Haus Arafna/Karl Runau - Mangfall

Haus Arafna/Karl Runau - Mangfall

Ich habe mir im Jahr 2026 tatsächlich noch einmal eine Musikkassette gekauft. Nein, kein nostalgisches Mixtape und keine Wiederveröffentlichung eines Albums, das früher zwischen Liebeskummer und pubertärer Weltschwere im Walkman festhing, sondern 'Mangfall' von 'Haus Arafna' und 'Karl Runau': eine schwarze C18-Kassette mit knapp 18 Minuten Spielzeit, limitiert auf 200 Exemplare, offiziell für den 14. August 2026 angekündigt und beim Label Galakthorrö bereits ausverkauft. Nun, wobei „Musik“ hier eine ausgesprochen großzügige Bezeichnung für das ist, was auf diesem Magnetband lauert. 'Haus Arafna' gehören bekannterweise seit Jahrzehnten zu den kompromisslosesten deutschen Vertretern von Power Electronics und düsterem Industrial. Das Projekt 'Karl Runau' stammt aus demselben frühen Umfeld des Labels 'Galakthorrö' und steht für eine experimentelle Klangwelt, in der Schönheit allenfalls vorkommt, wenn sie vorher gründlich beschädigt wurde. Die Verbindung beider Projekte reicht weit zurück: Bereits 1995 teilten sie sich die handnummerierte Split-7-Inch 'Take One Get Two'. Dass nun sogar eine noch ältere gemeinsame Session aus dem Jahr 1994 erstmals veröffentlicht wird, ist daher weit mehr als eine skurrile Archivnotiz. 'Mangfall' ist eine akustische Zeitkapsel aus der Entstehungsphase dieses eigensinnigen Kosmos.

Die Kassette kam an, ich betrachtete das streng reduzierte Design und fühlte mich kurz wie der Besitzer eines geheimen Beweisstücks aus einem seit 32 Jahren ungelösten Kellerfall. Dann stellte sich allerdings eine ganz praktische Frage: Worauf höre ich das Ding überhaupt an? Einen Kassettenrekorder besitze ich schon lange nicht mehr. Die Geräte, auf denen ich früher Mixtapes aufnahm und Bands kopierte, von denen außerhalb der Szene vermutlich nicht einmal deren Eltern gehört hatten, sind längst verschwunden. Für dieses finstere Tondokument blieb also deshalb nur noch der rosa 'Lillifee'-Kassettenrekorder meiner Tochter. Ein Gerät, das vermutlich für Kinderhörspiele, Feenlieder und Prinzessinnen mit tadellosem Sozialverhalten gebaut wurde, musste plötzlich Schreie, Rückkopplungen und kreischendes Metall wiedergeben. Rosa Kunststoff trifft analogen Industrial-Lärm – mehr kulturelle Verständigung gab es 2026 bislang nicht. Klappe auf, Kassette hinein, Play gedrückt. Kurz rauscht es, dann beginnt das akustische Unheil. Der Rekorder hat die knapp 18 Minuten tapfer überstanden, wirkt seitdem aber gefühlt verändert. Kinderlieder spielt er vermutlich weiterhin. Ich bilde mir nur ein, dass die Prinzessinnen inzwischen angespannter klingen und das Märchenschloss einen auffällig feuchten Keller besitzt.

Genau dort entstand 'Mangfall' 1994: im Keller des Elternhauses von 'Karl Runau'. Während andere junge Menschen damals eine sturmfreie Bude für Alkohol, Partys und zwischenmenschliche Fehlentscheidungen nutzten, bauten die Beteiligten vermutlich mannshohe Metallkonstruktionen, spannten Drähte hinein und erzeugten Geräusche, bei denen vermutlich selbst die Wasserleitungen um eine ruhigere Nachbarschaft baten. Die drei Stücke der Session wurden innerhalb eines Tages live auf einem Vierspurgerät festgehalten. Für die jetzige Veröffentlichung blieb das Material unbearbeitet. Musikalisch klingt 'Mangfall' auch 32 Jahre später ... sagen wir mal fiebrig, verwundet und psychisch ausgesprochen instabil. Metall ächzt, Drähte scheppern, Rückkopplungen schneiden durch den Raum und analoge Elektronik erzeugt ein dumpfes, bedrohliches Dröhnen. Geräuschschleifen verschieben sich gegeneinander, Frequenzen kreischen und Maschinenlaute entwickeln ein seltsames Eigenleben. Es wirkt, als versuche eine seit Jahrzehnten stillgelegte Fabrik, sich selbst wieder einzuschalten – und als sei sie über den langen Stromausfall ausgesprochen ungehalten.

Nur in einem der drei Stücke bricht der trocken und nahezu ungeschützt aufgenommene Schreigesang von 'Mr. Arafna' hervor. Die Stimme steht nicht sauber über dem Lärm, sondern steckt mitten darin fest, wird von den Geräuschen bedrängt, verschluckt und wieder ausgespuckt. Das ist weniger Gesang als ein psychischer Ausnahmezustand mit Mikrofonanschluss. Jemand scheint aus einem verschlossenen Versorgungsschacht zu melden, dass dort unten etwas lebt – und inzwischen herausgefunden hat, wie sich die Tür öffnen lässt. Was mich an 'Mangfall' dann auch besonders begeistert, ist die enorme körperliche Wirkung. Das Metall dient nicht als dekoratives Industrial-Klischee, sondern als tatsächliche Klangquelle. Man hört seine Spannung, seine Oberfläche und seinen Widerstand. Der enge, übersteuerte Vierspurklang presst alles zusammen und erzeugt eine beklemmende Nähe. Selbst aus dem rosa Kinderrekorder heraus fühlt es sich an, als säße man zwischen den Konstruktionen auf kaltem Beton, während irgendwo eine Sicherung verdächtig knistert. Trotzdem ist das kein wahllos konservierter Krach. Hinter der scheinbaren Unordnung steckt ein erstaunliches Gespür für Spannung, Verdichtung und Pausen. Geräusche wiederholen sich, verändern ihre Position und bauen Druck auf, der sich nie in einem vertrauten Rhythmus oder einer erlösenden Melodie entlädt. Die Session bleibt improvisiert und unberechenbar genug, um gefährlich zu wirken, besitzt aber ausreichend Struktur, um nicht in bedeutungslosem Lärm zu versinken. Der Wahnsinn hat hier keinen Fahrplan, kennt jedoch ziemlich genau die Richtung.

In den Aufnahmen hallen bereits jene Klangwelten wider, die 'Blut' von 'Haus Arafna' und 'Osmose' von 'Karl Runau' prägen. Man hört keine heutige Rekonstruktion der frühen Neunziger und keinen nostalgischen Versuch, die eigene Jugend nachzustellen. Man hört diese Zeit selbst: mit technischen Begrenzungen, jugendlicher Maßlosigkeit und einer erfrischend vollständigen Gleichgültigkeit gegenüber gutem Geschmack. Gerade diese Authentizität verleiht 'Mangfall' seine historische Bedeutung und einen Reiz, der sich mit moderner Studiotechnik zwar nachbauen, aber kaum glaubwürdig vortäuschen ließe. Auch das Kassettenformat passt hervorragend. Grundrauschen, mechanisches Klicken und das notwendige Umdrehen des Bandes gehören hier zum Erlebnis. Die auf 200 Exemplare begrenzte Veröffentlichung wirkt in dieser Form vollkommen konsequent. Eine digitale Datei wäre zweifellos praktischer. Aber eine solche Session erstmals per Mausklick zu hören, hätte ungefähr den Charme einer Führung durch eine Folterkammer per Videokonferenz.

Die Gestaltung führt diesen Gedanken fort. Die Fotografien der 'Mangfallbrücke' und ihre Verbindung zu 'Jörg Buttgereits' experimentellem Film 'Der Todesking' liefern die passende visuelle Entsprechung: grauer Beton, Leere und beklemmende Sachlichkeit. Aufnahme, Medium, Gestaltung und Geschichte greifen ineinander. 'Mangfall' ist deshalb nicht bloß altes Material, das nach drei Jahrzehnten aus einem Archiv gefallen ist, sondern eine bemerkenswert konsequente Veröffentlichung. Natürlich bleiben 14,50 Euro für drei Stücke und knapp 18 Minuten eine spezielle Anschaffung. 'Mangfall' besitzt mehr dokumentarische Wucht als musikalische Entwicklung und dürfte selbst manchen Industrial-Hörer an seine Belastungsgrenze führen. Gerade die kurze Spielzeit empfinde ich jedoch als Stärke. Nichts wird mit belanglosem Zusatzmaterial gestreckt oder zum historischen Großereignis aufgeblasen. Die Session kommt, richtet zuverlässig Unheil an und verschwindet wieder. Mehr braucht sie nicht.

Einen sehr persönlichen Nebeneffekt hat diese Zeitreise ebenfalls: 1994 war ich ungefähr 20 Jahre alt und in vielen damals relevanten 'Szeneclubs' unterwegs, unter anderem im 'Ballroom' in Esterhofen. Falls 'Karl Runau' tatsächlich aus dem Münchner Umfeld stammt, könnten wir uns damals durchaus begegnet sein – vermutlich schweigend an irgendeiner Bar und mit jener sorgfältig gepflegten Gruftmiene, die jede spätere Wiedererkennung zuverlässig verhindert. Sollte er diesen Review lesen, darf er sich daher gerne melden. Vielleicht klären wir dann, ob wir uns kannten, uns lediglich professionell ignorierten oder schlicht aneinander vorbeiliefen. Die damaligen Frisuren dürften als Fahndungsfoto heute allerdings nur noch eingeschränkt brauchbar sein. :-)

Also, 'Mangfall' ist wirklich eine akustische Zeitkapsel, ein historisches Dokument und auch ein kleines physisches Ritual. Die rohe Vierspuraufnahme, das Zusammenspiel aus Metall, analoger Elektronik und Schreigesang sowie die konsequente Gestaltung ergeben ein geschlossenes Werk, das in knapp 18 Minuten mehr Unbehagen und Atmosphäre erzeugt als manches sorgfältig produzierte Doppelalbum. Mich begeistert dieses Release, weil hier nichts vorgetäuscht, geglättet oder nostalgisch verklärt wird. 'Mangfall' ist roh, klaustrophobisch, unbequem und vollkommen kompromisslos. Dass eine derart abweisende Aufnahme auch nach 32 Jahren eine solche Sogwirkung entfaltet, ist für mich ihre größte Stärke. Wer Melodien, Tanzbarkeit oder wenigstens eine freundliche Begrüßung erwartet, sollte Abstand halten – möglichst mehrere Kellerräume weit. Wer frühe Power Electronics, analogen Industrial und radikale Geräuschkunst liebt, bekommt dagegen ein kurzes, aber außerordentlich intensives Dokument aus einer Zeit, in der solche Musik noch nicht retro oder kultig war, sondern einfach vollkommen krank. Die Kassette steht nun in meiner Sammlung, und darauf bin ich tatsächlich ein wenig stolz. Der rosa 'Lillifee'-Rekorder befindet sich inzwischen wieder im Kinderzimmer. Zumindest körperlich. Seelisch dürfte er noch eine Weile im Keller von 'Karl Runau' festsitzen.

Haus Arafna/Karl Runau - Mangfall
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