Manche Musiker wechseln ihren Stil, andere räumen lediglich das Studio um und erklären anschließend, sie hätten sich völlig neu erfunden. Bei 'Hans Hjelm' fällt die Veränderung erfreulicherweise glaubwürdiger aus. Der Stockholmer Gitarrist studierte in den Neunzigerjahren Jazzgitarre an der 'University Of North Texas' und bewegt sich mit 'Kungens Män' sowie 'Automatism' seit Jahren durch improvisierten Kraut-, Psychedelic- und Space-Rock. Auch seine bisherigen Soloarbeiten waren überwiegend instrumental geprägt. Auf seinem dritten Solowerk 'The Night Electronic' entdeckt er nun nicht nur die menschliche Stimme, sondern rückt zugleich die Elektronik deutlich weiter nach vorn. Die Gitarre muss deshalb nicht ausziehen, erfährt aber erstmals, wie es ist, nicht ständig den Hausschlüssel zu besitzen.
Ganz neu ist das musikalische Material allerdings nicht. Die fünf Stücke der regulären digitalen Ausgabe sind Neuinterpretationen von Kompositionen des Vorgängers 'Into The Night'. Die CD ergänzt dieses knapp 28-minütige Kernprogramm um zwei ebenfalls neu bearbeitete Titel aus dem Debüt 'Factory Reset'. Was auf dem Papier ein wenig nach musikalischer Resteverwertung mit frischem Etikett aussieht, erweist sich beim Hören als überraschend schlüssige Verwandlung. 'Hans Hjelm' hat nicht einfach Gesang auf die vorhandenen Aufnahmen gelegt und anschließend vorsorglich etwas Hall darübergekippt. Die Stücke wurden umgebaut, elektronisch neu ausgeleuchtet und aus ihrer instrumentalen Traumwelt in eine deutlich stärker songorientierte Form überführt. Veröffentlicht wurde 'The Night Electronic' am 29. Mai 2026 über 'Kungens Ljud & Bild'. Neben der digitalen Fassung gibt es eine auf 300 Exemplare limitierte, regulär gepresste CD im matten Digipak mit einem Artwork von 'Jonas Yrlid'. Aufgenommen wurde das Album 2025 im 'Helter Skelter Studio' in Stockholm. Produziert haben 'Hans Hjelm' und 'Henrik Sunbring', der zugleich den Mix übernahm; das Mastering stammt von 'Hans Olsson'. Zum weiteren musikalischen Personal gehören 'Jesper Skarin', 'Mikael Tuominen' und 'Per Wiberg'. Für die entscheidende neue Farbe sorgen die Stimmen von 'Hildur Ottilia' und 'Viktor Westerlund'.
Klanglich bewegt sich 'The Night Electronic' durch die erfreulich schlecht ausgeschilderten Grenzgebiete von Art Pop, Electronica, Dream Pop, Shoegaze, Synthwave und Trip-Hop. Das bedeutet allerdings nicht, dass 'Hans Hjelm' plötzlich kompakte Drei-Minuten-Refrains für das Frühstücksradio produziert. Die Stücke bleiben ausgedehnt, geduldig und stellenweise progressiv. Sie tragen nur keinen Rucksack voller Gitarrensoli mehr mit sich herum. Analoge Synthesizer, programmierte Rhythmen, Drum-Loops und ein angenehm warmer Synth-Bass bilden das neue Fundament. Die Gitarre bleibt wichtig, drängt sich aber nicht länger bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund. Sie setzt Akzente, zieht leuchtende Linien durch die elektronischen Flächen und verschwindet wieder, bevor jemand das Wort „Solo“ zu Ende ausgesprochen hat. Dadurch wirkt das Album luftiger und moderner als seine Vorgänger, ohne die psychedelische Herkunft seines Schöpfers zu verleugnen. Besonders gefällt mir, wie organisch diese Elektronik klingt. Hier klappert nichts steril aus dem Laptop, und auch die Rhythmik wirkt nicht, als habe ein schlecht gelaunter Algorithmus pflichtbewusst seinen Achtstundentag abgesessen. Die Beats entwickeln einen ruhigen, aber beständigen Sog, während Synthesizerflächen, Bassläufe, kleine perkussive Details und verschwommene Gitarrenfarben langsam ineinandergreifen. Auf den ersten Eindruck kann das beinahe minimalistisch wirken. Unter der glatten Oberfläche steckt jedoch eine bemerkenswert fein gearbeitete Produktion, die bei wiederholtem Hören immer neue Kleinigkeiten preisgibt.
Die elegante Melancholie erinnert stellenweise an 'Talk Talk', 'Japan' und die ruhigeren Arbeiten von 'David Sylvian', während einige der schwebenden elektronischen Flächen in Richtung 'Air' weisen. Gelegentlich lässt sich auch eine entfernte Verwandtschaft zu den verträumteren Momenten von 'Porcupine Tree' erkennen. Die kompositorische Tiefe und emotionale Wucht dieser großen Namen erreicht 'The Night Electronic' für mich allerdings nicht durchgehend. Dafür besitzt das Album eine eigene, angenehm skandinavische Melancholie: kühl genug, um stilvoll zu wirken, aber warm genug, damit man beim Hören nicht vorsorglich die Heizung aufdrehen muss. Die Stimme von 'Hildur Ottilia' ist dabei der wichtigste neue Farbtupfer. Ihr heller, schwereloser Gesang verleiht den Melodien eine menschliche Nähe, ohne die traumartige Distanz der ursprünglichen Kompositionen vollständig aufzulösen. 'Viktor Westerlund' ergänzt das vokale Bild vor allem aus dem Hintergrund. Gemeinsam sorgen beide dafür, dass aus atmosphärischen Instrumentalstücken tatsächlich Songs werden. Genau hier liegt die größte Stärke des Albums: Der Gesang fühlt sich nicht wie nachträglich angeschraubtes Zubehör an. Vielmehr entsteht der Eindruck, diese Melodien hätten schon immer auf eine Stimme gewartet und seien bislang lediglich zu höflich gewesen, danach zu fragen.
Inhaltlich kreisen die Texte um menschliche Unsicherheiten, Selbstsuche und den Wunsch nach Klarheit. Es geht um jene nächtlichen Gedankenschleifen, in denen der Sinn des Lebens plötzlich dringend geklärt werden muss – bevorzugt gegen halb drei, wenn sämtliche vernünftigen Menschen schlafen und das eigene Gehirn stattdessen die peinlichsten Erlebnisse seit 1997 neu auswertet. Die Texte passen damit ausgesprochen gut zur schwebenden, leicht entrückten Musik. Sie erklären nicht alles, geben den zuvor rein instrumentalen Stimmungen aber eine greifbarere emotionale Richtung. Allerdings schwebt das Album gelegentlich so hingebungsvoll, dass es beinahe vergisst, irgendwo anzukommen. Große Kontraste, dramatische Wendungen oder Refrains, die morgens ungefragt mit unter die Dusche kommen, sollte man hier nicht erwarten. Der Grundton bleibt über weite Strecken ähnlich, und manche Passage hätte etwas mehr Reibung oder einen mutigeren Ausbruch vertragen. Die beiden zusätzlichen Stücke der CD bieten zwar einen ordentlichen Mehrwert für Sammler, verändern aber zugleich den sehr geschlossen wirkenden Spannungsbogen der fünfteiligen Kernfassung. Mehr Musik ist grundsätzlich erfreulich, aber eben nicht automatisch das bessere Ende.
Für mich ist 'The Night Electronic' deshalb ein gutes bis sehr gutes Album, aber kein Werk, nach dem die Geschichte der elektronischen Musik neu nummeriert werden müsste. 'Hans Hjelm' gelingt eine überraschend sinnvolle Neuerfindung seines eigenen Materials, und allein das ist bereits mehr, als die meisten Rework-Projekte von sich behaupten können. Die Produktion klingt warm und detailliert, der Gesang fügt sich ausgezeichnet ein, und die Verbindung aus Art Pop, Dream Pop, Electronica und psychedelischer Weite besitzt einen angenehm eigenständigen Charakter. Ein paar stärkere Kontraste hätten aus dieser schönen Nacht allerdings eine wirklich unvergessliche gemacht.
Geeignet ist 'The Night Electronic' für Hörer, die sich gern von Musik tragen lassen, anstatt von ihr am Kragen über die Tanzfläche gezogen zu werden. Freunde atmosphärischer Elektronik, verträumten Art Pops und zurückhaltender Progressivität sollten unbedingt hineinhören. Wer harte Beats, dunklen Clubdruck oder sofort zündende Synthpop-Hymnen erwartet, könnte sich dagegen fühlen wie ein Partygast, der versehentlich in einer sehr geschmackvoll eingerichteten Meditationsrunde gelandet ist. Alle anderen erhalten ein warmes, melancholisches und clever arrangiertes Album für die späten Stunden – kein musikalisches Jahrtausendwerk, aber ganz sicher eine Nacht, die man gern in guter Erinnerung behält.
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