„Immer alles gleichzeitig“ – das ist kein Albumtitel, das ist ein Therapiebericht. Und selten hat sich ein deutscher Indie-Release so sehr nach meinem Browser-Verlauf angefühlt. Deadlines, Push-Nachrichten, Beziehungsstatus „kompliziert“, Politik im Dauerkrisenmodus – und irgendwo dazwischen versucht man, sich noch für ein halbwegs funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu halten. Genau hier setzen ‘Kapa Tult’ an. Die Leipziger Band hat nach dem Debüt ‘Es Schmeckt Nicht’ und der viel beachteten Kollaboration ‘1 / 2 Cappuccino’ mit Bela B, Francesco Wilking und Juli Gilde endgültig beschlossen, nicht mehr nur „vielversprechend“ zu sein. ‘Immer Alles Gleichzeitig’, erschienen via Ladies&Ladies/Broken Silence, klingt nicht nach zweitem Album – es klingt nach Ansage. Und zwar nach einer, die leicht grinst, während sie trifft. Produziert wurde das Ganze im übrigen laut meinen Infos in nur fünf Tagen von Moses Schneider – einem Mann, der Bands wohl mit Live-Schweiß statt Studio-Parfum konserviert. Das hört man. Und das ist gut so.
Musikalisch ist ‘Immer Alles Gleichzeitig’ druckvoll, roh und gleichzeitig erstaunlich präzise. Gitarren, die nicht geschniegelt, sondern geschärft klingen. Eine fröhlich pumpende Elektroorgel, die das Ganze fast zu beschwingt wirken lässt – bis die Texte einsetzen und klar wird: Hier wird nicht dekoriert, hier wird seziert. Pop trifft hier auf Punk-Attitüde. Mitsingmoment auf messerscharfe Beobachtung. Ironie auf Ernst. Und genau diese Kontraste machen das Album stark. Es ist eingängig, ohne gefällig zu sein. Man nickt – und merkt dann, dass man gerade über Datingmüdigkeit, politische Lähmung oder die emotionale Verwahrlosung im Streaming-Zeitalter nickt. Chapeau.
Im Zentrum stehen die Texte von Inga Oder – feministisch wach, politisch reflektiert und sprachlich so dicht, dass man beim zweiten Hören merkt, wie viel einem beim ersten Durchgang entgangen ist. Was ich besonders schätze: Die Band doziert nicht. Sie steht am Spielfeldrand, beobachtet, kommentiert – mit Schalk im Nacken und einem leicht erhobenen Augenbrauenwinkel. Keine moralische Keule, eher ein präzise platzierter Seitenhieb. Und ja, das Album kann auch dunkel. Verlust, Einsamkeit, Trauer – Themen, die leicht ins Selbstmitleid kippen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen entsteht eine seltsame Form von empowernder Melancholie. So nach dem Motto: „Alles ist kompliziert, aber wir können wenigstens darüber lachen.“ Schwarzer Humor als Überlebensstrategie.
Was zusätzlich für Dynamik sorgt: Mehrere Bandmitglieder greifen hier zum Mikrofon. Dadurch bekommt die Platte eine dialogische Qualität, fast wie ein kollektiver Kommentar zum Zustand der Dinge. Keine Monoperspektive, sondern ein Bandgefüge, das hörbar zusammenspielt. Man merkt: Hier stehen ausgebildete Musiker*innen am Werk, die ihr Handwerk beherrschen – ohne steril zu klingen. Moses Schneiders Handschrift ist deutlich spürbar. Das Album klingt nicht geschniegelt, sondern lebendig. Schnell aufgenommen, kaum glattgebügelt, aber nie schlampig. Es wirkt, als hätte man beschlossen: Perfektion ist überschätzt, Energie ist wichtiger. Und das zahlt sich hier vollkommen aus. Die Songs wollen raus. Auf Bühnen. In verschwitzte Clubs. Auf Festivalwiesen, wo Bierbecher fliegen und man sich kurz kollektiv einig ist, dass wenigstens die Musik noch Sinn ergibt.
‘Immer Alles Gleichzeitig’ ist ein Album für alle, die ihr Leben nicht in hübsche Ordner sortiert bekommen – und irgendwann beschlossen haben, dass das vielleicht auch völlig okay ist. Für Menschen mit zu vielen offenen Tabs im Kopf und zu wenig Geduld für glattgebügelten Optimismus. Für Hörerinnen und Hörer, die deutschsprachigen Indie mit Haltung wollen: politisch wach, aber nicht platt; emotional, aber ohne in Selbstmitleid zu ersaufen. Wer hingegen Radiopop sucht, der einem sanft versichert, dass schon alles gut wird, der sollte vielleicht eher weiterziehen. ‘Kapa Tult’ verteilen nämlich keine Trostpflaster. Sie liefern den Soundtrack zur gepflegten Überforderung – tanzbar, treffsicher und mit einem Grinsen, das ein bisschen weh tut. Yeah!
Mein persönliches Fazit? Ich mag diese Platte nicht nur – ich ertappe mich dabei sogar, wie ich sie brauche. Weil sie mich gleichzeitig schmunzeln bringt, nachdenken lässt und dieses leicht hysterische „Na klar, warum auch nicht noch das!“ lachen lässt. Sie bestätigt den Hype um ‘Kapa Tult’ nicht einfach – sie tritt ihm freundlich gegen das Schienbein und rennt dann lachend daran vorbei. Und wenn diesen Sommer auf irgendeiner staubigen Festivalwiese jemand „Immer alles gleichzeitig!“ ins Mikro brüllt, werde ich ziemlich sicher mitgrölen. Nicht, weil ich jede Zeile auswendig kann. Sondern weil ich weiß: Genau so fühlt sich dieses Leben gerade an – und wenigstens klingt es hier verdammt gut.
Kapa Tult - Immer Alles Gleichzeitig
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