleich verhindert die Kürze, dass sich die prägnanten Klangfarben abnutzen. 'Dystopian Lament' geht, bevor aus Faszination Gewohnheit werden kann.
'Dystopian Lament' ist eine kurze, aber ausgesprochen charaktervolle EP. 'Dear Omen' verbinden klassischen Gothic Rock, Deathrock, Post-Punk und krautrockartige Rhythmen zu einer dunklen Mischung, die vertraut wirkt und dennoch eine eigene Identität besitzt. Das Artwork und Teile der Atmosphäre erinnern deutlich an 'Die Form'. Musikalisch ist das Amsterdamer Trio jedoch roher, lebendiger und weniger monoton kommandierend. Geeignet ist die EP für alle, die frühen Gothic Rock und Deathrock lieben, aber nicht schon wieder dieselben Gitarrenflächen und programmierten Rhythmen hören möchten. Auch Freunde von 'Die Form', '45 Grave', 'Siouxsie And The Banshees' oder den düsteren Orgelmomenten von 'The Doors' sollten sich hier schnell heimisch fühlen. Wer dagegen klinisch produzierten Future Pop, sofort zündende Refrains oder eine vollwertige Albumlänge erwartet, dürfte etwas unbefriedigt zurückbleiben. Ich hingegen hätte gern mehr davon. Sehr viel mehr sogar. Nach knapp 18 Minuten ist nämlich nicht die Spannung verschwunden, sondern lediglich die EP zu Ende. Und das ist bei einem Release dieser Art vermutlich das angenehmste Problem, das man haben kann.
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