Da-Sein - Sore

Da-Sein - Sore

Klick. Klack. Die Kassette rastet ein, die mechanische Taste bleibt unten und das Band setzt sich langsam in Bewegung. Kein Display leuchtet, keine App empfiehlt anschließend fröhlichen Indie-Pop, und nach der ersten Seite muss man sogar aufstehen. Willkommen bei 'Sore', dem dritten Album von 'Da-Sein', das nun endlich in jenem Format vorliegt, das seiner Musik möglicherweise am gerechtesten wird: schwarz, analog, begrenzt und ein wenig aus der Zeit gefallen. Am 14. August 2026 hat 'Galakthorrö' das ursprünglich 2023 auf LP und CD veröffentlichte Album erstmals als Kassette nachgelegt. Die Edition besteht aus lediglich 100 schwarzen Tapes mit weißem Aufdruck, verpackt in einer schlichten Snapbox. Inzwischen ist sie beim Label bereits ausverkauft. Damit hat die Veröffentlichung den vollständigen Lebenszyklus eines klassischen 'Galakthorrö'-Tonträgers durchlaufen: angekündigt, begehrt, bestellt, verschwunden. Übrig bleiben eine Warteliste und Menschen, die plötzlich bereit sind, für ein kleines Stück Kunststoff sehr grundsätzliche finanzielle Entscheidungen zu treffen.

'Sore' stammt von 'Fernando O. Paino' und 'Kas Visions', die gemeinsam das in Madrid ansässige Duo 'Da-Sein' bilden. Der Name geht auf 'Martin Heideggers' 'Sein Und Zeit' zurück und passt zu einer Musik, die sich intensiv mit Existenz, Vergänglichkeit und der unangenehmen Tatsache beschäftigt, dass der menschliche Körper keine lebenslange Herstellergarantie besitzt. Seit der Debüt-EP 'Tautology' aus dem Jahr 2015 verbindet das Duo reduzierte Analogelektronik mit Coldwave, Industrial, Angst Pop und verzerrtem Gesang. Es folgten die Alben 'Death Is The Most Certain Possibility' und 'Mirror Touch', bevor 'Sore' 2023 die bisherige Entwicklung konsequent fortsetzte.

Bei 'Galakthorrö' hat diese Mischung längst ihr natürliches Zuhause gefunden. Das 1993 gegründete Label steht bekannterweise für sorgfältig ausgewählte, physisch aufwendig präsentierte Musik abseits kurzlebiger Trends. Projekte wie 'Haus Arafna', 'November Növelet', 'Herz Jühning' oder 'Karl Runau' haben daraus einen unverwechselbaren Kosmos geschaffen. 'Da-Sein' passen dort nicht einfach hinein – sie wirken, als hätte das Label sie irgendwann selbst aus einem defekten Synthesizer hervorgebracht. 'Sore' bedeutet wund, schmerzend oder gereizt – und damit ist die musikalische Grundstimmung bereits erstaunlich präzise beschrieben. Dieses Album tut nicht so, als wäre noch alles in Ordnung. Es zieht die Vorhänge zu und überlässt den Hörer einer Landschaft aus pulsierenden Bassfrequenzen, fiebrigen Synthesizern, verzerrten Rhythmen und langsam anschwellenden Störgeräuschen. Das klingt nicht nach einer Maschine, die gerade kaputtgeht. Es klingt nach einer Maschine, die diesen Zustand längst akzeptiert und beschlossen hat, daraus Kunst zu machen. Das Faszinierende ist, wie kontrolliert 'Da-Sein' mit Reduktion umgehen. Die Arrangements sind karg, aber nie leer. Jede Bassfigur, jedes metallische Pochen und jedes analoge Flimmern besitzt Gewicht. Wo andere Projekte ganze Effektarchive über dem Hörer auskippen, reichen 'Da-Sein' wenige präzise gesetzte Geräusche, um Unruhe zu erzeugen. Die Musik lässt genug Raum, damit man in den Zwischenräumen noch etwas anderes wahrnimmt – vermutlich die eigenen Zweifel, die dort schon seit Jahren mietfrei wohnen.

Innerhalb der zehn Stücke und einer Laufzeit von knapp 42 Minuten wechseln sich minimalistische Coldwave-Strenge, schwerer Industrial, dunkler Ambient und eruptive Ausbrüche aus dem Bereich der Power Electronics ab. Der Spannungsbogen entsteht dabei nicht durch eine geradlinige Steigerung. Rhythmisch greifbare Passagen werden von beinahe körperlosen Flächen unterbrochen, hypnotische Bewegungen kippen in Lärm und scheinbare Ruhe öffnet plötzlich den nächsten Abgrund. Dadurch wirkt 'Sore' geschlossen, ohne monoton zu werden. Einige Passagen entwickeln sogar eine eigenartig unterkühlte Tanzbarkeit. Allerdings handelt es sich um jene Art von Tanzbarkeit, bei der niemand lächelt und jede Bewegung den Eindruck vermittelt, später von einem Sachverständigen rekonstruiert werden zu müssen. Dann wiederum lösen sich die Rhythmen beinahe vollständig auf, und das Album versinkt in Brummen, dissonanten Flächen und bedrohlicher Stille. Gerade dieser Wechsel hält 'Sore' spannend. Das Duo verlässt seine ästhetischen Grenzen kaum, bewegt sich innerhalb dieses Rahmens aber ausgesprochen sicher.

Über allem liegt die Stimme von 'Kas Visions'. Ihr Vortrag wirkt kühl, distanziert und bisweilen fast entmenschlicht, bleibt aber paradoxerweise das deutlichste menschliche Element innerhalb dieser zunehmend feindseligen Klangwelt. Die Stimme steht nicht einfach über der Musik, sondern scheint aus ihrem Inneren hervorzudringen: gefiltert, beschädigt und nur noch schwach über eine schlechte Verbindung aus dem Keller der Existenz zu empfangen. Gerade diese emotionale Zurückhaltung macht den Gesang so eindringlich. Hier wird Leid nicht theatralisch ausgestellt, sondern beinahe nüchtern protokolliert. 'Kas Visions' muss nicht schreien, um eine beklemmende Wirkung zu erzielen. Ihre Stimme klingt häufig wie das letzte Lebenszeichen in einem Raum, dessen übrige Bewohner bereits entschieden haben, nicht mehr zu antworten.

Thematisch kreist 'Sore' um Sterblichkeit, körperlichen Verfall, Selbstanalyse, Kontrollverlust und die Erkenntnis, dass das Leben zwar verschiedene Ausgänge anbietet, aber keiner davon besonders dauerhaft ist. Der philosophische Hintergrund bleibt spürbar, ohne dass das Album in akademischer Bedeutungsakrobatik versinkt. 'Da-Sein' übersetzen existenzielle Fragen nicht in Vorträge, sondern in Atmosphäre. Das ist weniger Philosophie-Seminar als akustische Selbsterfahrung unter ungünstigen Beleuchtungsverhältnissen. Wer mit dem Katalog von 'Galakthorrö' vertraut ist, wird zwangsläufig Parallelen zu 'Haus Arafna' und 'November Növelet' hören. Die verzerrte Härte, die melancholischen Analogflächen und die sterile Sinnlichkeit gehören eindeutig zur gemeinsamen Klangfamilie. Man könnte 'Da-Sein' deshalb vorwerfen, sich sehr eng innerhalb der vertrauten Labelästhetik zu bewegen. Eine musikalische Neuerfindung findet auf 'Sore' tatsächlich nicht statt. Mich stört das allerdings kaum, weil 'Da-Sein' diese Sprache nicht nur nachahmen, sondern glaubwürdig beherrschen. Das Duo besitzt ein ausgeprägtes Gespür für Dramaturgie, Spannung und die richtige Dosierung von Lärm. 'Sore' will kein buntes Experimentierfeld sein. Es ist ein sorgfältig gebauter, in sich geschlossener Raum – und sobald man darin steht, fällt die Tür hinter einem ziemlich überzeugend ins Schloss. Ich mag dieses Album nicht trotz seiner Konsequenz, sondern gerade deswegen.

Die Kassette ist deshalb mehr als eine nachgereichte Beschäftigungsmaßnahme für Sammler. Sie verändert die Musik natürlich nicht, wohl aber den Rahmen, in dem man ihr begegnet. Man legt das Band ein, hört eine vollständige Seite und muss irgendwann tatsächlich aufstehen, um die Kassette umzudrehen. Das lineare Format widersetzt sich dem schnellen Überspringen und beliebigen Anspielen. Es verlangt Zeit und Konzentration – genau das, was auch die Musik benötigt. Zudem passt die materielle, analoge und prinzipiell vergängliche Natur einer Kassette hervorragend zu einem Album, das von beschädigten Oberflächen, körperlichem Verfall und elektronischer Unschärfe handelt. Die 2026er-Ausgabe wirkt deshalb nicht wie zufälliges Recycling, sondern wie ein ausgesprochen passender neuer Körper für 'Sore'. Auch das verschwommene, körnige Schwarzweiß-Artwork gewinnt auf dem kleinen Format eine besondere Wirkung. Die undeutlichen Bilder lassen nicht klar erkennen, ob man auf Räume, Gegenstände oder bereits auf deren Überreste blickt. Zusammen mit der schwarzen Kassette entsteht kein luxuriöses Prestigeobjekt, sondern etwas, das wie ein Beweisstück aus einem Verfahren aussieht, über dessen Ausgang niemand sprechen möchte. Die Kassettenausgabe von 'Sore' ist also keine bloße Wiederverwertung eines drei Jahre alten Albums. Sie führt Musik, Gestaltung und Format auf eine Weise zusammen, die sich beinahe zwingend anfühlt. Die Begrenzung auf 100 Exemplare ist dabei natürlich zugleich reizvoll und ärgerlich: Gerade erst erschienen, schon ausverkauft – 'Galakthorrö' beherrscht die Kunst, Sammlerfreude und leichte Verzweiflung in einem einzigen Bestellvorgang unterzubringen.

Musikalisch bleibt 'Sore' für mich ein Album, das Dunkelheit nicht nur behauptet, sondern präzise gestaltet. 'Da-Sein' verbinden kalte Schönheit, körperlichen Lärm, hypnotische Rhythmen und existenzielle Trostlosigkeit zu einem Werk, das gleichzeitig abweisend und merkwürdig verführerisch wirkt. Es schmiegt sich nicht an, macht keine freundlichen Angebote und fragt auch nicht, ob man sich wohlfühlt. Der Wellnessbereich bleibt geschlossen. Geeignet ist die Veröffentlichung für Hörer von 'Haus Arafna', 'November Növelet', klassischem Industrial, Coldwave, Angst Pop und reduzierter Analogelektronik. Wer vollständige Alben hört, Musik gerne körperlich besitzt und beim Begriff „limitierte Kassette“ nicht sofort nach dem Notausgang sucht, dürfte hier ausgesprochen glücklich werden – soweit Glück innerhalb dieser Klangwelt überhaupt vorgesehen ist. Wer dagegen große Refrains, warme Produktion, spontane Lebensfreude oder musikalische Dauerbespaßung erwartet, sollte respektvollen Abstand halten. 'Sore' ist keine Musik für nebenbei und ganz sicher keine Kassette für die Gartenparty. Es sei denn, man möchte, dass die Gäste früher gehen. Dann ist sie möglicherweise sogar die beste Anschaffung des Jahres.

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