Azam Ali - Synesthesia

Azam Ali - Synesthesia

Seit über drei Jahrzehnten bewegt sich 'Azam Ali' zwischen Welten – kulturell, musikalisch und emotional. Mit Projekten wie 'Niyaz' und dem Duo 'Vas', mit internationalen Tourneen, Soundtrack-Beiträgen für Film und Fernsehen sowie Auszeichnungen und Nominierungen wie dem Juno Award hat sie sich als eine der eigenständigsten Stimmen zwischen elektronischer Musik und globalen Folk-Traditionen etabliert. Ihr Album 'Synesthesia' ist bereits am 14.11.2025 erschienen – und ja, dieser Review kommt mit Verspätung. Man könnte es auf überquellende Promo-Ordner, chronische „Nur-noch-einmal-mit-Kopfhörern“-Runden oder schlicht auf die Tatsache schieben, dass dieses Album mich regelmäßig davon abgehalten hat, analytische Notizen zu machen, weil ich stattdessen einfach weiterhören wollte. Manche Werke rauschen vorbei. Dieses hier legt sich wie Nebel über den Alltag – und bleibt.

'Synesthesia' umfasst elf Stücke mit einer Laufzeit von rund 46 Minuten und ist digital, auf CD und auf Vinyl erhältlich. Es ist vollständig von 'Azam Ali' selbst geschrieben, produziert und performt – ein klares Statement künstlerischer Kontrolle. Unterstützt wird sie von langjährigen Weggefährten wie Loga Ramin Torkian sowie ihrem Sohn Iman Ali Torkian am Cello. Diese Konstellation spürt man: Das Album wirkt persönlich, geschlossen und bewusst gestaltet. Inhaltlich knüpft es an die elektronische, atmosphärische Ausrichtung ihres 2019 erschienenen Albums 'Phantoms' an, geht aber noch konsequenter in Richtung Reduktion und klanglicher Weite.

Der Titel 'Synesthesia' – also das Verschmelzen verschiedener Sinneseindrücke – ist dabei mehr als nur ein poetisches Schlagwort. Dieses Album will nicht nur angehört werden, es will auch gespürt, gesehen und vielleicht sogar körperlich erfahren werden. Die Klangflächen wirken hier wie Farbschichten, Hallräume öffnen sich wie architektonische Räume aus Glas und Schatten. Die Stücke entfalten sich langsam, beinahe schwerelos. Statt auf Tempo oder große Refrains setzt 'Azam Ali' auf Textur. Bewegung entsteht hier nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch minimale Verschiebungen im Arrangement: ein subtiler Rhythmus, der kurz hervortritt, eine perkussive Struktur, die sich andeutet und wieder im Gesamtbild verschwindet. Fein!

Ihre Stimme bleibt immer das Zentrum. Sie schwebt nicht einfach über der Musik – sie durchzieht sie. Mal nahezu körperlos, mal warm und greifbar, mit langen, gebogenen Tönen, die sich wie Lichtstrahlen durch dichte Hallräume ziehen. Es gibt Momente, in denen sie fast allein im Raum steht, nur von minimalistischen elektronischen Strukturen getragen. Das ist mutig, weil es nichts versteckt. Und genau diese Offenheit verleiht dem Album seine emotionale Tiefe. Immer wieder schimmern weltmusikalische Elemente durch – orientalisch gefärbte Skalen, flötenartige Klangfarben, organische Instrumente wie Cello oder Gitarre, die sich mit elektronischen Texturen verweben. Diese Einflüsse wirken nie dekorativ, sondern selbstverständlich eingebettet in eine moderne, cineastische Klangästhetik. Interessant ist auch die Einbindung zweier Coverversionen – 'Song To The Siren' und 'This House Is On Fire'. Beide fügen sich erstaunlich organisch in das Gesamtbild ein und unterstreichen, wie sehr 'Azam Ali' Fremdmaterial in ihre eigene klangliche Sprache übersetzen kann. Nichts wirkt hier wie ein Fremdkörper. Alles ordnet sich der Atmosphäre unter.

Man kann dem Album eine gewisse Homogenität vorwerfen. Die Übergänge sind fließend, die Stimmungen eng verwandt, große Kontraste bleiben aus. Wer nach klaren Höhepunkten oder dramatischen Brüchen sucht, wird sie hier kaum finden. Doch genau diese Konsequenz empfinde ich in dem Fall als Stärke des Albums. 'Synesthesia' ist kein Kaleidoskop, sondern ein durchgehender Zustand. Es ist ein Album das einlädt – zum Eintauchen, zum Verweilen, zum Innehalten. Für Hörerinnen und Hörer, die Musik als Erlebnis begreifen, die sich Zeit nehmen und Klanglandschaften erkunden möchten, ist 'Synesthesia' ein faszinierendes Werk. Für mich fühlt sich dieses Album wie ein leiser Sonnenaufgang an: erst nur eine Ahnung, dann ein Schimmer, schließlich eine Wärme, die sich langsam ausbreitet. Kein lauter Paukenschlag, sondern ein nachhaltiges Echo. Und genau deshalb lohnt es sich, ihm Raum zu geben – auch wenn der Review ein paar Wochen zu spät kommt.

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