Das Ich - Cabaret

Das Ich - Cabaret

Ein 'Cabaret' verspricht Unterhaltung. Bei 'Das Ich' sollte man vorsichtshalber nicht mit einem leichten Abend rechnen. Mit 'Fanal' haben wir vor einiger Zeit den späten Neubeginn der Band bereits besprochen. Nach dem Tod von 'Bruno Kramm' holen wir nun den Rückblick auf 'Cabaret' nach: Das Album erschien schon im Jahr 2006 und war damit das letzte reguläre Studioalbum vor der langen Pause. 2008 kam noch die EP 'Kannibale', doch erst im Jahr 2025 folgte eben mit dem schon angesprochenen 'Fanal' wieder ein neues Studioalbum. 'Cabaret' zeigt damit eine wichtige Etappe in der gemeinsamen Arbeit von 'Kramm' und Sänger 'Stefan Ackermann'.

Aber drehen wir die Zeitmaschine ausgegebenem Anlass zuerst nochmal ein paar Jahre zurück. 'Das Ich' gründeten 'Bruno Kramm' und 'Stefan Ackermann' 1989 in Bayreuth. Mit ihrer Verbindung aus Elektronik, Industrial, klassischen Klangfarben und expressionistischem Gesang prägten sie damals die 'Neue Deutsche Todeskunst'. Mit Kramms plötzlichen Tod verliert 'Das Ich' seinen Komponisten, Produzenten und die prägende zweite Hälfte des Duos. Sein Einfluss reichte weit über die Band hinaus: Mit dem Label 'Danse Macabre' schuf er eine Plattform, auf der frühe Vertreter der 'Neuen Deutschen Todeskunst' wie 'Goethes Erben', 'Relatives Menschsein' und 'Endraum' veröffentlicht wurden. Was aus 'Das Ich' nach dem Tod von Kramm wird, lässt sich derzeit nicht beantworten.

Zurück zum Album. Auf 'Cabaret' verlegt das Duo seine düsteren Geschichten in ein imaginäres Marionettentheater. Dahinter stehen Fragen nach Wirklichkeit, Wahn und menschlichem Versagen – große Themen, die 'Das Ich' mit dem nötigen Ernst behandelt, aber glücklicherweise nicht mit musikalischer Steifheit verwechselt. Im Vergleich zum konzeptionellen Doppelalbum 'Lava' wirkt 'Cabaret' wieder stärker auf den eigenen Kern fokussiert. Die elektronischen Rhythmen tragen viele Stücke nach vorn, während Harmonium, Akkordeon und weitere organische Klänge den synthetischen Sound aufbrechen. Daraus entsteht ein Wechsel aus Clubpuls, Klangcollagen und dramatischen Steigerungen. Auch stimmlich erweitert das Album den bekannten 'Das Ich'-Sound: 'Stefan Ackermann' löst sich stellenweise vom monotonen Sprechgesang früherer Werke und setzt stärker auf melodische Linien. 'Bruno Kramm' tritt als Duettpartner hinzu; die Gaststimme von 'Marianne Iser' bringt eine weitere Farbe in dieses Wechselspiel.

Mir persönlich gefällt an 'Cabaret' besonders, dass das Album trotz seiner großen Gesten nicht in einer einzigen düsteren Pose erstarrt. Zugängliche, rhythmische Passagen stehen neben Momenten, in denen die Musik bewusst die klare Songform verlässt. Das hält die Platte in Bewegung und macht sie abwechslungsreicher, als der ernste Titel zunächst vermuten lässt. Als Anspieltipp eignet sich 'Opferzeit': Der radikal minimalistische Tanzbrecher setzt auf einen markanten Rhythmus und zeigt, wie wirkungsvoll 'Das Ich' selbst mit vergleichsweise reduzierten Mitteln Spannung erzeugen kann.

Ganz frei von Übertreibungen ist 'Cabaret' allerdings dann doch wieder nicht. Mitunter drängen Stimme, Klangschichten und dramatische Arrangements gleichzeitig nach vorn. Dann wirkt die Inszenierung für mein Empfinden etwas zu dicht, und der Wechsel zwischen Eingängigkeit und Experiment bremst den Albumfluss. Für mich sind das eher die Schattenseiten eines bewusst üppigen Ansatzes als echte Ausfälle – aber sie verhindern, dass die Platte durchgehend dieselbe Sogwirkung entfaltet.

Fazit: 'Cabaret' ist für mich damit ein eigenständiges, vielseitiges Album und ein starker Beleg dafür, wie 'Das Ich' im Jahr 2006 den eigenen Gothic-Industrial-Sound erweitert hat. Es zeigt 'Bruno Kramm' nicht nur als Komponisten und Klangarchitekten, sondern auch als Stimme innerhalb des Duos. Besonders lohnt es sich für alle, die dramatischen Gesang, elektronische Härte und akustische Klangfarben zusammen hören möchten. Als Rückblick nach 'Fanal' ist 'Cabaret' mehr als eine Pflichtstation in der Diskografie: Es hält eine markante Phase der Band fest – und lässt Kramms musikalische Handschrift noch einmal deutlich hervortreten.

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