David Thrussell - The Reign Of Dead Matter

David Thrussell - The Reign...

Bluthochdruck ist eine ausgesprochen moderne Angelegenheit. Man sitzt vollkommen friedlich am Schreibtisch, liest drei Nachrichten, beantwortet zwei E-Mails und erfährt nebenbei, dass irgendein Gerät dringend ein Update benötigt – schon hämmert das Herz, als wolle es wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen fristlos kündigen. Genau in einem solchen Moment landet 'The Reign Of Dead Matter' von 'David Thrussell' auf meinen Kopfhörern. Und plötzlich zieht sich die Außenwelt zurück. Der Puls beruhigt sich, das Blutdruckmessgerät verliert sichtbar die Lust an der Eskalation und selbst die unbeantworteten E-Mails wirken nur noch wie belanglose Fußnoten zum bevorstehenden Untergang des Universums. Das ist natürlich keine medizinisch anerkannte Therapie – aber deutlich angenehmer als eine Packungsbeilage.

Der Australier 'David Thrussell' bewegt sich schon seit den späten Achtzigern durch die dunkleren Randgebiete elektronischer Musik. Mit 'Snog' verband er Industrial, EBM und Elektronik mit bissiger Gesellschaftskritik, schwarzem Humor und einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber nahezu allem, was Macht besitzt oder Anzüge trägt. Unter dem Namen 'Black Lung' widmete er sich abstrakteren, rhythmischeren und häufig verschwörungsschwangeren Klangwelten, während 'Soma' eine weitere Seite seines ungewöhnlich vielseitigen Schaffens zeigt. Dazu kommen Filmmusik, Spoken Word und zahlreiche experimentelle Arbeiten. 'David Thrussell' war eben noch nie der Mann für musikalische Zimmerpflanzen: Selbst wenn seine Musik still wird, wächst darin gewöhnlich etwas, das vermutlich nicht gegossen werden sollte.

Mit 'The Reign Of Dead Matter' erscheint er unter seinem eigenen Namen beim deutschen Label 'Ant-Zen'. Das 1993 gegründete Independent-Label aus Lappersdorf gehört seit Jahrzehnten zu den verlässlichsten Adressen für Industrial, Ambient, Noise und experimentelle Elektronik. Veröffentlichungen bei 'Ant-Zen' sind selten bequem, dafür meist sorgfältig gestaltet, eigenwillig und künstlerisch konsequent. Genau in dieses Umfeld passt das Album hervorragend. Die auf unterschiedlich ausfallendem Splatter-Vinyl veröffentlichte LP ist inzwischen ausverkauft, digital bleibt das Werk weiterhin erhältlich. Besonders bemerkenswert ist, dass ausgerechnet der für seine zynischen, satirischen und gelegentlich verschwörungstrunkenen Wortmeldungen bekannte 'David Thrussell' hier vollständig schweigt. Kein Gesang, keine gesprochenen Texte, keine Stimmen, die dem Hörer erklären, was er denken soll. Stattdessen lässt er die Musik selbst erzählen – oder besser gesagt: beschwören. Die sechs instrumentalen Kompositionen bilden über knapp 37 Minuten weniger eine Sammlung einzelner Stücke als ein geschlossenes Ritual.

Diese Bezeichnung ist keineswegs bloß eine werbewirksame Genreangabe. 'The Reign Of Dead Matter' wurde am 21. Dezember 2025 um Mitternacht bei einem privaten Konzert in der 'Melbourne Lodge der Theosophischen Gesellschaft' live aufgenommen. 'David Thrussell' versteht das Album als Ritualmusik, entstanden durch rituelle Praxis und bestimmt für deren Ausübung. Inhaltlich geht es um einen sterbenden und wiedergeborenen Kosmos, um Opfer, Zerstörung und Erneuerung. Das klingt zunächst nach einem eher anstrengenden Sonntagabendprogramm, ist musikalisch aber von beinahe hypnotischer Schönheit. 'The Reign Of Dead Matter' ist still, unheimlich und sphärisch – aber niemals harmlos. Tiefe elektronische Flächen breiten sich langsam aus, entferntes Dröhnen wandert durch den Raum und kaum greifbare Geräusche erscheinen und verschwinden wieder. Die Musik wirkt reduziert, besitzt aber erstaunlich viel Tiefe. Unter ihrer ruhigen Oberfläche ist ständig Bewegung. Frequenzen verschieben sich, Räume scheinen größer zu werden und aus dem Hintergrund treten neue Strukturen hervor, die kurz darauf wieder in der Dunkelheit versinken.

Dabei entwickelt das Album eine enorme Spannung, ohne sich der üblichen Mittel zu bedienen. Es gibt weder einen dominanten Rhythmus noch eingängige Melodien oder dramatische Höhepunkte, die mit Blaulicht um Aufmerksamkeit bitten. Stattdessen arbeitet 'David Thrussell' mit Verdichtung, Nachhall und Erwartung. Man hat permanent das Gefühl, dass gleich etwas geschehen könnte. Meist geschieht nichts Spektakuläres – und dennoch hört man immer konzentrierter hin. Das ist eine Kunst, die weit schwieriger ist, als ein paar finstere Flächen übereinanderzulegen und anschließend eine schwarze Kerze daneben zu stellen. Gerade diese Mischung aus Ruhe und unterschwelliger Bedrohung empfinde ich als großartig. Das Album beruhigt nicht, weil es Behaglichkeit erzeugt, sondern weil es die kleinen Aufregungen des Alltags plötzlich lächerlich erscheinen lässt. Wer akustisch gerade den langsamen Zusammenbruch der materiellen Welt verfolgt, regt sich deutlich weniger darüber auf, dass jemand auf eine E-Mail seit vier Tagen nicht geantwortet hat. 'The Reign Of Dead Matter' senkt den Puls, während es gleichzeitig im Kopf Türen öffnet, die man vorsichtshalber nie wieder schließen sollte.

Die Musik ist übrigens still in ihrer Bewegung, nicht zwangsläufig in ihrer Lautstärke. Sie wurde ausdrücklich dafür geschaffen, laut in den „Kathedralen der Natur“, in alten Wäldern und verborgenen Tälern zu erklingen. Das ergibt durchaus Sinn: Leise über Kopfhörer entfaltet das Album eine intime, beinahe meditative Wirkung; laut gehört werden seine tiefen Frequenzen körperlich und verwandeln den Raum. Dann hört man 'The Reign Of Dead Matter' nicht mehr nur – man befindet sich darin. Die Liveentstehung ist dabei kaum als klassische Konzertaufnahme erkennbar. Alles klingt kontrolliert, räumlich und bemerkenswert detailreich. Das von 'Stefan Alt' gestaltete Artwork vervollständigt diesen Eindruck. Seine abstrakte, organisch wirkende Dunkelheit sieht aus, als habe tote Materie tatsächlich beschlossen, eine eigene Lebensform zu entwickeln. Damit schließt sich der Kreis zum Titel: Was hier regiert, ist nicht einfach das Leblose. Es ist Materie im Übergang – etwas, das zerfällt, sich neu ordnet und dabei Formen annimmt, für die der menschliche Verstand möglicherweise keine passende Bedienungsanleitung besitzt.

'The Reign Of Dead Matter' ist ein stilles, finsteres und außergewöhnlich packendes Album. 'David Thrussell' benötigt weder Stimme noch Beat oder erkennbare Songstrukturen, um eine intensive Klangwelt zu erschaffen. Für mich gehört es zu jenen seltenen Ambient-Veröffentlichungen, die gleichzeitig beruhigen, beunruhigen und vollkommen gefangen nehmen. Man kann dazu meditieren, nachdenken oder einfach für knapp 37 Minuten dabei zusehen, wie sich das Universum akustisch auflöst und anschließend in leicht veränderter Form wieder zusammensetzt. Wer Gesang, deutliche Rhythmen und schnell erkennbare Melodien erwartet, dürfte sich hier fühlen wie ein Tanzgast, der versehentlich auf einer spiritistischen Sitzung gelandet ist. Freunde von Dark Ambient, abstrakter Elektronik und rituellen Klanglandschaften sollten dagegen unbedingt hineinhören. Mein Blutdruck war danach jedenfalls erfreulich unauffällig. Ob das an 'David Thrussell', den Medikamenten oder der Erkenntnis lag, dass tote Materie irgendwann ohnehin alles übernimmt, muss die Wissenschaft noch klären.

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