Dieser Albumtitel ist so wunderbar, dass man beinahe Angst bekommt, die Musik könne dahinter nur verlieren. 'Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes' klingt nach Trauerfeier mit offenem Hemdkragen, Konfetti im Leichenwagen und einem Pastor, der heimlich die Zugabe vorbereitet. Vor allem aber klingt er exakt nach 'Jupiter Jones': melancholisch, trotzig, lebenshungrig und gerade verrückt genug, um dem Tod noch einen Platz auf der Gästeliste anzubieten – allerdings ganz hinten, direkt neben der kaputten Bassbox. 'Jupiter Jones' bewegen sich seit jeher zwischen Punkrock, Indie-Rock, großen Popmelodien und emotionalem Kontrollverlust. Mit 'Still' gelang ihnen einst der Sprung ins breite öffentliche Bewusstsein, doch wirklich bequem haben sie es sich dort glücklicherweise nie gemacht. Nach gesundheitlichen Brüchen, personellen Veränderungen und der Rückkehr von Sänger 'Nicholas Müller' wirkte 'Die Sonne Ist Ein Zwergstern' 2022 noch ein wenig wie die vorsichtige Frage: Funktioniert das mit uns eigentlich noch? Das neue Album antwortet darauf mit einem ziemlich entschlossenen Akkord: Ja. Und jetzt dreht endlich den Verstärker auf.
Denn 'Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes' klingt tatsächlich wieder nach Band. Die Gitarren schrammeln, die Drums drücken, der Bass schiebt und die Arrangements atmen hörbar mehr Proberaum als Reißbrett. Gleichzeitig werfen 'Jupiter Jones' ihre poppige Entwicklung nicht aus dem Tourbus. Synthesizer, große Melodien und Refrains mit ausgeprägtem Bewegungsdrang bleiben erhalten. Nur stehen sie diesmal nicht mehr brav nebeneinander, sondern rempeln sich gegenseitig an. Genau das tut dem Album mal wirklich gut. Mir gefällt dabei echt gut, dass die Band nicht versucht, sich irgendwie künstlich auf Anfang dreißig zurückzuschminken. Hier spielen keine jungen Punkrocker mehr gegen das Erwachsenwerden an. Hier spielen erwachsene Musiker gegen die Erkenntnis, dass auch mit zunehmendem Alter niemand die verdammte Bedienungsanleitung fürs Leben geliefert bekommt. Das macht diese Musik glaubwürdig. Sie besitzt Erfahrung, ohne nach musikalischem Treppenlift zu klingen, und genug Wucht, um die Lesebrille gelegentlich vom Mischpult zu fegen.
Rauere Indie-Rock-Momente treffen hier auf weit geöffneten Pop, melancholische Passagen holen tief Luft, bevor die Refrains mit beiden Beinen durch die Tür springen. Gelegentlich wird mir etwas zu ausgiebig gestampft und geklatscht. Manchmal steht der Formatradio-Beauftragte offenbar schon mit Warnweste im Studio und weist den nächsten Refrain ein. Doch meistens gelingt es 'Jupiter Jones', rechtzeitig noch eine kratzige Gitarre, eine schiefe Kante oder eine Portion Eigensinn dazwischenzuwerfen. Und wenn diese Refrains funktionieren, dann richtig. Gefühle werden bei 'Jupiter Jones' nicht dezent im Hintergrund abgestellt. Sie kommen mit dem Tankwagen, hupen zweimal und fluten den gesamten Parkplatz. Das kann man übertrieben finden. Ich finde es herrlich, solange unter der großen Geste noch echter Schmerz und keine industriell gefertigte Feuerzeugschwenkpflicht steckt. Auf diesem Album ist das erfreulich oft der Fall.
Entscheidend dafür ist die Stimme von 'Nicholas Müller'. Sie trägt Müdigkeit, Wut, Wärme und Verletzlichkeit gleichzeitig in sich. Müller klingt nicht wie jemand, der Texte bloß einsingt, sondern wie jemand, der vorher mehrere Nächte mit ihnen gerungen und dabei mindestens ein Kopfkissen angeschrien hat. Seine Stimme darf drücken, brechen, flehen und aufbegehren. Sie ist nicht makellos – und gerade deshalb vollkommen richtig. Wo andere Sänger einen pathetischen Moment aufblasen, bis er an der Studiodecke klebt, lässt Müller immer noch genügend Zweifel und Menschlichkeit hindurch. Textlich unternehmen 'Jupiter Jones' eine ziemlich umfassende Inventur des zeitgenössischen Unbehagens. Vergänglichkeit, Älterwerden, Körperbilder, Elternschaft, soziale Medien, gesellschaftliche Verrohung und das Erstarken rechter Positionen: Das Album nimmt sich nicht gerade die kleinen Fragen für den entspannten Sonntagnachmittag vor. Trotzdem klingen die Texte selten wie Betrachtungen aus sicherer Entfernung. Vieles wirkt erlebt, wundgerieben und persönlich durchlitten. Man spürt, dass hier niemand nur deshalb betroffen klingt, weil das im letzten Refrain dramaturgisch vorgesehen war.
Besonders deutlich wird das für mich bei 'Wo Diese Liebe Hinfällt'. Der ruhigere Song beschäftigt sich mit dem Tod, ohne deshalb musikalisch schon einmal die Vorhänge zuzuziehen. Neben dem nachdenklichen, starken Text besitzt er eine Melodie, die sich erstaunlich hartnäckig im Ohr festsetzt, und einen wunderschönen Refrain. Das ist eingängig, ohne banal zu werden, und berührend, ohne den Hörer mit einer Großpackung Taschentücher zu bedrohen. Ebenfalls zu meinen persönlichen Anspieltipps gehört 'Älter Als Die Steine': warm, bewegend und melodisch – für mich einer der stärksten emotionalen Momente des Albums. Hier müssen 'Jupiter Jones' nicht mit der Pathos-Kanone auf Spatzen schießen. Die Melodie und Müllers Stimme erledigen die Arbeit ganz allein. Politisch äußert sich die Band unmissverständlich. Das gefällt mir grundsätzlich sehr. In einer Zeit, in der manche Musiker ihre Haltung so lange weichspülen, bis nur noch ein dekorativer Schatten davon übrig bleibt, darf eine Band ruhig deutlich werden. Allerdings setzt 'Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes' seine Ausrufezeichen gelegentlich mit dem Schlagzeughammer. Manche Aussagen sind so vollständig ausformuliert, dass kaum Platz für Zwischentöne bleibt. Ich stehe inhaltlich häufig auf derselben Seite, hätte mir künstlerisch aber manchmal etwas mehr Bildsprache und etwas weniger Mitschrift fürs politische Grundseminar gewünscht.
Auch beim Pathos kennt das Album nur selten Zimmerlautstärke. Wenn die großen Gesten treffen, entstehen diese wunderbaren 'Jupiter Jones'-Momente, in denen man gleichzeitig mitsingen, jemanden umarmen und bedeutungsschwer in die Ferne schauen möchte – selbst wenn man gerade nur im Stau vor einem Baumarkt steht. Im letzten Drittel verliert dieser Effekt etwas an Kraft. Ähnliche Steigerungen, weitere hymnische Refrains und die wiederkehrende Bewegung von leiser Nachdenklichkeit zur emotionalen Vollbremsung werden zunehmend vorhersehbar. Ein überraschender Tempowechsel, eine sperrigere Passage oder einfach einmal drei Minuten ohne hochgereckte Arme hätten dem Album zusätzliche Spannung gegeben. Trotzdem erwischt mich 'Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes' häufiger, als es mich nervt. Und das ist am Ende entscheidend. Das Album klingt lebendiger, geschlossener und selbstbewusster als sein Vorgänger. Es verbindet die frühere Indie-Rock-Rauheit der Band mit ihrem Gespür für große Popmelodien, ohne verzweifelt die eigene Vergangenheit nachzustellen. 'Jupiter Jones' tun nicht so, als wären die vergangenen Jahre nie passiert. Sie schleppen ihre Brüche, Erfahrungen und Zweifel mit ins Studio – und bauen daraus Refrains.
Nein, das ist kein makelloses Meisterwerk. Dafür ist die Platte stellenweise zu dick aufgetragen, vielleicht manchmal zu vorhersehbar gesteigert und in ihren Botschaften manchmal auch etwas zu erklärfreudig. Aber mir ist ein Album, das gelegentlich vor lauter Gefühl über die eigenen Schnürsenkel stolpert, deutlich lieber als eines, das aus Angst vor Peinlichkeit regungslos an der Wand steht. 'Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes' besitzt Haltung, Spielfreude, starke Melodien und ein großes, ziemlich unruhiges Herz. Es will nicht cool sein. Es will etwas sagen, etwas auslösen und im besten Fall gemeinsam mit uns gegen die allgemeine Weltlage ansingen. Geeignet ist das Album für alle, die deutschsprachigen Indie-Rock mit großen Popmelodien, persönlichen Texten und klarer gesellschaftlicher Haltung mögen. Wer bei Pathos, hymnischen Refrains und musikalisch hochgerissenen Armen sofort Fluchtreflexe entwickelt, sollte zunächst vorsichtig probehören. Alle anderen dürfen sich auf eine Platte freuen, die Trauer und Lebensfreude nicht als Gegensätze begreift. Der Sarg steht zwar bereit – aber die Beerdigung endet ziemlich sicher im Moshpit.
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