Zum vierzigsten Geburtstag gratuliert man natürlich pünktlich. Oder man kommt zwei Jahre später, behauptet, noch einen Parkplatz gesucht zu haben, und stellt erst einmal die Musik lauter. Wir entscheiden uns bei 'Fancy' für Letzteres. Seine Jubiläumsausgabe von 'Slice Me Nice' erschien bereits 2024, verdient aber auch mit redaktioneller Verspätung noch Aufmerksamkeit. Vor allem, weil 'Ancient Methods' hier einen Remix abliefert, der mich außerordentlich begeistert: So unheimlich hatte ich diese Disco-Bekanntschaft bislang nicht in Erinnerung.
Dabei war 'Fancy' schon 1984 eine auffällige Erscheinung. Der gebürtige Münchner verband seinen elektronischen Discosound mit einer bewusst inszenierten Kunstfigur und landete mit 'Slice Me Nice' seinen Durchbruch. Zu seinen musikalischen Anregungen gehörten 'Bobby Orlando', 'Divine' und 'The Flirts'. Dass nun ausgerechnet der selbst von 'Fancy' beeinflusste 'Tobias Bernstrup' zu den Remixgästen zählt, macht diese Begegnung besonders schlüssig.
Die am 6. September 2024 über Polydor veröffentlichte Jubiläums-Maxi erschien als blau-transparente 10-Inch-Vinyl, limitiert auf 1.000 Exemplare; laut Discogs wurden 350 davon als handsignierte Ausgabe angeboten. Vier Fassungen enthält die Zusammenstellung: zwei vertraute Aufnahmen und zwei seinerzeit neue Remixe. Das ist überschaubar, bietet musikalisch aber deutlich mehr Abwechslung, als die viermalige Nennung desselben Songtitels vermuten lässt. Die bekannte '7" Version' und die ebenfalls bereits aus den Achtzigern stammende 'Extended Version' bilden die Grundlage. Hier sitzen die vertrauten Melodien, hier stellt sich der Wiedererkennungseffekt unmittelbar ein. Die längere Fassung lässt dem Song mehr Raum, ohne seinen Charakter grundsätzlich zu verändern. Beide passen auf diese Veröffentlichung und machen weiterhin Spaß. Wer sie längst besitzt, wird wegen dieser beiden Aufnahmen allein allerdings kaum erneut zugreifen müssen.
'Tobias Bernstrup' liefert dann einen ausgesprochen erfreulichen Grund dafür. Seine Interpretation ist frisch, poppig und verspielt, mit einem deutlichen Gespür für den Charme von Italo Disco. Mir gefällt, wie leichtfüßig diese Bearbeitung daherkommt: Sie bewahrt die Eingängigkeit des Ausgangsmaterials und bringt eine ansteckend fröhliche Energie hinein. Für schlechte Laune müsste man hier schon die Lautsprecher ausstecken. Einziger echter Haken ist der enthaltene Radio Edit: Nach 3:24 Minuten ist Schluss, obwohl ich dieser Version gern noch länger zugehört hätte. Kaum eingetanzt, wird einem schon wieder die Jacke gereicht.
'Ancient Methods' verändert anschließend die gesamte Atmosphäre. Wummernde, stoische Beats mit industrieller Wucht gehen durch Mark und Bein. Der Rhythmus drängt unerbittlich vorwärts, schwer und beharrlich, während der vertraute Song eine bedrückende, fast unheimliche Gestalt annimmt. Der Bezug zum belgischen New Beat der späten Achtziger passt zu dieser Ausrichtung. Mich packt vor allem die Konsequenz, mit der die Bearbeitung ihre düstere Stimmung auskostet. Besonders wirkungsvoll sind die leicht in den Hintergrund gerückten Vocals. Die Stimme bleibt erkennbar, wirkt jedoch entrückt, als dringe die Erinnerung an einen früheren Discoabend durch die Wände einer stillgelegten Fabrik. Das gibt dem Remix etwas Dystopisches. Seine 6:56 Minuten empfinde ich deshalb als genau richtig: Die stoische Wiederholung verstärkt die beklemmende Wirkung. Hier liegt für mich der klare Höhepunkt und zugleich mein ausdrücklicher Anspieltipp.
Wer ausschließlich den beschwingten Charme des Originals sucht, könnte mit dieser industriellen Schwere fremdeln. Gerade der Abstand zwischen den beiden neuen Bearbeitungen macht die Maxi für mich aber so reizvoll. 'Tobias Bernstrup' sorgt für gute Laune, 'Ancient Methods' für eine faszinierend finstere Neuentdeckung. Für Fans von Italo Disco und dunkler elektronischer Clubmusik lohnt sich dieser verspätete Geburtstagsbesuch unbedingt.
Fancy - Slice Me Nice (40th Anniversary)
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