Das Faszinosum Depeche Mode lässt sich vor allem an zwei Komponenten festmachen. Da ist zum einen das unkonventionelle und intelligente Songwriting von Martin Gore, der, als Vince Clarke nach dem Debüt "Speak & Spell" die Band verließ, um unschuldigen Electro-Pop mit Yazoo und vor allem Erasure weiterzudenken, menschliche Abgründe in wunderbare Melodien und poetische Texte zu verwandeln verstand und damit die heute typische Außenwirkung von Depeche Mode nachhaltig prägte. Und dann ist da zum anderen Dave Gahan, der mit seinem wuchtigen Bariton den Zeilen von Gore erst Tiefe und Authentizität verleiht. Wie sehr beide Künstler auch voneinander abhängig sind, erkennt man, wenn man sich die Soloaktivitäten von Martin und Dave betrachtet, die bei Weitem nie den gleichen breiten Zuspruch erhielten wie bei ihrem Hauptprojekt, wenngleich die Alleingänge für die Männer von essentieller Wichtigkeit waren, um weiter Depeche Mode am Leben erhalten zu können.

Allerdings hat sich Daves Organ in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Aus der dunklen Stimmlage steigt er immer öfters in verklärte Höhen, was man bereits in der Zusammenarbeit mit den Soulsavers ab den frühen 2010ern beobachtet konnte. Die letzten DM-Alben haben deshalb auch etwas Pastorales an sich, was vielleicht nicht mehr jeder goutiert. Auf "The Depeche Mode Voice", einer Ansammlung nicht näher datierter Live-Mitschnitte von 2003 - als Gahan solo unterwegs war - ist sein donnerndes Timbre aber noch gut erkennbar.

Wenn nun allerdings eine Veröffentlichung schon vollmundig von der Stimme Depeche Modes schwadroniert und damit natürlich Erwartungen schürt, muss auch auf einem gewissen Level abgeliefert werden. In diesem Fall ist aber diese Zusammenstellung aus seinen eigenen Songs wie beispielsweise "Dirty Sticky Floor" und Klassikern aus dem Portfolio seiner Hauptband nur knapp einer Totalkatastrophe entkommen. Man weiß ehrlich gesagt nicht, wo man anfangen soll.

Zum einen stößt die mehr als dürftige Abmischung der Songs, bei denen Gesang und Musik völlig unausbalanciert sind, extrem sauer auf. Die Lieder klingen so, als seien sie von einer mittelmäßigen Anlage aufgenommen und ohne weitere Bearbeitung auf den Tonträger gepresst worden. Mal wirkt der Sound (und vor allem das Schlagzeug) übersteuert, sodass Dave im Soundbrei versumpft, an anderer Stelle ist sein Organ derart vorgeschoben, dass die Musik seltsam weit weg ist. Das macht einen Song wie "Personal Jesus", der auch vom markanten Zusammenspiel aus Gitarre und Beat lebt, zu einem Ärgernis, weil der ganze Zauber durch die schluderige Aufnahme komplett verloren geht. Zudem werden die Nummern am Ende hektisch ausgeblendet, was den amateurhaften Eindruck dieses ganzen Unterfangens nur noch verstärkt.

Dass diese Mitschnitte seit mehr als 20 Jahren unter Verschluss gehalten wurden, hatte vielleicht auch seine Gründe. Denn mit Sicherheit ist dies nicht gerade Daves beste Performance (ganz schlimm: "Never Let  Me Down Again", bei dem der Sänger den Song mehr quäkt als intoniert). Dazu wirkt die restliche Band wie deplatziert; sie schafft es nicht, das besondere Moment der, eigentlich, großartgien Stücke herauszuarbeiten. Zudem sind die Zweitstimmen, die wohl Gores Gesangspart übernahmen, hart an der Schmerzgrenze.

Es entzieht sich der Erkenntnis, inwieweit Dave sein "okay" für "The Depeche Mode Voice" geben musste. Wen dem so gewesen ist, hätte er es besser nicht getan: Aufnahmen in einer Qualität, die manch Bootleg oder Demoversion sogar noch unterbietet, dazu ein Sänger, der teilweise übertrieben oft ins Mikro schreit und eine Band, die scheinbar mit dem Material der vielleicht größten Synthie-Pop-Band der Welt fremdelt. Macht unter dem Strich ein, gemessen an den Ansprüchen dieses Sängers, inakzeptables Werk. Oder um Herbert Grönemeyer zu zitieren: ""Was soll das?".