Wie fange ich hier an? Vielleicht mit dem Moment, in dem mir bereits nach wenigen Minuten klar wurde, dass 'In Shadows' nicht einfach nur das nächste ordentlich produzierte Dark-Electronic-Album ist. Da sind diese Melodien, dieser beständige Vorwärtsdrang und eine merkwürdig künstlich schimmernde Stimme die mich irgendwie fesselte. Dazu kommen auch Augenblicke, in denen gefühlt plötzlich 'The Crüxshadows' durch die musikalische Hintertür zu schauen scheinen. Kurz gesagt: Das Ding hatte mich ziemlich schnell. Dabei hat sich 'Dilemma' für diesen Auftritt reichlich Zeit gelassen. Das New Yorker Projekt von Produzent 'Alex Elias' existiert bereits seit 2012, doch 'In Shadows' ist nach 'Elephant Graveyard' von 2017 erst das zweite reguläre Album. Die neuen Stücke entstanden größtenteils schon 2018, wurden mehrfach überarbeitet und 2024 endgültig fertiggestellt. Veröffentlicht wurde das Ergebnis schließlich am 30. Juli 2026 über 'Outer Darkness Records'. Eine lange Reise – aber immerhin eine, bei der am Ende nicht nur das Gepäck angekommen ist.
Dazwischen war 'Alex Elias' keineswegs untätig, sondern veröffentlichte verschiedene EPs, Singles und Gemeinschaftsarbeiten. Nach eigenen Angaben ist 'In Shadows' zudem das erste professionell gemasterte Album des Projekts. Das hört man durchaus: Der Sound ist ausgesprochen kontrolliert, modern und sauber produziert – gelegentlich vielleicht sogar ein wenig zu sauber.
Musikalisch bewegt sich 'In Shadows' zwischen Dark Pop, Synthpop, Darkwave, Electronic Rock und Industrial Rock. Auch Anklänge an melodischen Futurepop lassen sich aus meiner Sicht heraushören. Das klingt zunächst nach einer dieser Genrelisten, bei denen man irgendwann nur noch das schwarze Hemd bügelt und ergeben nickt. Tatsächlich wirkt das Album jedoch erstaunlich geschlossen. 'Dilemma' stellt die verschiedenen Stilrichtungen nicht einfach nebeneinander, sondern verbindet sie zu einem dunklen, melodischen und ausgesprochen zugänglichen Gesamtbild.
Das große Pfund von 'In Shadows' sind die Melodien. Eingängige Synthesizerlinien, kräftige Refrains und ein beständiger rhythmischer Schub verhindern, dass die Musik in melancholischer Selbstbetrachtung versinkt. Die Songs sind düster, aber nicht bleischwer, tanzbar, ohne krampfhaft nach dem nächsten Clubhit zu schielen. Viele Arrangements bauen ihre Spannung geduldig auf und öffnen sich schließlich in Refrains, die bereits beim zweiten Durchlauf ziemlich hartnäckig im Kopf wohnen. Man möchte ihnen gelegentlich Miete berechnen.
Die Verbindung aus dunkler Romantik, elektronischem Vorwärtsdrang und leicht theatralischer Melodieführung erinnert mich immer wieder an 'The Crüxshadows'. Nicht so deutlich, dass man von einer Kopie sprechen müsste, aber genug, um bei einigen Passagen kurz aufzuhorchen. Auch 'Dilemma' versteht es, Melancholie nicht als Stillstand zu inszenieren, sondern ihr Beine zu machen. Die Musik leidet also nicht regungslos am Fenster, während es draußen regnet – sie zieht sich schwarze Stiefel an und geht tanzen.
Unter den Synthesizern liegen immer wieder kräftige Gitarren, die dem Album zusätzliche Breite und Druck verleihen. Sie kämpfen jedoch nicht permanent um die Vorherrschaft, sondern verdichten das elektronische Fundament und geben besonders den Refrains mehr Gewicht. Diese Balance funktioniert ausgesprochen gut: 'In Shadows' ist elektronisch genug für die dunkle Tanzfläche und rockig genug, um nicht wie ein weiteres Baukastenerzeugnis aus Sequencern und Presets zu wirken.
Besonders markant ist der Gesang von 'Alex Elias'. Die Stimme klingt wiederholt wie durch einen bewusst eingesetzten Auto-Tune-Effekt verfremdet und erinnert mich dabei stellenweise an den berühmten 'Cher-Effekt' aus 'Believe'. Ob tatsächlich ausschließlich Auto-Tune oder zusätzlich Pitch- und Formantbearbeitung verwendet wurden, lässt sich nach Gehör natürlich nicht sicher feststellen. Entscheidend ist ohnehin das Ergebnis: Die Stimme bekommt einen künstlichen, metallisch schimmernden Charakter, der erstaunlich gut zur elektronischen Produktion passt. Manchmal klingt es, als habe ein Mensch seine Gefühle direkt durch eine beschädigte Datenleitung geschickt – sie kommen trotzdem an.
Genau diese Bearbeitung dürfte allerdings die Hörerschaft spalten. Wer bereits beim Gedanken an Auto-Tune nervös mit dem Auge zuckt, wird mit 'In Shadows' vermutlich nicht vollständig glücklich. Mir gefällt der Effekt hier ausgesprochen gut, weil er nicht wie eine nachträgliche Schönheitskorrektur wirkt, sondern als bewusstes Stilmittel das gesamte Klangbild prägt. Er verleiht 'Dilemma' eine eigene Persönlichkeit und hebt das Projekt aus der Masse angenehm produzierter, aber häufig austauschbarer Dark-Electronic-Veröffentlichungen heraus.
Die Texte vermitteln vor allem den Eindruck innerer Konflikte, persönlicher Unsicherheit und des Versuchs, trotz Widerständen weiterzumachen. Sie sind eher direkt als rätselhaft und passen damit gut zur unmittelbaren Wirkung der Musik. Nicht jede Formulierung besitzt große poetische Tiefe, doch hinter der technisch bearbeiteten Stimme bleibt stets ein menschlicher Kern spürbar. Gerade dieser Gegensatz aus kontrollierter Produktion und emotionaler Unruhe macht einen Teil des Reizes aus.
Ganz frei von Schwächen ist 'In Shadows' dennoch nicht. Einige Songs folgen ähnlichen Spannungsbögen, wodurch sie im letzten Drittel etwas stärker ineinanderfließen, als es den grundsätzlich guten Melodien guttut. Auch der Effektgesang verliert durch seine häufige Verwendung mit der Zeit ein wenig von seiner anfänglichen Überraschungswirkung. Den Gitarren hätte ich gelegentlich außerdem etwas mehr Schmutz und Widerhaken gewünscht. Die sehr glatte Produktion sorgt zwar für Klarheit und Druck, nimmt ihnen aber stellenweise genau jene Rauheit, die das elektronische Fundament noch wirkungsvoller hätte aufbrechen können.
Dafür verzichtet das Album konsequent auf unnötige Längen. Neun Songs in knapp 38 Minuten ergeben ein angenehm kompaktes Werk, das seine Ideen nicht bis zur Erschöpfung auswalzt. Hier gibt es keine überflüssige zweite Hälfte, keine Sammlung kaum unterscheidbarer Remixe und auch keinen minutenlangen Ambient-Ausklang, nur damit auf dem Papier eine imposantere Laufzeit steht.
Unterm Strich ist 'In Shadows' für mich eine ausgesprochen positive Überraschung. 'Dilemma' erfindet Dark Pop und Electronic Rock zwar nicht neu, findet innerhalb der vertrauten Zutaten aber eine eigene und gut erkennbare Sprache. Die Melodien sitzen, der Drive stimmt, die Gitarren verleihen der Elektronik genügend Körper und der künstlich schimmernde Gesang gibt dem Album genau jene Besonderheit, an der viele vergleichbare Produktionen scheitern.
Wer 'The Crüxshadows', melodischen Futurepop, modernen Dark Pop oder elektronisch geprägten Industrial Rock mag, sollte unbedingt hineinhören. Auch Menschen, die düstere Musik bevorzugen, aber nicht bei jedem Album akustisch durch eine stillgelegte Stahlfabrik geprügelt werden möchten, dürften hier fündig werden. Weniger geeignet ist 'In Shadows' für Puristen, die Auto-Tune grundsätzlich für eine musikalische Straftat halten oder ausschließlich rohe und schmutzige Industrial-Produktionen akzeptieren. Für alle anderen gilt: Dieses Album hat lange genug im Schatten gestanden. Es darf jetzt ruhig ein wenig Licht abbekommen.
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