2026 ist das Jahr, in dem „Ich zuerst“ leider wieder salonfähig geworden ist. Während in Washington das Prinzip „Myself“ geopolitisch interpretiert wird, antwortet 'Chindiwolf' aus Kanada mit einer ganz anderen Version des Ego-Trips. Kein Wirtschaftskrieg, keine Strafzölle – sondern Dark Country, existenzielle Zweifel und eine gehörige Portion Selbstzerlegung. Wenn das die kanadische Reaktion auf politische Selbstverliebtheit ist, dann bitte mehr davon.
Mit 'Myself' legt 'Chindiwolf' ein tolles Debüt vor, das sich klar im Dark Country und Western Gothic verortet, dabei aber immer wieder elegante Ausflüge in fein klingenden Gothic Rock und melancholisch gefärbte Alternative-Sphären wagt. Das Ergebnis ist ein Album, das für mich erstaunlich zugänglich wirkt, ohne seine dunkle Grundierung aufzugeben. Schon nach kurzer Zeit merkt man: Hier geht es nicht um reine Schwermut als Selbstzweck, sondern um Atmosphäre mit Substanz. Die Gitarren sind warm und klar produziert, mal trocken und staubig, mal flächig und fast hymnisch. Immer aber mit einem Gespür für Melodie. 'Myself' versteht es, Motive so zu setzen, dass sie im Ohr bleiben, ohne sich aufzudrängen. Genau diese Balance macht den besonderen Reiz des Albums aus.
Was mich persönlich besonders überzeugt, ist die Stimme. Diese dunkle, sonor gefärbte Crooner-Qualität trägt die Songs mit beeindruckender Ruhe. Kein übertriebenes Pathos, kein künstliches Drama – sondern eine natürliche Gravitas, die sofort Glaubwürdigkeit erzeugt. Es ist eine Stimme, die nicht schreit, sondern zieht. Und genau dadurch hängen viele Passagen länger nach, als man zunächst erwartet. Stilistisch schimmert immer wieder klassischer Gothic Rock durch – allerdings ohne in Retro-Klischees zu verfallen. Stattdessen verbindet 'Chindiwolf' traditionelle Songwriter-Elemente mit einer modernen, klaren Produktion. Die Arrangements wirken durchdacht, luftig und dennoch dicht. Melancholie wird hier nicht zelebriert, sondern kultiviert.
Auch thematisch bleibt 'Myself' konsequent. Meinem Verständnis nach geht es um innere Konflikte, um toxische Beziehungen, um das Gefühl, nicht ganz in diese Welt zu passen. Doch statt sich in nihilistischem Weltschmerz zu verlieren, transportiert das Album eine fast elegante Form von Dunkelheit. Eine, die nicht lähmt, sondern fasziniert. Gerade diese Mischung aus düsterer Grundstimmung und eingängigen Melodien macht das Release so stark. Man ertappt sich dabei, einzelne Refrainlinien oder Gitarrenfiguren noch Stunden später mitzusummen – und das bei einem Album, das auf dem Papier eigentlich „bleak“ und kompromisslos sein müsste.
'Myself' von 'Chindiwolf' ist ein bemerkenswert starkes Debüt wie ich finde. Ein Release, das Dark Country, Western Gothic und fein schimmernden Gothic Rock zu einer stimmigen Einheit verbindet. Atmosphärisch dicht, melodisch überzeugend und getragen von einer wirklich beeindruckenden dunklen Stimme. Passend ist dieses Release für Hörerinnen und Hörer, die melancholische, aber dennoch eingängige Musik schätzen. Für Fans von Gothic Rock mit Songwriter-Anspruch, für Liebhaber düsterer Americana und für alle, die Wert auf starke Melodien legen, ohne auf Tiefgang verzichten zu wollen. Meine persönliche Meinung? Dieses Album überrascht. Es ist zugänglicher, melodischer und zugleich stilvoller, als man es von einem Dark-Country-Debüt vielleicht erwarten würde. Und genau deshalb bleibt es bei mir hängen – nicht als politischer Slogan, sondern als musikalisches Statement. Reinhören!
Chindiwolf - Myself
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