Empusae & Maris Anguis - Onryōtan

Empusae & Maris Anguis -...

Aufgepasst! Wenn ‘Empusae’ und ‘Maris Anguis’ gemeinsame Sache machen, dann lohnt sich meist ein genauer Blick. Hinter ‘Empusae’ steckt mit ‘Nicolas Van Meirhaeghe’ ein belgischer Klangtüftler, der schon seit Jahren für detailverliebten oft leicht industrial-geprägten Dark Ambient steht – also Musik, die sich weniger wie Songs sondern viel mehr wie Orte anfühlen. Orte, in denen man sich aber nicht unbedingt freiwillig länger aufhält. Und dann haben wir da noch ‘Maris Anguis’, das Projekt von ‘Ryo Utasato’, bringt dagegen eine ganz andere Ebene mit: tief verwurzelt in japanischer Folklore, Ritualen und dieser schwer greifbaren Mischung aus Schönheit und latentem Unbehagen. Mit ‘Onryōtan’ – übersetzt „Geschichten rachsüchtiger Geister“ – treffen diese beiden Welten aufeinander. Und das gar nicht halbherzig, auch nicht vorsichtig, sondern mit einer Konsequenz die man so nicht oft hört. Das hier ist keine Kollaboration zum Abhaken. Das ist kein Nebeneinander, sondern eher ein gemeinsamer Sound – und der erzeugt von Anfang an eine leicht unheimliche Stimmung.

Auch beim Release selbst merkt man schnell: Das hier will nicht einfach konsumiert werden. Klar, digital ist das Album über Bandcamp verfügbar – schnell, bequem, jederzeit abrufbar. Aber eigentlich wirkt ‘Onryōtan’ wie gemacht für die physische Form. Die auf 200 Stück limitierte CD im matten 6-Panel-Digipak, gestaltet von ‘Christel Morvan’ ist kein nettes Extra, sondern fast schon Teil des Konzepts. Das ist so ein Release, das man bewusst auspackt, in die Hand nimmt – und bei dem man instinktiv das Gefühl hat, dass „mal eben nebenbei hören“ hier die falsche Idee ist. Fein!

Musikalisch ist ‘Onryōtan’ weniger ein Album als ein Ablauf. Eine Abfolge von Zuständen, die sich langsam entfalten, verschieben und wieder auflösen. Das klingt erstmal abstrakt – fühlt sich beim Hören aber erstaunlich konkret an. Was sofort greift: diese unglaubliche Kontrolle über Spannung. Tiefe, drückende Drones legen den Boden, darüber bewegen sich feinste Geräusche und Fragmente. Und mittendrin: Stille. Nicht als Pause, sondern als Werkzeug. Als bewusst gesetzter Moment, der mehr Druck aufbaut als jeder laute Ausbruch. Man wartet. Und genau dieses Warten wird zum eigentlichen Erlebnis. Die Vocals von ‘Maris Anguis’ sind dabei kein Beiwerk, sondern ein zentraler Bestandteil. Mal flüsternd nah, mal entrückt, mal fast beschwörend – das Ganze wirkt weniger wie Gesang und mehr wie Teil eines Rituals, das man eigentlich nicht stören sollte. Und genau dadurch entsteht diese seltsame Spannung: Man hört zu, aber gleichzeitig hat man das Gefühl, nicht zuhören zu dürfen. Dazu kommen noch solch subtile Einflüsse traditioneller Klangfarben und Instrumente, die sich organisch in den Sound einfügen. Nichts wirkt hier aufgesetzt, nichts schreit „Folklore“. Stattdessen entsteht hier für mich ein Eindruck von Authentizität, der in diesem Genre alles andere als selbstverständlich ist.

Und was ‘Empusae’ hier einbringt, ist diese fast schon unverschämte Detailkontrolle die man vom Projekt kennt. Jeder Klang sitzt. Jeder Hall, jede Bewegung im Hintergrund wirkt durchdacht. Selbst die rhythmischen Elemente – oft eher als langsame, rituelle Trommeln spürbar – geben dem Album etwas Körperliches. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Aber präsent. Wie ein Puls, der nie ganz verschwindet. Und genau da passiert etwas Spannendes: ‘Onryōtan’ wird irgendwann weniger zu Musik und mehr zu einem Zustand. Es zieht dich nicht mit großen Gesten rein, sondern schleicht sich langsam unter die Haut. Erst Atmosphäre, dann Unruhe – und irgendwann sitzt du da und merkst, dass sich irgendwie, irgendwas verändert hat. Bei mir war das kein klassischer „Wow“-Moment. Eher dieses leise, unangenehme Gefühl, dass der Raum plötzlich anders wirkt. Dass die Stille nach dem Album nicht mehr ganz dieselbe ist wie davor. Und ganz ehrlich: Genau solche Momente bleiben bei mir hängen.

Der erste Teil des Albums packt dabei besonders stark zu und baut eine dichte, fast greifbare Spannung auf. Hinten raus bleibt das Niveau hoch, verschiebt aber den Fokus etwas mehr in Richtung Tiefe und Nachwirkung. Schwach wird hier nichts – es wird nur stiller. Und vielleicht auch ein Stück konsequenter. Dieses Spiel zwischen Intimität und Größe ist eine der größten Stärken des Albums. Flüsternde Nähe trifft auf weite, fast endlose Klangräume. Sekunden später fühlt man sich gleichzeitig beobachtet und verloren. Das ist nicht nur gut gemacht – das ist effektiv.

‘Onryōtan’ funktioniert – da bin ich mir ganz sicher – nicht im Hintergrund. Es braucht Aufmerksamkeit und auch ein bisschen Ruhe, damit es wirken kann. Dann entfaltet sich ein Album, das man nicht nur hört, sondern auch spürt. Für mich bleibt vor allem dieses Gefühl: Das hier ist keine Musik zur Unterhaltung, sondern eine Erfahrung, die noch nachhallt, wenn längst wieder Stille eingekehrt ist. Und genau das passiert bei mir verdammt selten.

Empusae & Maris Anguis - Onryōtan
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