Also, ich habe 'Hora Fugit' angemacht – eigentlich nur ganz kurz. Zehn Minuten später saß ich immer noch da und hatte vergessen, was ich eigentlich tun wollte. Das ist selten. 'Jérôme Chassagnard' schafft es, mit wenigen Mitteln einen Sog zu erzeugen, der nicht laut ist, aber hartnäckig wirkt. Und plötzlich merkt man: Die Zeit ist weg. Passend zum Titel. Der 1972 geborene Franzose, heute anscheinend wohl in Asien lebend, ist überhaupt kein Unbekannter in der Welt anspruchsvoller Elektronik. Als Mitglied von 'Ab Ovo' und 'The Prayer Tree' und mit mehreren Veröffentlichungen auf dem, ja fast schon legendären Label 'Hymen Records' hat er sich über Jahre eine klare Handschrift erarbeitet. Ambient, Electronica, Glitch, Modern Classical – bei ihm sind das keine Etiketten, sondern Bausteine. Nun ist also am 11. Februar 2026 'Hora Fugit' erschien. Und dieses Release zeigt mir sehr deutlich, dass Erfahrung manchmal einfach bedeutet: Man weiß genau, was man nicht mehr beweisen muss.
'Hora Fugit' beginnt ohne Drama. Keine große Geste, kein „Jetzt geht’s los“. Stattdessen öffnen sich ruhige Synth-Flächen. Kleine rhythmische Impulse setzen sich darunter, fast unauffällig, aber präzise. Fragmentierte Stimmen tauchen auf wie Gedankenfetzen, die man nicht ganz greifen kann. Was mir sofort auffiel: Das Album wirkt komplett unaufgeregt. Es will nichts erzwingen. Es beruhigt – aber es bleibt wach. Das ist ein schmaler Grat, und Chassagnard balanciert ihn sehr sicher. Die Stücke gehen fließend ineinander über. Es fühlt sich tatsächlich an wie aus einem Guss. Keine Brüche, keine unnötigen Richtungswechsel. Selbst Variationen wie 'Urban Sand (Spring Version)' und 'Carried (Winter Version)' wirken nicht wie Anhängsel, sondern wie unterschiedliche Lichtstimmungen desselben Raumes. Auch 'She Is Behind (Full Moon Version)' fügt sich organisch ein.
Das Album lebt von Details. Kleine Glitch-Elemente, dezente Field-Recordings, feine harmonische Verschiebungen. Aber nichts drängt sich in den Vordergrund. Es ist Musik, die Raum lässt – und genau dadurch wirkt sie größer. Das Mastering von 'Anatoly Grinberg' sorgt wiederum dafür, dass jede Ebene klar bleibt. Die Produktion ist transparent, offen, atmend. Gerade bei so vielen Schichten ist das keine Selbstverständlichkeit. Das Artwork - natürlich - von 'Stefan Alt' passt dazu: reduziert, organisch, fein strukturiert.
Mein Fazit lautet also: Ich habe 'Hora Fugit' viele male gehört – und jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass es mich ein Stück mehr entschleunigt. Nicht im Sinne von „Hintergrundmusik“, sondern eher wie ein ruhiger Begleiter. Es trägt, ohne zu dominieren. Das Album wirkt auf mich durchgehend und geschlossen. Es gibt keinen Moment, der herausfällt. Keine Passage, die plötzlich Aufmerksamkeit erzwingen will. Und gerade das macht es meiner Meinung nach sehr sehr stark. Ist es spektakulär? Nein. Ist es nachhaltig? Ja!
'Hora Fugit' ist ein Album, das nicht schreit. Es spricht leise – aber dafür sehr deutlich. Für alle Fans von Ambient, IDM und moderner elektronischer Komposition ist es eine klare Empfehlung. Für Ungeduldige eher nicht. Für mich persönlich ist es eines dieser Alben, die man nicht sofort laut feiert – sondern die einfach bleiben. Und manchmal ist genau das das größere Kompliment.
Medienkonverter.de
Jérôme Chassagnard - Hora Fugit
Wulfsige - Inquisitor Side 2
Wenn man an Los Angeles denkt, denkt man an Blockbuster, Glitzer und überbelichtete Instagram-Sonnenuntergänge. Doch mitten in dieser Kulisse existiert da dieses eine Projekt 'Wulfsige', das lieber Kerzen anzündet als Scheinwerfer. Statt Superhelden gibt es hier verfluchte Inquisitoren. Statt Explosionen langsame, bedrohliche Klangflächen. Wir haben 'Wulfsige' bereits 2025 mit dem Release 'Yule' vorgestellt – damals noch mit vorsichtiger Neugier, heute mit spürbarer Erwartung. Denn schon damals war klar: Hier arbeitet kein Nebenbei-Projekt, sondern ein künstlerischer Kopf mit Vision. Seitdem v...