Neun Jahre ohne neues Studioalbum sind in der schwarzen Szene noch kein Grund eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Man stellt vorsichtshalber eine Kerze ins Fenster, entstaubt gelegentlich die alten CDs und wartet geduldig, bis sich aus dem Nebel wieder etwas bewegt. Bei 'Felsenreich' hat sich das Warten gelohnt: Mit 'Motiv Und Tempo' kehrt die Chemnitzer Band nach dem 2017 veröffentlichten, akustisch geprägten Album 'Blumen' zurück – und klingt dabei weder eingerostet noch so, als hätte sie die vergangenen Jahre ausschließlich mit dem Sortieren alter Bühnenfotos verbracht. 'Felsenreich' wurden bereits 1998 von 'Mathias Sohn', 'Renato Wesely', 'Carsten Schaller' und 'Denis Hartzsch' gegründet. Seitdem führte der Weg durch Dark Rock, Gothic, Wave, elektronische Elemente, hymnische Balladen und gelegentlich beinahe theatrale Gefilde. Selbst Trompeten und Einflüsse aus dem Musicalbereich gehörten zeitweise zum Werkzeugkasten – Dinge, bei denen andere Gothic-Bands vorsichtshalber erst einmal das Weihwasser suchen würden. Veröffentlichungen wie 'Am Ende Der Zeit', 'Tiefe', 'Unschuld' und 'Tanz Auf Dem Bilderberg' zeigten früh, dass sich diese Band nur schwer in einer einzelnen Genreschublade unterbringen lässt. Vermutlich würde die Schublade ohnehin klemmen.
Besonders interessant ist dabei ein Blick in unser eigenes Archiv. Im Medienkonverter-Review zu 'Tiefe' aus dem Jahr 2004 wurde das zweite Album als „Flickenteppich verschiedenster Stilrichtungen und Stimmungen“ beschrieben. Der einzige erkennbare rote Faden sei damals gewesen, dass es keinen gebe. Metal, Gothic-Bombast, Klavier, Blechbläser, pathetischer Gesang, Pop und ein elektronischer Bonusmix standen sich gegenseitig auf den Füßen, während die eigentlichen Songs irgendwo darunter nach Luft schnappten. 22 Jahre später hat sich die Situation beinahe umgekehrt: Der rote Faden ist zurück, trägt einen gültigen Ausweis und hält sich diesmal auffallend zuverlässig an die Hausordnung. 'Motiv Und Tempo' wirkt konzentriert, geschlossen und deutlich weniger überladen. Damals lautete der Vorwurf „zu viel von allem“, heute könnte man an manchen Stellen beinahe „ein wenig mehr Mut bitte“ auf den Beipackzettel schreiben. Allein dieser Vergleich zeigt, wie stark sich 'Felsenreich' weiterentwickelt haben.
In den aktuellen Veröffentlichungsinformationen werden 'Mathias Sohn', 'Carsten Schaller' und 'Renato Wesely' als Kern der Produktion genannt. Verstärkung kam aus dem Umfeld von 'Escape With Romeo'. Aufgenommen wurde im 'Highline Studio' in München, produziert von 'Frenzy Erl' alias 'Franz Erl', dem Schlagzeuger von 'Escape With Romeo'. Die Zusammenarbeit ist nicht neu: Bereits 'Blumen' wurde unter seiner Leitung im 'Highline Studio' aufgenommen und abgemischt. Das zehn Stücke umfassende und knapp 40 Minuten lange Album erschien im Sommer 2026 über 'Danse Macabre Records'.
Die offizielle Einordnung spricht von geradlinigeren Songstrukturen sowie Einflüssen aus Post-Punk und Wave. Das ist nicht falsch, beschreibt das Album aber ungefähr so präzise wie die Angabe „schwarzes Oberteil“ bei der Kleiderordnung eines Gothic-Festivals. 'Motiv Und Tempo' klingt vor allem nach einer Band, die ihre Vergangenheit kennt, ohne sie mit Gewalt nachstellen zu wollen. Die Gitarren stehen breit im Raum, ohne die Songs mit einer Wand aus Verzerrung zu erschlagen. Sie schimmern, treiben und packen gelegentlich kräftiger zu, lassen aber den flächigen Keyboards genügend Platz. Diese öffnen den Klang ins Hymnische oder ziehen einen kühlen Schleier über die Arrangements. Elektronische Elemente unterstützen die Atmosphäre, ohne blinkend auf ihre Anwesenheit hinzuweisen. Das Ergebnis liegt zwischen melodischem Dark Rock, klassischem Wave und einer dunklen Form von Alternative Rock, die erfreulich wenig Interesse an aktuellen Produktionsmoden zeigt.
Das rhythmische Fundament bleibt geradlinig und kontrolliert. 'Felsenreich' setzen weder auf brachiale Clubbeats noch auf hektische Tempowechsel, sondern auf einen gleichmäßigen Sog. Das Album rennt nicht kopflos durch die Nacht, sondern geht mit festem Schritt und scheint ziemlich genau zu wissen, wohin es möchte. Der Titel 'Motiv Und Tempo' passt deshalb ausgesprochen gut: Es gibt einen klaren Antrieb, aber keinen Geschwindigkeitsrausch. Besonders prägend ist der Gesang. Die Stimmen wirken häufig kühl, zurückgenommen und leicht distanziert, ohne vollkommen emotionslos zu werden. Die Gefühle liegen nicht offen auf dem Seziertisch, sondern bewegen sich darunter. Das verhindert, dass die Musik in übertriebenes Pathos kippt. Wo andere Sänger jede Zeile behandeln, als müsse unmittelbar danach der Mond explodieren, vertraut 'Felsenreich' auf Beherrschung.
Diese Zurückhaltung verleiht dem Album Charakter, schafft gelegentlich aber auch Distanz. Besonders die deutschsprachigen Passagen wirken unmittelbarer und emotional greifbarer, während die englischen Texte die kühlere Wave-Seite der Band betonen. Der Sprachwechsel sorgt für zusätzliche Abwechslung, ohne die Geschlossenheit des Albums zu gefährden. Inhaltlich kreist 'Motiv Und Tempo' meinem Verständnis nach um Erinnerungen, vergangene Erfahrungen und die Frage, welche Kraft daraus für die Gegenwart entstehen kann. Der Blick zurück dient nicht als gemütlicher Ausflug ins private Fotoalbum, sondern als Mittel zur Orientierung. Vergangenheit wird weder romantisch verklärt noch demonstrativ entsorgt. Sie bleibt Gepäck – manchmal schwer, manchmal hilfreich, aber immer dabei. Genau darin liegt für mich die größte Stärke des Albums. Es wirkt erwachsen, ohne altersmilde zu werden. 'Felsenreich' erzählen von Vergänglichkeit, innerer Unruhe und Hoffnung, ohne ständig mit Grabsteinen und Weltuntergang um sich zu werfen. Die Dunkelheit besitzt hier einen Dimmer. Das macht sie nicht weniger wirksam, sondern glaubwürdiger.
Produktion und Arrangements sind sauber, transparent und angenehm unaufgeregt. Gitarren, Keyboards und Stimmen bekommen genügend Platz, ohne dass einzelne Elemente aus dem Gesamtbild fallen. 'Franz Erl' hat der Band keinen fremden Klang übergestülpt. Der Einfluss von 'Escape With Romeo' ist in der luftigen Wave-Atmosphäre und der melodischen Direktheit durchaus spürbar, doch 'Motiv Und Tempo' klingt nicht wie ein ausgelagertes Nebenprojekt. Im Vergleich zum stilistisch zerrissenen 'Tiefe' von 2004 besitzt das neue Album eine bemerkenswerte Geschlossenheit. Damals wollte 'Felsenreich' offenbar beweisen, was alles möglich ist; heute konzentriert sich die Band darauf, was einem Song wirklich guttut. Dieser Verzicht auf unnötige Schnörkel zahlt sich aus. Die Melodien bekommen Zeit, sich zu entwickeln, und einige offenbaren ihre eigentliche Wirkung erst nach mehreren Durchläufen. Die neue Disziplin hat allerdings einen Preis. Spätestens im letzten Drittel fällt auf, dass sich Tempo, Dynamik und emotionale Grundfarbe häufig in einem ähnlichen Bereich bewegen. Das Album wird deshalb nicht langweilig, wirkt stellenweise aber etwas zu beherrscht. Ein stärkerer Ausbruch, eine unerwartete Kante oder wenigstens ein kurzer musikalischer Kontrollverlust hätten zusätzliche Spannung erzeugt. Ein umgeworfener Stuhl macht schließlich noch keinen Studiobrand.
Gerade weil 'Felsenreich' über so viel Erfahrung und stilistische Breite verfügen, dürften sie gelegentlich mehr riskieren. Der alte Flickenteppich musste zweifellos entsorgt werden, doch etwas mehr Reibung hätte dem makelloseren neuen Modell durchaus Charakter verliehen. Trotzdem ist mir die heutige Konzentration deutlich lieber als das frühere Überangebot an Ideen. 'Motiv Und Tempo' wirkt nicht überladen, sondern durchdacht, und seine knapp 40 Minuten sind genau richtig bemessen. Dass das Album als Neueinsteiger Platz fünf der Deutschen Alternative Charts erreichte, überrascht daher nicht. Die Platzierung zeigt, dass die Rückkehr innerhalb der Szene wahrgenommen wird – auch wenn Charts selbstverständlich noch nie den persönlichen Musikgeschmack von seiner Arbeit entbunden haben.
'Motiv Und Tempo' ist keine Neuerfindung des Dark Rock und wird vermutlich auch nicht sämtliche schwarzen Tanzflächen Europas innerhalb eines Wochenendes annektieren. Dafür besitzt das Album zu viel Ruhe und zu wenig Effekthascherei. Es ist vielmehr die konzentrierte, melodische und atmosphärisch dichte Rückkehr einer Band, die ihre Vergangenheit nicht verleugnet und trotzdem nicht darin wohnen bleibt. Mir gefällt besonders, wie selbstverständlich 'Felsenreich' Gitarren, Wave-Flächen, elektronische Akzente und zurückgenommenen Gesang verbinden. Das Album klingt melancholisch, aber nicht kraftlos; nostalgisch, aber nicht verstaubt; zugänglich, aber nicht beliebig. Etwas mehr Mut zu Brüchen und dynamischen Ausschlägen hätte ihm gutgetan, doch selbst in seinen braveren Momenten bleibt es glaubwürdig und hörenswert. Hörbar ist 'Motiv Und Tempo' für alle, die klassischen Dark Rock, melodischen Wave und nachdenkliche Musik mit langfristiger Wirkung mögen. Freunde von 'Escape With Romeo' dürften sich ebenfalls schnell heimisch fühlen, ohne eine bloße Kopie vorgesetzt zu bekommen. Wer dagegen brachiale Beats, permanente Clubtauglichkeit oder spektakuläre Effekte im Dreißigsekundentakt benötigt, könnte ungeduldig auf die Uhr schauen.
Vor 22 Jahren suchten wir bei 'Tiefe' vergeblich nach dem roten Faden. Auf 'Motiv Und Tempo' ist er endlich da – und 'Felsenreich' haben daraus ein ausgesprochen solides, melancholisches und erstaunlich zeitloses Stück schwarzer Musik geknüpft. Vielleicht sitzt der Faden heute sogar stellenweise etwas zu stramm. Aber lieber eine saubere Naht als wieder ein Flickenteppich, unter dem die Songs verschwinden. Passt!
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