„Rattenkrieg“ – allein dieses Wort hat Gewicht. Historisch steht es vor allem für die Schlacht um Stalingrad, für Häuserkämpfe in zerbombten Ruinen, für Soldaten, die sich durch Keller, Schächte und Trümmer bewegten, immer nur wenige Meter vom Tod entfernt. Kein heroischer Mythos, sondern ein zermürbender Überlebenskampf zwischen Eis, Staub und widersprüchlichen Befehlen.
Als ich den Titel zum ersten Mal gelesen habe, war mein erster Gedanke: Puh. Kann man das heute noch so nennen? Und genau dieser Moment des Innehaltens war der Grund, warum wir hier genauer hingehört haben. Eigentlich veröffentlichen wir Reviews zu Singles oder Maxis nur in seltenen Ausnahmefällen – unser Fokus liegt klar auf Alben. Doch das Release von ‚Exsequor‘ aus Sweden ist uns allein wegen dieses sperrigen, historischen Namens ins Auge gesprungen. „Rattenkrieg“ klingt nicht nach Nebenbei-Release. Das klingt nach Haltung. Also Play gedrückt.
Musikalisch liefern die drei Versionen zunächst genau das, was man sich von hartem, modernem Electro erhofft – nur eben mit Substanz. Die reguläre Version von ‚Rattenkrieg‘ hat uns sofort abgeholt. Der Track baut sich kontrolliert auf, schiebt ein massives Beat-Fundament unter eine prägnante Synth-Melodie und entwickelt eine Spannung, die nicht sofort explodiert, sondern sich langsam verdichtet. Die verzerrte Stimme wirkt dabei weniger wie bloße Aggression, sondern eher wie ein innerer Monolog eines Menschen, der längst ahnt, dass er einer falschen Hoffnung folgt. Wer Bands wie ‚Suicide Commando‘, ‚Hocico‘ oder ‚Amduscia‘ schätzt, wird hier stilistisch sofort andocken können – allerdings ohne das Gefühl zu haben, bloß eine Kopie zu hören. Inhaltlich entfaltet der Track seine eigentliche Wucht. Es geht um Soldaten, die Befehlen folgen, obwohl diese sie unweigerlich in aussichtslose Kämpfe führen. Anfangs stehen noch Versprechen im Raum: Sieg im Osten, Ruhm, schnelle Entscheidungen. Doch diese Versprechen zerbröckeln angesichts der Realität. Gefrorene Felder, zerstörte Straßen, Rauch über einer Stadt, die längst mehr Grab als Ziel ist. Vorräte fehlen, der Winter verschärft die Lage, Nachschub bleibt aus. Orientierung geht verloren – nicht nur geografisch, sondern moralisch.
Stalingrad steht hier als Symbol für das sinnlose Opfern von Menschenleben. „Kein Rückzug“ wird zur unausgesprochenen Doktrin. Die Frage „Werde ich meinen letzten Herzschlag spüren?“ schwebt über dem Text wie ein drohendes Echo. Besonders stark finde ich das Motiv der widersprüchlichen Befehle: Kommandos, die sich gegenseitig aufheben, Entscheidungen, die niemand mehr versteht. Soldaten kämpfen nicht nur gegen einen Feind, sondern gegen Hunger, Kälte, Chaos und die eigene Angst. Breite Horizonte, die einst Freiheit versprachen, entpuppen sich als Felder voller unmarkierter Gräber. Dass der Song über Stalingrad hinausweist und auch andere Konflikte – etwa die Balkankriege – mitschwingen lässt, macht ihn zeitlos. Es geht nicht um eine einzelne Schlacht. Es geht um ein wiederkehrendes Muster aus politischen Lügen, geopferten Söhnen und Menschen, die keine Wahl hatten. „Bleeding“ bleibt als Wort hängen – körperlicher Schmerz und innere Erschöpfung zugleich. Diese thematische Tiefe verleiht dem Track eine Schwere, die ihn deutlich von reiner Club-Ware abhebt.
Die ‚Rattenkrieg (Club Version)‘ verschiebt den Fokus dann spürbar. Hier wird das Stück weniger erzählend, dafür körperlicher. Die Melodie tritt stärker hervor, das Tempo zieht an, die Beats greifen direkter. Das fühlt sich an wie der Moment, in dem die Spannung kippt und aus innerem Druck offene Energie wird. Auf einer dunklen Tanzfläche dürfte diese Version deutlich mehr Bewegung erzeugen – ohne die düstere Grundhaltung zu verlieren. ‚Rattenkrieg (Harder)‘ geht schließlich noch einen Schritt weiter. Hier wirkt der Track fast mechanisch, unerbittlich, als würde er im Gleichschritt nach vorne marschieren. Kein Raum mehr für Zwischentöne, keine Verschnaufpause. Während die Originalversion noch Raum für Atmosphäre lässt und die Club-Version die Energie steigert, wirkt „Harder“ wie die endgültige Eskalation – kompromisslos, vorantreibend, beinahe beklemmend. Danach ist konsequenterweise Schluss. Drei Versionen, drei Intensitätsstufen, keine überflüssigen Anhängsel.
Auch das Artwork passt perfekt in dieses Gesamtbild. Der Titel „Rattenkrieg“ steht in schwerer Frakturschrift auf einem dunklen, abgegriffenen Hintergrund. Das Cover wirkt wie ein gealtertes Dokument, das Jahrzehnte in einem feuchten Archiv verbracht hat. Zerkratzt, ausgefranst, ohne dekorative Elemente. Nur Schrift, nur Atmosphäre. Unten steht ‚Exsequor‘, ebenfalls in markanter Typografie. Kein modernes Hochglanzdesign, sondern bewusst roh – fast wie ein visuelles Relikt aus einer anderen Zeit. Diese Reduktion verstärkt die Wirkung enorm.
Am Ende bleibt für mich mehr als nur ein aggressiver Electro-Track. ‚Rattenkrieg‘ ist ein düsteres, unbequemes Statement über verlorene Versprechen und das sinnlose Verheizen von Menschenleben. Wer harten, treibenden Electro mit inhaltlicher Tiefe sucht und Bands wie ‚Suicide Commando‘, ‚Hocico‘ oder ‚Amduscia‘ schätzt, wird hier definitiv fündig. Wer Musik primär als leichte Ablenkung versteht, dürfte sich an der Schwere des Themas stoßen. Ich persönlich finde: Diese Ausnahme hat sich gelohnt. Wir reviewen selten Singles – aber wenn ein Track mich gedanklich noch eine Weile begleitet, nachdem er längst verstummt ist, dann verdient er genau diese Aufmerksamkeit. ‚Exsequor‘ aus Sweden liefert mit ‚Rattenkrieg‘ keinen beiläufigen Club-Track, sondern ein Stück, das drückt, antreibt und gleichzeitig nachdenklich macht. Und genau diese Mischung bleibt hängen.
Exsequor - Rattenkrieg
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