'Mexico City' ist ganz sicher keine Stadt die leise atmet. Sie lärmt, flackert, schwitzt, hupt, drängt, leuchtet und verschlingt. Eben ein urbanes Monster aus Beton, Hitze, Smog, Menschenmassen, katholischer Symbolik, Gewalt, Leben, Tod und Nacht. Vielleicht ist genau deshalb schwer vorstellbar, dass 'Hocico' irgendwo anders hätten entstehen können. Dieses Duo klingt seit jeher, als hätte eine Metropole selbst schlechte Träume bekommen und daraus Beats gebaut. 'Erk Aicrag' und 'Racso Agroyam' tragen diese Herkunft nicht wie ein dekoratives Herkunftsschild vor sich her, sondern wie eine Narbe im Sound. Am 8. Mai 2026 ist mit 'Unseen Horror Scenes' nun ein neuer Longplayer erschienen, der genau dort ansetzt: nicht als künstlich konstruierter Horrortrip, sondern als Musik aus einer Stadt, in der Schönheit und Abgrund manchmal nur durch eine dünne Wand getrennt sind.
Somit hat das Warten also endlich ein Ende und natürlich kommen 'Hocico' nicht mit einem Blumenstrauß zurück sondern eher mit einem rostigen Skalpell, einer Bassdrum und der höflichen Frage, ob man seine Paranoia lieber digital oder spirituell serviert bekommen möchte. 'Unseen Horror Scenes' ist ein weiterer Abstieg in den bekannten Abgrund dieser Band, aber eben keiner, bei dem man nur gelangweilt mitzählt, wie viele Stufen man schon kennt. Das Album wirkt konzentriert, bissig und erfreulich wach. Nicht revolutionär, nicht plötzlich ganz anders, aber stabil auf hohem Niveau und mit genau jener giftigen Energie, wegen der man 'Hocico' überhaupt hören will. Wer hier eine sanfte Altersmilde erwartet hat, darf erleichtert aufatmen – oder eben nicht, denn Sauerstoff ist in dieser Klangwelt traditionell knapp. Yeah!
Musikalisch bewegt sich 'Unseen Horror Scenes' tief im vertrauten Kosmos von 'Hocico': harte Industrial-Beats, messerscharfe EBM-Sequenzen, kalte Synth-Linien, hypernervöse elektronische Einschübe und diese Stimme von 'Erk Aicrag', die weiterhin klingt, als würde jemand im Maschinenraum der Apokalypse schlechte Nachrichten durchgeben. Der Sound ist körperlich, aggressiv und klar auf die dunkle Tanzfläche ausgerichtet, aber nicht eindimensional. Unter der brachialen Oberfläche steckt mehr Dramaturgie, als man beim ersten Aufprall vielleicht vermutet. Die Musik schiebt, hetzt, peitscht und reißt, lässt aber immer wieder genug Raum für Atmosphäre, für düstere Spannung und für dieses unangenehme Gefühl, dass irgendwo im Hintergrund gerade ein System abstürzt, das vielleicht besser nicht hätte online gehen sollen.
Thematisch passt das erstaunlich gut in unsere Gegenwart. 'Hocico' sezieren auf 'Unseen Horror Scenes' nicht nur den klassischen Horror aus Blut, Schatten und Körperverfall, sondern auch den moderneren Albtraum: digitale Überreizung, Sucht, Verrat, Feigheit hinter Bildschirmen, spirituelle Leere und diese seltsame Mischung aus Dauerempörung und innerer Betäubung, die man heute wahrscheinlich schon beim Frühstück über drei Apps serviert bekommt. Das Album kritisiert diesen Verfall nicht aus sicherer Entfernung, sondern verstärkt ihn, verzerrt ihn und zwingt uns im Grunde dazu, darin zu tanzen. Das ist vielleicht die treffendste Form von schwarzem Humor: Die Welt brennt, aber immerhin stimmt der Beat. Gerade deshalb funktioniert das Release für mich so gut. 'Hocico' liefern keine gepflegte musikalische Steuererklärung für Menschen mit ergonomischem Bürostuhl, sondern ein wütendes, dunkles, elektrisches Brett, das seine eigene Formel sehr genau kennt. Und ja, diese Formel ist vertraut. Natürlich weiß man bei 'Hocico', aus welcher Gruft der Wind weht. Natürlich gibt es diese typischen Momente, in denen Sequencer auf Alarm stehen, die Beats auf Abriss laufen und die Stimme klingt, als hätte jemand den Notausgang abgeschlossen. Aber 'Unseen Horror Scenes' fällt eben nicht in reinen Autopilot. Das Material hat Druck, Tempo und genug Variation, um lebendig zu bleiben. Die Drum-&-Bass-Einschübe sorgen für zusätzliche Hektik, die EBM-Strukturen halten das Ganze scharf und kantig, und die Industrial-Wucht gibt dem Album diesen brutalen Unterbau, der nicht einfach laut sein will, sondern wirklich Körperkontakt sucht.
Besonders geil ist, dass 'Hocico' nicht versuchen, krampfhaft modern zu wirken. Sie müssen keinem Trend hinterherrennen, weil sie seit Jahren ihren eigenen dunklen Tunnel graben – und offenbar immer noch neue Räume darin finden. 'Unseen Horror Scenes' klingt nicht nach müder Selbstkopie, sondern nach einer Band, die ihr eigenes Revier kennt und dort noch einmal die Schrauben fester anzieht. Ich mag an diesem Album vor allem diese Mischung aus Verlässlichkeit und frischer Nervosität. Man bekommt, was man erwartet, aber eben nicht in der abgestandenen Kantinen-Version. Es knirscht, es pumpt, es schneidet, es flackert. Und immer wieder entsteht dieser Sog, bei dem man merkt: Das hier ist keine bloße Club-Maschine, sondern ein ziemlich konsequent gebauter Albtraum mit Tanzflächenlizenz. Auch optisch sitzt 'Unseen Horror Scenes' genau dort, wo es sitzen muss: unbequem. Das Artwork zeigt keinen billigen Splatter-Horror und keine plakative Schockpose aus der Ramschkiste, sondern irgend eine seltsame anmutende blasse, halb zerfallene Kopfgestalt, durchzogen von Dornen, Nähten, Kabeln oder organischen Fremdkörpern. Strange! Im Zentrum sitzt dann noch eine geisterhafte Motte, als hätte sich etwas Zartes und Schönes mitten in den Verfall verirrt. Der ganze Körper wirkt wie eine Mischung aus anatomischer Studie, kaputtem Heiligenbild, Insektenhorror und Laborunfall mit schlechter Dokumentation. Das Cover ist düster, fein gearbeitet und unangenehm elegant. Es sieht nicht aus wie etwas, das man sich zum Frühstück anschaut – eher wie etwas, nach dem der Toaster freiwillig den Dienst quittiert. Genau deshalb passt es so gut. Es verdichtet die Musik von 'Hocico' auf ein starkes Bild: Schmerz, Transformation, Körperlichkeit, Dunkelheit und eine Schönheit, die nicht tröstet, sondern eher fragt, ob man die Patientenverfügung schon unterschrieben hat.
Die 2CD-Version verstärkt diesen Eindruck sinnvoll. Die erste CD enthält das komplette Studioalbum mit 15 neuen Stücken, während die zweite CD unter dem Titel 'Hidden Horror Scenes' den Albtraum mit Bonusmaterial und Remixen erweitert. Das ist kein völlig neues zweites Album, sondern eher ein zusätzlicher Gang durch die Nebenräume des Gebäudes – und natürlich ist auch dort das Licht kaputt. Besonders für Fans ist diese Erweiterung reizvoll, weil sie den Club- und Szenekontext von 'Hocico' noch einmal betont. Die Remixe, unter anderem von 'Funker Vogt', 'Trycerapt' und 'Dominator', zeigen, dass sich dieses Material umbauen, verdichten und neu zuspitzen lässt, ohne seinen Kern zu verlieren. Insgesamt kommt die 2CD-Fassung dann auf fette 21 Tracks und fühlt sich dadurch eher wie ein erweitertes Paket für Überzeugungstäter an als wie bloßes Bonusfutter. Man braucht dafür allerdings eine gewisse Grundbereitschaft für elektronische Dunkelbestrafung. Wer nach drei Songs schon nach Baldriantee sucht, wird hier vermutlich nicht alt.
Natürlich ist 'Unseen Horror Scenes' kein perfektes Release. Wer von 'Hocico' eine radikale Neuerfindung erwartet, wird nicht plötzlich mit offenem Mund vor der Anlage stehen und behaupten, die Musikgeschichte habe soeben einen neuen Kontinent entdeckt. Manche Strukturen sind klar erkennbar, manche Stimmungen vertraut, manche Angriffe kommen genau aus der Richtung, aus der man sie erwartet. Aber das ist hier weniger Schwäche als Einordnung. 'Hocico' sind ganz sicher keine Band die ihre Identität abstreifen muss um relevant zu bleiben. Ihre Stärke liegt klar darin diesen eigenen Sound immer wieder mit genug Wut, Präzision und Atmosphäre aufzuladen, so dass er weiterhin funktioniert. Und genau das gelingt auf 'Unseen Horror Scenes' meiner Meinung nach erstaunlich gut.
Am Ende ist 'Unseen Horror Scenes' ein gutes, solides und erfreulich vitales Release einer Band, die sehr genau weiß, wer sie ist. 'Hocico' erfinden die Hölle nicht neu, aber sie führen sehr überzeugend durch einige ihrer besser gepflegten Abteilungen. Für Fans von 'Hocico' ist die 2CD-Version praktisch ein Pflichttermin: hart, düster, wuchtig, clubtauglich und mit genügend Atmosphäre ausgestattet, um nicht bloß als Beat-Maschine durchzulaufen. Wer Harsh EBM, Dark Electro und Industrial mit Druck, Kälte, Gift und Endzeitflackern mag, wird hier viel Freude haben – oder zumindest eine stilvoll unangenehme Zeit, was in diesem Genre ja fast dasselbe ist.
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