Was. Für. Ein. Opener! "Children Of Violence" beginnt mit einer behäbigen Rhythmuspartitur, zu denen sich schrammelige Gitarren dazugesellen und eine grundsolide Spannung aufbauen. Erwartbar wäre nun ein riffinduzierter Metal-Sound. Doch weit gefehlt. Mastermind Andy LaPlegua packt die Computer aus und lässt einen fetten Beat aus dem digitalen Sack. Kurzerhand wird das Stück zu einer veritablen Clubnummer umgefruchtet, die Andys schelmenhaftes Musikverständnis offenlegt.

Denn der Mann hat in seiner dekadenumspannenden Karriere schon alles ausprobiert: Vom ohrenschmeichelnden Future Pop mit seiner ersten Band Icon Of Coil, über stramme Techno-Bretter, die er unter dem Moniker DJ Scandy veröffentlichte, bis hin zum Aggrotech aus der Frühphase von Combichrist, als Andy noch alleinige Sache machte. Mittlerweile ist aus dem angedachten Studio-Projekt eine amtliche Fünferbande geworden, der Sound dementsprechend wesentlich organischer und metallischer. Das Faible für packende Songs hat sich dabei nicht geändert, es ist nur anders arrangiert. "Only Death Is Immortal", der mit seinem Kreuzüber aus Elektronik und Metal an Die Krupps erinnert, ist dabei über jeden kompositorischen Zweifel erhaben. Das Stück hätte als reine Gitarrennummer wie auch als Electro-Track mit ordentlich Gehämmer funktioniert.

LaPlegua waren Genregrenzen schon immer suspekt - oder zumindest egal. Doch so freigeistig und allumfassend hat sich der Norweger selten gegeben. In Stücken wie "Compliance" schimmern die Anfangstage von Combichrist noch durch. Der schleppende Rhythmus, die bedrohlichen Sequenzen, Andys fieser Gesang: Besonders Verfechter der Frühphase des Projekts werden voll auf ihre Kosten kommen.

Nur, um im nachfolgenden "Northern Path" mit Akustikgitarre im Schlepptau und einem cleanen, schonungslos offenherzigen Gesang, dem man sogar einige unsaubere Töne verzeiht, eine ganz neue, verletzliche Seite zu präsentieren. Auch wenn der Tenor dieser Platte wieder einmal ein düsterer ist, die Themen überwiegend selbst- und gesellschaftskritisch sind, wird man besonders auf musikalischer Seite immer wieder angenehm überrascht. Das können auch nur ganz kleine Versatzstücke sein, wie der schäbige Keyboard-Rhythmus, welcher in "Sonic Witch" nur einen Takt lang existiert, ehe wieder schwermetallisch gegniedelt wird.

So jonglieren Combichrist sehr gekonnt mit verschiedenen Einflüssen und schaffen es, mit jedem neuen Stück eine andere Facette ihres Könnens von sich Preis zu geben. Mastermind Andy selbst hat in einem Interview gesagt, dass er sich nicht selbst kopieren will. Das merkt man der neuesten Platte an. Die Zeiten als reiner Aggrotech-Act sind schon lange vorbei, die Synthesizer sind aber nicht verschwunden und finden sich beispielsweise in "Violence Solves Everything (Part 2)" in Form von elektronischer Gesangsverfremdung, sodass ein Teil der Lyrics klingen, als ob sie von einem melancholischer Roboter vorgetragen werden.

Doch von den stilistischen Freiheiten, die sich die Band mittlerweile herausnimmt, mal ganz abgesehen: "CMBCRST" ist in erster Linie eine Lektion in kreativer Energieveräußerung. Die Stücke bestechen durch eine massive Kraft, unabhängig davon, ob die Lieder in schnellem oder langsamem Tempo kredenzt werden. Vielleicht haben Andy und seine Mitstreiter das Album auch deswegen (quasi) selbstbetitelt. Es scheint wohl so konkret wie noch nie die musikalische Philosophie des Fünfergespanns einzufangen.