Stell dir einmal vor, jemand versucht einen richtig schönen Frühlingstag in Musik zu verwandeln – aber ohne dass es kitschig wird. Genau so klingt 'Evergreen In Your Mind' von 'Juni Habel'. Keine übertrieben fröhlichen Sounds, kein dieses „alles ist perfekt“-Gefühl. Stattdessen eine ruhige, entspannte Stimmung die man hat, wenn man einfach mal durchatmet und nichts muss. Klingt unspektakulär? Ist es vielleicht auch. Aber genau das macht den Reiz dieser Veröffentlichung aus. Mit 'Evergreen In Your Mind' liefert 'Juni Habel' ein Album ab, das ungefähr so laut ist wie ein Sonntagmorgen an dem alle Nachbarn plötzlich beschlossen haben, nett zueinander zu sein. Die norwegische Singer-Songwriterin bleibt sich hier aber treu – und das ist in diesem Fall absolut keine schlechte Nachricht. Schon auf dem Vorgängeralbum 'Carvings' war klar: Hier geht es nicht um große Gesten, sondern um diese kleinen, fast schon flüchtigen Momente. Und genau da setzt sie auch jetzt mit 'Evergreen In Your Mind' wieder an. Nur wirkt diesmal alles noch ein Stück bewusster, noch ein bisschen entschleunigter. Oder anders gesagt: Wer hier Action sucht, der ist hier ungefähr so richtig, wie mit dem Presslufthammer im Yogastudio.
Was mir beim Hören sofort auffällt – und sich wirklich durch das komplette Album zieht – ist der absolute Fokus auf die Stimme. Alles dreht sich hier um 'Juni Habel'. Instrumente? Na klar, die sind schon da! Aber eher so in der Rolle des freundlichen Begleiters, der im Hintergrund leise nickt und sagt: „Mach du mal selbst“. Ihre Stimme ist dabei das Zentrum von allem: weich, warm, fast schon beruhigend. Ehrlich gesagt fühlt sich das stellenweise an wie ein musikalischer Frühlingstag. Nicht dieser hektische „alle raus, Sonne scheint!“-Frühling, sondern eher die Variante: Fenster auf, Kaffee in der Hand, leichte Brise, alles ist irgendwie okay. Und genau das macht dieses Album so zugänglich. Musikalisch bewegt sich 'Evergreen In Your Mind' irgendwo zwischen zartem Folk, minimalistischer Singer-Songwriter-Ästhetik und einer angenehm unaufgeregten Experimentierfreude. Und das meine ich wirklich absolut positiv. Hier wird gar nicht erst wild herumprobiert, sondern ganz vorsichtig erweitert. Kleine perkussive Spielereien, Alltagsgeräusche, dezente rhythmische Elemente – das alles schleicht sich eher ein, als dass es sich aufdrängt. Gemeinsam mit 'Stian Skaaden' entsteht so ein Sound, der nicht geschniegelt wirkt, sondern angenehm lebendig. Man hört: Da hat jemand nicht einfach nur Songs aufgenommen, sondern Atmosphäre eingefangen.
Ich habe mich dabei tatsächlich mehrfach ertappt, wie ich das Album einfach nebenbei laufen ließ – beim Arbeiten, beim Kaffee, sogar einmal früh morgens, als eigentlich noch gar nichts so richtig in Gang kommen wollte. Und genau da hat es für mich am besten funktioniert. Es nimmt Tempo raus, ohne müde zu machen. Es beruhigt, ohne langweilig zu werden. Aber – und das gehört eben auch dazu – manchmal ist es vielleicht ein kleines bisschen zu brav. Es gibt Momente, da hätte ich mir gewünscht, dass 'Juni Habel' den Mut hat, diese sanfte Komfortzone einmal kurz zu verlassen. Ein kleiner Ausbruch, ein unerwarteter Bruch – einfach etwas, das kurz gegen diese durchgehende Gleichmäßigkeit arbeitet. Denn genau diese Gleichmäßigkeit ist Fluch und Segen zugleich. Sie macht das Album unglaublich angenehm – aber eben auch stellenweise fast zu zurückhaltend. Das ist keine Musik, die dich packt und durchschüttelt. Sie setzt sich neben dich und bleibt da. Für viele wird genau das perfekt sein.
Am Ende ist 'Evergreen In Your Mind' für mich ein Album, das genau weiß, was es sein will – und das zieht es eben so konsequent durch wie beschrieben. Perfekt für alle die Musik nicht immer als Ereignis brauchen, sondern als Begleiter. Für Fans von 'Joni Mitchell', 'Jessica Pratt' oder 'Joanna Newsom' möglicherweise ein Pflichttermin. Wer hingegen auf Dynamik, Ecken und klare Höhepunkte steht, könnte hier ein bisschen zu sanft landen. Ich persönlich mag diese Ruhe sehr – auch wenn ich mir hier und da einen kleinen Tritt aufs Gaspedal gewünscht hätte. Aber gut: Nicht jedes Album muss dich wachrütteln. Manche setzen sich einfach neben dich. Und wenn du nicht aufpasst, bleiben sie länger, als du eigentlich vorhattest. Fein!
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