Ein Klebeband hält schonmal erstaunlich viel zusammen. Umzugskartons, Kabel, gelegentlich sogar Dinge, bei denen jeder Fachmann entsetzt den Kopf schütteln würde. Ob es auch bei einem angeknacksten Seelenleben hilft, wäre aber noch zu prüfen. 'Ductape' liefern zumindest einen musikalischen Versuch: Seit ihrer Gründung 2019 in Istanbul verbinden 'Çağla Güleray' und 'Furkan Güleray' düstere Elektronik, markante Basslinien und Post-Punk-Gitarren zu einem ebenso melancholischen wie bewegungsfreudigen Sound. Mit 'Labirent', 'Ruh' und 'Echo Drama' hat sich das inzwischen in Straßburg beheimatete Duo bereits eine eigene Handschrift erarbeitet. Auf dem vierten Album 'Faded Flowers' geht es nun um die brüchigen Stellen im modernen Alltag. Die Reparatur übernimmt vorerst der Rhythmus.

Das am 18. September 2026 über 'Swiss Dark Nights' veröffentlichte Album versammelt zehn Stücke und eine ziemlich ernüchternde Vorstellung: Die Menschheit als Feld verwelkter Blumen. Gemeint sind Menschen, denen Erwartungen, tägliche Wiederholungen und Isolation nach und nach die Kraft entziehen. Dazu kommen der Druck, bestimmte Rollen erfüllen zu müssen, und das paradoxe Gefühl, mitten unter Menschen allein zu sein. 'Ductape' geben ihrer Musik damit einen nachvollziehbaren thematischen Hintergrund. Mir gefällt, dass hinter dem düsteren Erscheinungsbild etwas steckt, das sich auch ohne schwarze Garderobe verstehen lässt. Dieses Gefühl, nach einem Tag voller Kontakte trotzdem seltsam leer nach Hause zu kommen, braucht schließlich keinen Szenenausweis.

Musikalisch steht das Album auf einem kräftigen Fundament. Die Basslinien treiben vorwärts, programmierte Beats geben mit straffen Schlägen den Takt vor, und die Gitarren ziehen schimmernde, bisweilen tremolierende Linien durch das Geschehen. Synthesizer ergänzen die Konturen und sorgen für die kühle Atmosphäre. Das Klangbild hat einen deutlichen Bezug zu den Achtzigern, fügt sich aber ebenso in die heutige Darkwave-Landschaft ein. 'She Past Away' und 'Molchat Doma' liefern brauchbare Orientierungspunkte. Entscheidend ist für mich das Zusammenspiel: Bass und Rhythmus halten die Musik in Bewegung, während Gitarren und Synthesizer ihre melancholische Färbung bestimmen. So entsteht eine Düsternis, die durchaus körperlich wirkt und einen in den nächsten Club ziehen kann.

Dabei besitzt 'Faded Flowers' trotz seiner Themen eine beträchtliche Energie. Die Musik vermittelt Unruhe und lässt den Wunsch nach einem Ausweg spürbar werden. Gerade darin liegt für mich ihr Reiz: 'Ductape' geben der beschriebenen Erschöpfung ein Ventil. Für eine Weile kann man sich von den Rhythmen mitnehmen lassen, auch wenn die Welt anschließend vermutlich noch dieselben Baustellen hat. Eine vollständige Reparatur sollte man von einem Album ohnehin nicht verlangen. Selbst gutes Klebeband hat schließlich seine Belastungsgrenze. Zum menschlichen Mittelpunkt dieser Musik wird 'Çağla Güleray'. Ihre Stimme hat eine dunkle Färbung, Gewicht und eine kraftvolle Präsenz. Der Gesang kann sich zu schmerzhaften Ausbrüchen steigern und verleiht den kühlen Arrangements emotionale Dringlichkeit. Für mich ist diese Stimme eine der wesentlichen Stärken des Albums. Sie passt zur Atmosphäre, setzt ihr aber auch genügend Ausdruck entgegen, um die Musik lebendig zu halten. Englische und türkische Texte gehören dabei zum Repertoire des Duos; auf 'Faded Flowers' stehen beide Sprachen nebeneinander. Auch unabhängig vom unmittelbaren Textverständnis bleibt der Gesang ein wichtiger Zugang zur Stimmung.

Die zehn Songs bewegen sich innerhalb eines geschlossenen Klangbildes, ohne durchgehend auf dieselbe Anordnung der Zutaten zu setzen. Zu Beginn stehen die direkteren Stücke im Vordergrund. Im weiteren Verlauf kommen eigenwilligere Arrangements und die Verbindung akustischer Gitarren mit elektronischen Schleifen hinzu, während zum Ende langsamere, bittersüße Stimmungen mehr Raum erhalten. Diese Verschiebungen tun dem Album gut. Allerdings bleiben auch die Abweichungen eng mit seinem Grundsound verbunden; die Klangfarben von Bass und Gitarre variieren vergleichsweise wenig. Das sorgt für Zusammenhalt, begrenzt aber die klanglichen Kontraste. Für mich liegt hier eine Grenze des Albums, ohne dass dadurch seine gelungenen Momente ihren Reiz verlieren.

Jetzt aber zu meinen Anspieltipps, die sind 'Fine' und 'D.E.R.T'. Beide Sonsg sind treibend und mitreißend, verbinden ihren Vorwärtsdrang mit tollen Melodien und der ausdrucksstarken Stimme von 'Çağla Güleray'. Genau dieses Zusammenspiel überzeugt mich: Der Rhythmus zieht einen hinein, die Melodien bleiben hängen, und der Gesang gibt dem Ganzen Gefühl. Hier kommen die Qualitäten des Duos für mich besonders schön zusammen. Da wird selbst bei düsterer Stimmung das Stillhalten schwierig. Wer einen Einstieg sucht, bekommt mit diesen beiden Songs eine gute Vorstellung davon, was mich an 'Faded Flowers' anspricht.

Am Ende ist 'Faded Flowers' für mich ein wirklich gutes und auch empfehlenswertes Album, aber noch kein überragendes. 'Ductape' verbinden hier eine passende Atmosphäre mit Energie und einer Stimme, die dem Ganzen Charakter gibt. Das reicht für eine klare Empfehlung an Freunde von - ganz klar - 'She Past Away', 'Twin Tribes' und melodischem, tanzbarem Darkwave. Meine Begeisterung bleibt dennoch eine Stufe unter dem großen Jubel. Besonders 'Fine' und 'D.E.R.T' liefern gute Gründe, sich mit dem Album zu beschäftigen; die gesamte Veröffentlichung wird dadurch für mich noch nicht zum Ausnahmeereignis. Das Klebeband hält also ordentlich. Den ganzen Alltag bekommt es vermutlich nicht zusammengeflickt – für einen Abend mit guter Musik reicht es aber allemal.