Damien Cain - Standarte

Damien Cain - Standarte

Mit 'Standarte' meldet sich Damien Cain nicht einfach mit einem neuen Album zurück – er rammt sinnbildlich etwas in den Boden und sagt: Das hier gilt jetzt. Der Titel ist dabei Programm, aber kein martialisches. Es geht nicht um Lautstärke, Pose oder plakative Gesten, sondern um Haltung. 'Standarte' wirkt weniger wie ein klassisches Produkt und mehr wie ein bewusst gesetzter Marker innerhalb einer langen musikalischen Laufbahn. Kein Anbiedern, kein Hinterherrennen nach Trends, eher ein ruhiges, selbstsicheres „So fühlt sich das für mich gerade an“.

Schon früh wird klar: Dieses Album hat es nicht eilig. Es läuft nicht einfach mit, es lässt sich nicht zwischen zwei Mails abhaken und taugt auch nicht als harmlose Hintergrundbeschallung. 'Standarte' möchte Aufmerksamkeit – nicht laut, nicht aufdringlich, aber konsequent. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung wirkt allein diese Haltung fast schon wie ein kleines Statement.

Mit 17 Songs und rund 62 Minuten Spielzeit ist 'Standarte' ein ausgesprochen umfangreiches Album. Diese Länge ist kein Zufall und auch kein bloßer Selbstzweck. Sie unterstreicht den Eindruck, dass Damien Cain hier Raum braucht – für Stimmungen, für Zwischentöne, für Ideen, die nicht sofort auf den Punkt gebracht werden wollen. Das Album versteht sich eher als Strecke denn als Sprint, eher als Reise durch innere Zustände als als Sammlung klar definierter Hits. Inhaltlich und atmosphärisch wirkt 'Standarte' wie der Versuch, Melancholie eine klare Form zu geben. Nicht als bloße Stimmung, sondern als erzählerisches Element. Diese Musik kommt hörbar aus einer dunkleren, nachdenklichen Ecke – aus einem emotionalen Raum, den man nicht ständig betritt, der hier aber erstaunlich offen zugänglich gemacht wird. Melancholie bekommt auf diesem Album tatsächlich eine Stimme, ohne dass gleich mit dem Pathos-Hammer gewedelt wird.

Musikalisch bewegt sich 'Standarte' zwischen Alternative Rock, melodischer Härte und atmosphärischer Weite. Gitarren dürfen Druck machen, ziehen sich dann aber wieder zurück, wenn es der Stimmung dient. Die Drums wissen, wann sie schieben müssen – und wann Zurückhaltung die bessere Idee ist. Über allem liegt eine dichte Grundstimmung, die eher trägt als drängt. Das Album schreit nicht – es schaut einen an und wartet ab, was passiert. Spannend ist dabei auch der internationale Hintergrund des Albums. 'Standarte' entstand als globale Kollaboration mit beteiligten Musikerinnen und Musikern aus verschiedenen Ländern und Szenen. Diese Offenheit hört man dem Album an: Es wirkt nicht lokal verankert oder stilistisch eingeengt, sondern weit, manchmal fast bewusst uneindeutig. Gemischt und produziert wurde das Werk im Hellfire Studio in Dublin, was dem Sound eine zusätzliche Tiefe und Souveränität verleiht – klar, präsent, aber nie steril.

Was mir persönlich besonders gefällt: 'Standarte' erklärt sich nicht sofort. Viele Passagen wirken zunächst unscheinbar, fast vorsichtig, entfalten ihre Wirkung aber mit der Zeit. Die Musik kommt nicht angerannt, wedelt nicht hektisch mit dem Arm und ruft „Hier bin ich!“. Sie bleibt stehen. Und genau das macht sie interessant. Man hört zu, weil man will – nicht weil man muss. In seiner Offenheit wirkt das Album stellenweise wie eine Sammlung innerer Zustände. Nicht alles greift perfekt ineinander, nicht jede Idee wird bis zur letzten Konsequenz durchgezogen. Aber genau das macht 'Standarte' menschlich. Es klingt nicht nach makelloser Planung, sondern nach Verarbeitung. Nach Rückblick und Neusortieren. Auch die Verbindung zu früheren Erfolgen wie 'Age Of Darkness' schwingt dabei unterschwellig mit – nicht als Nostalgie-Nummer, sondern als stiller Referenzpunkt innerhalb einer gewachsenen künstlerischen Identität.

Dass 'Standarte' dabei nicht nur im stillen Kämmerlein funktioniert, zeigt die Resonanz außerhalb der eigenen Hörblase: Airplay auf internationalen Radiosendern und Platzierungen in Alternative-Charts machen deutlich, dass dieses Album auch jenseits persönlicher Interpretation wahrgenommen wird. Es ist kein Geheimtipp im Schatten, sondern ein Werk, das seinen Weg sichtbar nach außen findet. Natürlich gibt es kleinere Brüche. Das Album hätte an der einen oder anderen Stelle etwas straffer sein können. Nicht jeder Moment bleibt dauerhaft hängen, nicht jede Passage zündet sofort. Aber ehrlich gesagt: Das stört mich erstaunlich wenig. Denn 'Standarte' wirkt nie beliebig. Selbst wenn es kurz ausfranst, bleibt es glaubwürdig – und das ist mir deutlich lieber als eine perfekt polierte, aber austauschbare Dramaturgie.

'Standarte' ist somit kein Album für den schnellen Effekt und schon gar keines für nebenbei. Wer sofortige Hooks, klar markierte Höhepunkte oder einen durchgetakteten Spannungsbogen erwartet, könnte zwischendurch unruhig auf dem Stuhl rutschen. Wer sich jedoch Zeit nimmt, Atmosphäre mag und Alben schätzt, die mehr Charakter als Glanz besitzen, wird mit 'Standarte' gut klarkommen. Kein Überwerk, kein Blender – sondern eine Platte mit Haltung, Ecken und eigener Stimme. Oder anders gesagt: keine Fahne für den Mainstream, sondern eine Standarte für alle, die lieber genauer hinhören – und dabei auch kleine Unschärfen aushalten können.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).