False Figure - Incarnate

False Figure - Incarnate

Als Ende der 70er Jahre der Punk in sich zusammenfiel, war das kein Niedergang, sondern ein Neuanfang. Plötzlich wurde es kälter im Sound, weiter im Raum, intensiver im Gefühl. Aus drei Akkorden entstanden Hallflächen, aus Wut wurde innere Spannung. Bands wie Joy Division oder Bauhaus legten das Fundament für das, was später als Post-Punk und Gothic Rock zu einer eigenen kulturellen Bewegung heranwuchs. Es ging nicht mehr nur um Rebellion, sondern um Atmosphäre, um Abgründe, um dieses seltsame Gleichgewicht zwischen Tanzbarkeit und existenzieller Schwere. Genau in dieser Tradition bewegen sich auch ‚False Figure‘ aus Oakland, California. Mit ihrem Album ‚Incarnate‘, veröffentlicht am 17. Februar 2026, liefern sie ein Werk ab, das somit tief in dieser Geschichte verwurzelt ist – und sie zugleich selbstbewusst weiterträgt.

Oakland hört man diesem Album dann aber auch gleich an. Nicht im Sinne plakativer Straßenromantik, sondern als Haltung. ‚Incarnate‘ klingt rau genug, um glaubwürdig zu sein, aber fokussiert genug, um nie ins Chaotische abzurutschen. Hier spielt keine Retro-Kapelle, die sich in 80er-Zitaten verliert – hier arbeitet eine Band, die verstanden hat, warum Post-Punk und Gothic Rock bis heute funktionieren. Musikalisch überzeugt das Album mich durchgehend mit tollem, eingängigem Post-Punk, der immer wieder klare Gothic-Rock-Akzente setzt. Der Bass ist dabei das Rückgrat – druckvoll, rollend, hypnotisch. Diese typischen, federnden Linien treiben die Songs nach vorne und sorgen dafür, dass selbst dunkle Themen eine fast tänzerische Energie entwickeln. Die Gitarren legen darüber schimmernde Flächen, manchmal kühl und distanziert, manchmal scharf akzentuiert, aber stets mit genau dem Maß an Hall und Schärfe, das man sich in diesem Genre wünscht.

Besonders hängen geblieben sind bei mir ‚Original Sin‘ und ‚Say Nothing‘. Beide Songs bündeln für mich die Essenz des Albums: starke Dramaturgie, eingängige Strukturen und diese kontrollierte Intensität, die sich nicht aufdrängt, sondern langsam unter die Haut kriecht. ‚Original Sin‘ entfaltet eine dunkle Sogwirkung, die sich mit jedem Durchlauf verstärkt – ein Track, der nicht laut sein muss, um Druck zu erzeugen. ‚Say Nothing‘ dagegen besitzt eine fast schon zwingende Direktheit, ohne dabei seine melancholische Tiefe zu verlieren. Für mich sind das die beiden Highlights des Albums, weil sie zeigen, wie präzise ‚False Figure‘ Spannung und Atmosphäre miteinander verweben können.

Ein weiterer starker Moment ist das ruhige, spärische ‚Interlude‘ im Mittelteil des Albums. Dieser Track nimmt bewusst Tempo und Dichte heraus und schafft einen fast schwebenden, entrückten Raum. Genau solche Momente sind es, die ein Album dramaturgisch wachsen lassen. Statt nur Song an Song zu reihen, entsteht hier ein Spannungsbogen. ‚Interlude‘ wirkt wie ein kurzer Atemzug im Halbdunkel, bevor das Album danach wieder an Fahrt aufnimmt – und gerade dadurch gewinnt es für mich enorm an Wirkung. Was mich auch persönlich überzeugt: ‚Incarnate‘ bleibt über die gesamte Laufzeit hinweg auf einem konstant hohen Niveau. Es gibt fast keine Durchhänger, keine austauschbaren Füllstücke. Die Songs sind kompakt, klar strukturiert und erstaunlich eingängig, ohne aber banal zu wirken. Man merkt, dass hier mit Feingefühl gearbeitet wurde. Die Produktion bleibt angenehm organisch, die Drums trocken und direkt, die Vocals dunkel timbriert, aber frei von überzogenem Pathos. Genau diese Balance macht das Album für mich so stark. Es klingt nicht nach Kalkül, sondern nach Überzeugung.

Fazit: ‚Incarnate‘ von ‚False Figure‘ ist für mich eines der interessanten Post-Punk-/Gothic-Rock-Releases dieses Jahres. Wer auf treibende Basslinien, schimmernde Gitarren und eine dunkle, aber zugängliche Grundstimmung steht, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Für mich funktioniert dieses Album sehr gut: Es versteht seine Wurzeln, nutzt sie klug – und klingt dabei erstaunlich lebendig. Fein!

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