Im hohen Gerichtshof des Dark Electro wird meist nicht lange verhandelt. Die Bässe haben ihr Urteil längst gefällt, die Synthesizer verlesen die Anklageschrift und irgendwo hinter dem Richterpult wartet bereits ein schlecht gelaunter Drumcomputer darauf, sämtliche mildernden Umstände aus dem Takt zu prügeln. Den Vorsitz übernimmt diesesmal 'Kay Härtel', der mit 'Supreme Court' – auf dem aktuellen Artwork als aehh.. 'SVPR3M3 CRT' stilisiert – nicht nur ein neues Album vorlegt, sondern zugleich auf eine mittlerweile 30-jährige Projektgeschichte zurückblicken kann. Andere hätten zu diesem Anlass eine Best-of-Zusammenstellung mit drei halbgaren Remixen veröffentlicht. Hier gibt es aber lieber dreizehn neue Gründe, die heimische Nebelmaschine wieder aus dem Keller zu holen. Gegründet wurde 'Supreme Court' 1996 in Chemnitz von 'Kay Härtel' und 'Marcus Tischer'. Auf 'Yell It Out' von 2005 und 'Hypocrites + Saints' von 2007 folgte 2009 mit 'Keep Calm + Carry On' das erste reguläre Album bei 'Infacted Recordings'. Danach herrschte irgendwie lange Sendepause: Erst 2022 kehrte das Projekt mit 'Avid For Revenge' zurück – dreizehn Jahre nach dem Vorgänger und damit nach einer Pause, in der andere Gruppen ihre vollständige Karriere samt Abschiedstour unterbringen.
Vier Jahre später liegt nun mit 'Full Of Unsaid Words' das fünfte offiziell gezählte Studioalbum vor. Veröffentlicht wurde es schon am 24. Juli 2026 digital und als streng limitierte CD im Jewelcase. Die dreizehn Stücke kommen gemeinsam auf exakt 48 Minuten und 33 Sekunden – ausreichend Zeit für einen gepflegten emotionalen Zusammenbruch, aber erfreulicherweise zu kurz, um anschließend noch dessen Verwaltung zu übernehmen. Auf der aktuellen CD werden 'Kay Härtel' und 'Göran Heeg' als 'Supr3me Crt' geführt. Die Kompositionen stammen von 'Kay Härtel', der bekannterweise parallel auch hinter 'DavaNtage' steht; an den Texten waren 'Kay Härtel' und 'Göran Heeg' beteiligt. 'Göran Heeg' verantwortete außerdem Design und Artwork.
Und ja, mich überzeugt 'Full Of Unsaid Words' vor allem dann, wenn 'Supreme Court' den unmittelbaren Clubdruck etwas zurücknimmt und hinter der martialischen Fassade plötzlich Unsicherheit, Melancholie und persönliche Verletzlichkeit hervortreten lässt. Das Album klingt meist dunkel und kraftvoll, aber eben nicht so, als hätte jemand knapp 49 Minuten lang denselben Vorschlaghammer gegen dieselbe Stahltür geschlagen. Allein das ist in diesem Genre bereits eine kleine zivilisatorische Leistung. Musikalisch bleibt 'Supreme Court' auf vertrautem Terrain wie man es eben von de Band kennt: wuchtige Sequenzen, schneidende Synthesizer, tiefe Basslinien und eine raue, stark bearbeitete Stimme, die eindeutig nicht engagiert wurde, um Meditationskurse zu vertonen. Trotzdem ist das Album keineswegs nur ein durchgehender Frontalangriff. Die Rhythmik stampft kräftig nach vorne, nimmt sich aber immer wieder zurück und schafft Platz für kalte Flächen, melancholische Melodien und langsam anwachsende Spannungsbögen. Das Ergebnis besitzt genügend Druck für die Tanzfläche, funktioniert aber meiner Meinung nach ebenso außerhalb des Clubs.
Die Produktion ist sauber und wuchtig, ohne den Sound steril zu polieren. Die Beats stehen deutlich im Vordergrund, erschlagen jedoch nicht jede melodische Idee unter einer zentimeterdicken Bassbetondecke. Besonders gefällt mir, dass 'Supreme Court' Härte nicht ausschließlich mit Lautstärke und Verzerrung verwechselt. Die Musik wirkt häufig gerade deshalb bedrohlich, weil sie irgendwie kontrolliert bleibt. Hier randaliert niemand wahllos im Maschinenraum vor sich hin. Die Geräte wurden vorher ordentlich beschriftet und werden anschließend systematisch gegen den Hörer eingesetzt. Der Albumtitel ist dabei mehr als eine hübsche Formulierung für das Cover. Die unausgesprochenen Worte ziehen sich wie eine emotionale Klammer durch das gesamte Werk: als Frust, Erschöpfung, Angst, Enttäuschung, Zuneigung und vorsichtige Hoffnung. Schon die Titel bewegen sich zwischen äußerer Aggression und innerer Verletzlichkeit. Dadurch wirkt 'Full Of Unsaid Words' persönlicher als ein gewöhnliches Sammelsurium finsterer Clubnummern. Hinter den harten Rhythmen steht kein futuristischer Weltuntergang, sondern ein ziemlich gegenwärtiges menschliches Durcheinander.
Auch die Dramaturgie unterstützt diesen Eindruck. Während die erste Hälfte kompakter, direkter und körperlicher auftritt, öffnet sich das Album im weiteren Verlauf zunehmend für längere Spannungsbögen, melancholische Flächen und nachdenklichere Zwischentöne. Dadurch entsteht tatsächlich der Eindruck eines zusammenhängenden Albums und nicht bloß einer zufällig durchnummerierten Lieferung für schwarze Tanzflächen. Die Stimme von 'Kay Härtel' passt hervorragend in dieses Spannungsfeld. Sie bleibt rau, dunkel und deutlich bearbeitet, wirkt dabei aber nicht wie eine Rolle, die nach Feierabend gemeinsam mit den schwarzen Stiefeln abgelegt wird. Gleichzeitig verschwindet der Gesang nicht vollständig im Effektgerät. Das ist keineswegs selbstverständlich: Mancher Genrevertreter klingt schließlich, als würde er seine Texte durch einen defekten Kaffeevollautomaten diktieren.
Auch melodisch hat das Album mehr zu bieten, als sein martialisches Auftreten zunächst vermuten lässt. Unter den harten Oberflächen liegen eingängige Sequenzen und vergleichsweise einfache, aber wirkungsvolle Leitmotive. Der vorab veröffentlichte Song 'Walking With Shadows' bündelt die druckvolle, clubtaugliche Seite des Albums besonders überzeugend, während 'Light In Dark Times' stärker erkennen lässt, wie viel Atmosphäre und Melancholie in diesem Sound stecken. Beide Stücke eignen sich deshalb gut als Einstieg, ohne bereits sämtliche Facetten der Platte vorwegzunehmen.
Im Umfeld der Veröffentlichung werden 'Leæther Strip', 'Front Line Assembly' und 'Feindflug' als musikalische Bezugspunkte genannt. Vollkommen aus der Luft gegriffen sind diese Namen nicht. Die direkte Körperlichkeit und raue elektronische Dunkelheit erinnern tatsächlich an klassischen Electro-Industrial, während manche rhythmischen Konstruktionen eine ähnlich militante Mechanik entwickeln. Trotzdem sollte man diese Ahnenreihe nicht feierlicher vor sich hertragen, als es die Musik rechtfertigt. Die komplexe, häufig cineastische Klangarchitektur von 'Front Line Assembly' erreicht 'Full Of Unsaid Words' nicht, und auch die kompromisslose Brachialität von 'Feindflug' ist nur bedingt ein passender Vergleich. 'Supreme Court' besitzt eine andere Stärke: Die Musik wirkt unmittelbarer, persönlicher und melodisch zugänglicher. Das Album möchte keine dystopische Großstadt akustisch in Schutt und Asche legen. Es kümmert sich eher um den Lärm, der bereits im eigenen Kopf stattfindet. Genau darin liegt für mich der entscheidende Reiz. 'Full Of Unsaid Words' führt die zugänglichere Ausrichtung von 'Avid For Revenge' weiter, setzt aber stärker auf Atmosphäre und emotionale Geschlossenheit. Die eingängigen Sequenzen drängen sich nicht mit Leuchtreklame auf, bleiben nach mehreren Durchläufen jedoch zuverlässig hängen. Das Album ist dunkel, ohne permanent grimmig vor der eigenen Haustür Wache zu stehen, und melodisch, ohne plötzlich in schwarzen Konfettipop abzurutschen.
Vollkommen frei von Schwächen ist das Release dennoch nicht. Einige rhythmische Muster und Klangfarben ähneln sich doch recht deutlich und nicht jede Idee besitzt genügend Eigenständigkeit, um aus dem Gesamtbild hervorzutreten. Mehr Mut zu ungewöhnlichen Strukturen oder überraschenden Tempowechseln hätte der Platte vielleicht etwas zusätzliche Tiefe gegeben. 'Supreme Court' erobert hier kein unbekanntes musikalisches Gelände, verteidigt das eigene Revier aber mit bemerkenswerter Sicherheit. Das ist weniger revolutionär, dafür ausgesprochen überzeugend.
'Full Of Unsaid Words' ist damit ein starkes und glaubwürdiges Electro-Album, das Härte, Atmosphäre und persönliche Themen geschickt miteinander verbindet. Mir gefällt besonders, dass die Musik nicht ausschließlich auf Clubtauglichkeit setzt. Die härteren Passagen besitzen genügend Druck, um Tanzflächen in Bewegung zu bringen, während die ruhigeren und melodischeren Momente dafür sorgen, dass nach dem letzten Beat mehr zurückbleibt als ein leichtes Pfeifen im Ohr. Empfehlenswert ist das Album für Anhänger von klassischem Electro, EBM und Electro-Industrial, insbesondere wenn 'Leæther Strip', 'DavaNtage', 'Feindflug' oder die dunkleren Seiten von 'Front Line Assembly' ohnehin regelmäßig auf dem heimischen Speiseplan stehen. Auch Hörer, denen 'Avid For Revenge' gefallen hat, können bedenkenlos zugreifen: Der Nachfolger führt dessen Stärken weiter, besitzt aber ein deutlich unruhigeres emotionales Innenleben.
Nach 30 Jahren liefert 'Supreme Court' jedenfalls kein nostalgisches Dienstjubiläum mit Schnittchen und lauwarmem Sekt, sondern ein konzentriertes Album mit kräftigem Puls und erstaunlich unruhigem Innenleben. Nicht jeder unausgesprochene Gedanke wird musikalisch zum großen Ereignis – aber genügend davon treffen genau dort, wo Dunkelheit, Tanzfläche und persönlicher Abgrund einander begegnen. Das Urteil fällt daher eindeutig positiv aus. Die Nebelmaschine darf gerne eingeschaltet bleiben.
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