Leila Abdul-Rauf - Andros Insidium

Leila Abdul-Rauf - Andros Insidium

Leila Abdul-Rauf ist wahrlich keine Künstlerin, die es einem leicht macht. Und ich glaube, genau das ist der Punkt. Während viele anderen Acts versuchen ihre Musik zugänglich zu gestalten, scheint sie sich eher zu fragen: „Wie weit kann ich gehen, ohne mich selbst zu verlieren?“ Die Multiinstrumentalistin, Sängerin und Komponistin aus der San Francisco Bay Area hat sich über Jahre hinweg eine künstlerische Identität aufgebaut, die sich konsequent jeder klaren Einordnung entzieht. Bekannt wurde sie vielen über ihre Arbeit bei 'Vastum', wo sie den Sound der Band entscheidend mitprägt – roh, intensiv und direkt. Doch parallel dazu hat sie auch ein Solo-Schaffen entwickelt, das fast wie das Gegenteil wirkt: reduziert, introspektiv und oft erstaunlich unbequem. Zusätzliche Stationen bei Projekten wie 'Amber Asylum' oder 'Hammers Of Misfortune' zeigen, wie breit ihr musikalisches Spektrum tatsächlich ist. Ihre bisherigen Soloarbeiten – etwa 'Insomnia' oder 'Calls From A Seething Edge' – haben bereits angedeutet, dass sie weniger an klassischen Songs interessiert ist als an Stimmungen, Zuständen und inneren Prozessen. Mit 'Andros Insidium', veröffentlicht ab dem 17. April 2026 über '20 Buck Spin', führt sie diesen Weg nun konsequent weiter und macht dabei - wortwörtlich gesagt - keine Gefangenen.

Und da mache ich es gleich mal direkt und ehrlich: 'Andros Insidium' ist kein Album, das mir sofort die Tür geöffnet hat. Eher im Gegenteil – es hat sie erst einmal zugemacht, abgeschlossen und den Schlüssel irgendwo in die Dunkelheit geworfen. Denn was hier passiert, ist weniger Musik im klassischen Sinne, sondern eher ein Prozess. Ein langsames Abtauchen in eine Welt, die sich bewusst gegen klare Strukturen, eingängige Melodien oder klassische Dramaturgie stellt. Das Album arbeitet stark mit Aufbau und Rücknahme. Immer wieder entstehen aus der Stille heraus dichte Klangflächen, getragen von tiefen, pulsierenden Elementen und rituell anmutenden Trommeln. Diese Momente haben etwas Bedrohliches, fast Archaisches – als würde hier etwas vorbereitet, beschworen oder freigesetzt werden. Was mich dabei besonders beschäftigt hat ist die Konsequenz vom ersten bis zum letzten Song. Es gibt kaum „Belohnungsmomente“ auf diesem Release. Keine klaren Höhepunkte, keine eingängigen Passagen, die einen kurz auffangen. Stattdessen bleibt die Musik oft in einem Zustand hängen – verharrt, kreist, verdichtet sich. Und genau hier lag für mich die größte Herausforderung. Ich habe mich mehr als einmal dabei erwischt, wie ich innerlich nach Orientierung gesucht habe. Nach einem Anker. Nach irgendetwas, das mich „reinzieht“. Und das Album antwortet darauf ziemlich nüchtern: „Nein, gibt es nicht“. Gleichzeitig – und das muss man ihr lassen – entsteht genau daraus eine eigene Form von Sog. Denn je länger man sich darauf einlässt, desto mehr beginnt man, diese Struktur zu akzeptieren.

Ein zentraler Baustein des Albums ist dabei eindeutig die Stimme von Leila Abdul-Rauf. Sie fungiert nicht als klassisches Gesangselement, sondern als Ausdrucksträger. Mal beschwörend, mal klagend, mal erzählend – und immer mit einer Intensität, die sich schwer ignorieren lässt. Besonders spannend ist, wie sie zwischen verschiedenen Ausdrucksformen wechselt, ohne dabei den Gesamtfluss zu verlieren. Auch die wenigen Momente, in denen sich das Klangbild öffnet, sind bemerkenswert. Wenn plötzlich eine klarere, fast schon helle Stimme auftaucht, wirkt das wie ein kurzer Lichtstrahl in einem ansonsten sehr dichten, dunklen Raum. Diese Kontraste sind selten – aber genau deshalb wirken sie umso stärker. Klanglich bewegt sich das Ganze meiner Meinung nach irgendwo im Bereich zwischen Dark Ambient und ritualhaften Elementen. Nichts wirkt hier steril oder überproduziert. Stattdessen entsteht das Gefühl, als würde sich die Musik im Raum entfalten, als wäre man Teil eines Geschehens und nicht nur Zuhörer. Vergleiche zu Dead Can Dance oder Diamanda Galás drängen sich in der Vergangenheit bereits auf, greifen meiner Meinung aber letztlich zu kurz. 'Andros Insidium' ist viel weniger zugänglich, weniger strukturiert – und in vielen Momenten auch deutlich unbequemer. Und ja – ich gebe es ehrlich zu: Es gab da diese Stellen, an denen ich kurz raus war. Wo ich dachte: „Jetzt reicht’s mir.“ Aber letztendlich haben genau diese Momente dafür gesorgt, dass ich dann später doch wieder zurückgekommen bin.

Mein Fazit also: Für Hörer, die klare Strukturen, eingängige Melodien oder klassische Dramaturgie suchen, wird das hier vermutlich schnell anstrengend. Dafür verweigert sich das Album zu konsequent allem, was man üblicherweise erwartet. Wer sich jedoch auf dunkle, ritualhafte Klangwelten einlassen kann, wer Musik nicht nur hören, sondern erleben möchte, der wird hier etwas finden. Vielleicht nicht sofort – aber mit der Zeit. Ich persönlich hatte echte Schwierigkeiten Zugang zu diesem Album zu finden. Es hat mich stellenweise irritiert, teilweise sogar leicht genervt. Aber gleichzeitig hat es mich auch nicht losgelassen. Und genau das ist vielleicht die größte Stärke von 'Andros Insidium': Es funktioniert vielleicht nicht auf Anhieb. Aber wenn man sich darauf einlässt, entfaltet es irgendwann eine Wirkung, die bleibt.

Leila Abdul-Rauf - Andros Insidium
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