Das gefährlichste Wort im Deutschrock lautet ja bekanntlicherweise nicht „Rebellion“, „Freiheit“ oder „Bier“. Es lautet ganz einfach „kompromisslos“. Kaum ein neues Album kommt ohne dieses Versprechen aus, obwohl sich dahinter nicht selten sehr kompromissbereit gebaute Refrains, sauber sortierte Gitarren und ausreichend Platz für den gemeinsamen Konzertgesang verbergen. Auch 'Kärbholz' schicken 'Sturm Zieh Auf' mit Härte, Chaos, Widerstandskraft und Neubeginn ins Rennen. Das klingt, als müsse man vor dem Anhören noch schnell die Fenster vernageln. Ganz so verheerend fällt die Wetterlage nicht aus. Dafür liefert die Band ein konzentriertes und kräftiges Album – mit genügend Druck für die Bühne, aber auch mit jenen vertrauten Sicherungen, die verhindern, dass wirklich das ganze Haus davonfliegt.
'Kärbholz' haben sich ihre Stellung in mehr als zwei Jahrzehnten nicht durch einen plötzlichen Hype, sondern mehr durch Beharrlichkeit, Tourneen und eine treue Anhängerschaft erarbeitet. Aus punkigem Deutschrock wurde ein eigener Mix aus Rock’n’Roll, Hard Rock, Punk und Metal. Alben wie 'Karma', 'Überdosis Leben', 'Herz Und Verstand' und 'Kontra' kletterten weit nach oben in den deutschen Charts. 2023 erschienen 'Kapitel 11: Barrikaden' und 'Kapitel 10: Wilde Augen' sogar in vertauschter Reihenfolge, weil die Band das elfte Kapitel für den besseren Auftakt hielt. Für 'Sturm Zieh Auf' sammelte Gitarrist 'Adrian Kühn', der sämtliche Texte schrieb, mehr als 40 Ideen. 13 davon überlebten die Auswahl. Ein Lied muss bei 'Kärbholz' zunächst als Lagerfeuerversion aus Text, Melodie und wenigen Akkorden funktionieren, bevor 'Torben Höffgen', 'Adrian Kühn', 'Stefan Wirths' und 'Henning Münch' gemeinsam das Arrangement ausarbeiten. Intensiv gearbeitet wurde von Mitte 2024 bis Ende 2025, aufgenommen im August und September 2025.
Die Aufnahmen entstanden in Thüringen, Hamburg und im eigenen Proberaum. 'Alex Dietz' von 'Heaven Shall Burn', bereits seit 'Überdosis Leben' ein vertrauter Partner, brachte erneut seine härtere Perspektive ein. Das Schlagzeug wurde bei 'Eike Freese' in den 'Chameleon Studios' aufgenommen, Teile des Gesangs im Proberaum. So klingt das Ergebnis klar und druckvoll, ohne den Gitarren sämtliche Splitter abzuschleifen.
Musikalisch ziehen 'Kärbholz' die Schrauben spürbar fester an. Geradlinige Rock’n’Roll-Riffs treffen auf Metal-Schub, Punk und einzelne Hardcore-nahe Kanten. Doublebass-Passagen liefern zusätzlichen Druck, zweite Stimmen werden stärker in den Studiosound eingebunden. Dazu kommen kleine Ausbrüche aus der Komfortzone: eine verschobene rhythmische Betonung hier, eine warme Hammond-Orgel dort. Das sind keine grundlegenden Neuerfindungen, aber wirkungsvolle Details. Die Band baut kein neues Fahrzeug – sie montiert der vertrauten Maschine gröbere Reifen und tritt etwas kräftiger aufs Gas. Inhaltlich kreist 'Sturm Zieh Auf' um Brüche, Verletzlichkeit, Selbstbestimmung und die Kunst, aus Krisen etwas Brauchbares zu ziehen. Als Dach dient eine vereinfachte Variante von 'Friedrich Nietzsches' Satz, wonach, wer ein Warum zum Leben habe, fast jedes Wie ertragen könne. Das Original stammt aus der 'Götzen-Dämmerung'; hier wird daraus robuste Lebenshilfe mit verzerrten Gitarren. Nietzsche liefert das Motto, nicht das Seminar.
Das funktioniert, weil 'Adrian Kühn' persönliche Erfahrungen nicht hinter komplizierten Bildern versteckt.
Die Texte wollen sofort verstanden und gemeinsam gesungen werden. Genau dort liegt aber ihre Grenze. Mut, Glück, Narben, Fallen und Wiederaufstehen werden so ausdauernd umkreist, dass manche Erkenntnis wie ein Kalenderspruch in Lederjacke wirkt. Der Blick richtet sich fast immer auf das Individuum: Nicht die Verhältnisse sollen sich ändern, sondern die eigene Haltung. Das kann Kraft geben, verkürzt komplexe Krisen bisweilen aber auf persönliche Bewährungsproben. Für gesellschaftliche Reibung bleibt wenig Platz.
'Adrian Kühn' hat selbst eingeräumt, dass die Vorab-Singles vor allem die typische Seite von 'Kärbholz' zeigten. Das Album ist tatsächlich breiter, als diese Auswahl vermuten ließ, pendelt zwischen Trotz, Melancholie und Aufbruch. Revolutionär wird es deshalb trotzdem nicht. Einige Stücke folgen zuverlässig dem bekannten Bauplan: kräftiger Einstieg, emotionaler Anstieg, großer Refrain, Arme hoch. Live dürfte das prächtig funktionieren. Auf knapp 49 Minuten entsteht jedoch auch eine gewisse Gleichförmigkeit. Mehr Mut zu echten Brüchen hätte den vielen Liedern über Brüche gutgestanden.
Als Anspieltipp empfiehlt sich vielleicht 'Sonnenfinsternis'. Die ungewöhnlich gesetzte rhythmische Betonung zeigt, wie spannend 'Kärbholz' klingen können, wenn sie ihren Geradeauslauf kurz verlassen. Inhaltlich bringt 'Kintsugi' das Album besonders gut auf den Punkt: Wie bei der japanischen Reparaturkunst werden Bruchstellen nicht versteckt, sondern sichtbar gemacht. 'Sturm Zieh Auf' erscheint mit 13 Titeln am 25. September 2026 über 'Metalville' digital, auf CD sowie in mehreren Vinyl- und Box-Ausgaben. Der ursprünglich geplante Termin am 18. September musste wegen produktionstechnischer Verzögerungen weichen. Selbst der Sturm wartete also auf die Versandfreigabe. Besonders erwähnenswert ist die limitierte 'Fuck Cancer Box'. Weil Krebs im persönlichen Umfeld der Band mehrfach eine Rolle spielte, geht ihr Gewinn an die 'Deutsche Krebshilfe'. Das passt glaubwürdig zu den Themen des Albums und wirkt nicht wie ein nachträglich ergänztes PR-Element.
Damit ist 'Sturm Zieh Auf' ein kraftvolles, geschlossenes und sorgfältig produziertes Album, auf dem 'Kärbholz' ihre bekannte Formel härter und etwas variabler ausarbeiten. Am stärksten ist es dort, wo Optimismus nicht nach Dauergrinsen klingt, sondern aus Zweifeln, Verlusten und sichtbaren Rissen entsteht. Schwächer wird es, wenn schwierige Erfahrungen in allzu handliche Botschaften gepresst werden. Für langjährige Fans ist das nahezu eine sichere Bank. Auch wer deutschsprachigen Rock mit Metal- und Punkanteilen, markanter Stimme und großen Refrains mag, kann bedenkenlos einsteigen. Wer dagegen sprachliche Mehrdeutigkeit, wilde Experimente oder einen radikalen Bruch mit der Bandgeschichte sucht, bekommt eher soliden Gegenwind als einen Orkan. Das pustet immerhin den Kopf frei, ohne gleich das Dach abzudecken.