„No Use For The Past. No Hope For The Future. Now Is The Only Thing That’s Real.“ – ein Satz wie ein Manifest. Oder wie ein Tweet aus der Trumpschen Parallelwelt, in der es nur noch den nächsten Moment gibt. Während anderswo das „Jetzt“ gerne als rhetorische Nebelkerze missbraucht wird, machen ‚Frozen Warnings‘ aus San Francisco, Kalifornien daraus ein künstlerisches Prinzip. Und genau dieses Prinzip trägt ihr Album ‚Momentum‘. San Francisco passt dann auch erstaunlich gut zu diesem Sound: urban, leicht unterkühlt, technologisch durchstrukturiert, aber mit einer melancholischen Grundstimmung unter der Oberfläche. ‚Momentum‘ klingt irgendwie wie Neonlicht im Nebel – klar konturiert, aber nie grell. Die Produktion ist meist präzise, oft fast schon diszipliniert. Synth-Flächen stehen sauber im Raum, Beats sind reduziert, wirken stellenweise minimalistisch, ohne ins Leere zu laufen. Zumindest meistens.
Das Album lebt dann auch stark von seiner kontrollierten Zurückhaltung. Es gibt diese Momente, in denen die Musik stoisch vor sich hin pulsiert und ich mich unweigerlich an ‚Kraftwerk‘ erinnert fühle – etwa bei ‚Grace Of The Lords‘ oder auch bei ‚Formation (Inform Me)‘. Diese maschinelle Eleganz steht dem Projekt ausgesprochen gut. Wenn die Beats ruhig anlaufen und sich langsam aufbauen, entsteht eine angenehme Sogwirkung. Das ist kühl, aber nicht kalt. Distanziert, aber nicht emotionslos. Überhaupt funktioniert ‚Momentum‘ für mich am besten, wenn es Raum lässt. Wenn es schwebt. Wenn es fast schon ambientartige Züge annimmt, wie in atmosphärischeren Passagen à la ‚Conjuring‘. Da zeigt sich die Stärke des Duos: Spannung durch Reduktion. Nicht alles zukleistern, sondern wirken lassen.
Allerdings – und das gehört zur ehrlichen Begeisterung dazu – ist nicht jeder Moment ein Volltreffer. Wenn das Tempo anzieht und die Sounds verspielter, fast schon 8-Bit-artig werden (man höre nur mal in ‚Locked Out‘ hinein), verliere ich auch mal ein bisschen die Geduld. Da wirkt das sonst so souveräne Klangkonzept plötzlich etwas unpassend & aufgeregt. Auch im späteren Verlauf schleichen sich mir kleinere Längen ein. Manche Ideen hätten ein, zwei Minuten weniger vertragen. Und das abschließende „God Bless You“-Sample getue? Nunja, sagen wir es so: Das bleibt im Ohr. Ob man das möchte, ist echt eine andere Frage.
Trotzdem – und das ist mir wichtig – überwiegt bei mir klar der positive Eindruck. ‚Momentum‘ ist kein Album, das dich mit der Tür ins Haus drückt. Es setzt auf Atmosphäre statt auf Hookline-Feuerwerk. Es will nicht jedem gefallen. Aber genau das mag ich irgendwie. Ich habe es nun mehrfach komplett durchgehört, weil es als Ganzes funktioniert. Weil es eine Stimmung erzeugt, die man nicht nebenbei konsumiert, sondern in die man eintaucht. Für wen ist das also geeignet? Hmm... für alle, die elektronischen Minimalismus mit Haltung schätzen. Für Hörerinnen und Hörer, die lieber in Klanglandschaften spazieren gehen, statt im Refrain-Sofortkaufhaus einzukaufen. Wer schnelle Hits, große Gesten oder emotionale Dauer-Explosionen sucht, wird hier sicher unruhig auf dem Stuhl hun und her rutschen. Wer jedoch Gefallen an kühler Ästhetik, subtilen Entwicklungen und einer konsequent durchgezogenen Idee hat, sollte ‚Frozen Warnings‘ und ‚Momentum‘ definitiv einmal eine Chance geben.
Medienkonverter.de
Frozen Warnings - Momentum
False Figure - Incarnate
Als Ende der 70er Jahre der Punk in sich zusammenfiel, war das kein Niedergang, sondern ein Neuanfang. Plötzlich wurde es kälter im Sound, weiter im Raum, intensiver im Gefühl. Aus drei Akkorden entstanden Hallflächen, aus Wut wurde innere Spannung. Bands wie Joy Division oder Bauhaus legten das Fundament für das, was später als Post-Punk und Gothic Rock zu einer eigenen kulturellen Bewegung heranwuchs. Es ging nicht mehr nur um Rebellion, sondern um Atmosphäre, um Abgründe, um dieses seltsame Gleichgewicht zwischen Tanzbarkeit und existenzieller Schwere. Genau in dieser Tradition bewegen sich...