‘Clan Of Xymox’ waren nie wirklich meine Band – mit einer großen Ausnahme: ‘Medusa’. Dieses Album gehört für mich zu den schönsten Waveplatten überhaupt. Zum vierzigsten Geburtstag holen wir es deshalb für unseren Wochenend-Rückblick aus dem Regal. Die Fanclub-Mitgliedschaft darf weiterhin jemand anderes übernehmen; für diese Platte mache ich trotzdem gern das Licht etwas dunkler. Das Feingefühl der Band für Melodien, die schwebenden Keyboardflächen und die sehnsüchtige Atmosphäre haben bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren.

Das zweite Studioalbum erschien am 1. November 1986 bei 4AD und ist damit vergangenen Sonntag vierzig geworden. Seine Vorgeschichte führt in die frühen Achtziger, als die Niederländer noch unter dem Namen ‘Xymox’ arbeiteten. Bereits 1983 hatten sie ‘Subsequent Pleasures’ in Eigenregie veröffentlicht. ‘Brendan Perry’ von ‘Dead Can Dance’ vermittelte dann den entscheidenden Kontakt zu 4AD-Chef ‘Ivo Watts-Russell’, und 1985 folgte das selbstbetitelte Album ‘Clan Of Xymox’. Für ihre Verbindung aus Elektronik, Gitarren und dunkler Verträumtheit war das Label ein passendes Zuhause. Im Umfeld von ‘Cocteau Twins’ und ‘Dead Can Dance’ musste dafür niemand eine neue Abteilung einrichten.

Auf ‘Medusa’ liegt der musikalische Schwerpunkt auf Dark Wave, dessen elektronische Basis sich mit Post-Punk-Gitarren und der melodischen Zugänglichkeit von Synthpop verbindet. Programmierte Rhythmen geben Halt, markante Bassfiguren sorgen für Bewegung. Darüber breiten sich weite Synthesizerflächen aus, während Gitarren schimmernde Konturen zeichnen oder deutlicher hervortreten. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Die Elektronik hält den Puls gleichmäßig, doch die Melodien darüber wirken suchend und verletzlich. Diese Spannung zwischen Kontrolle und Sehnsucht gehört zu den großen Qualitäten des Albums.

Dass diese Musik verschiedene Richtungen zusammenführt, passt zur damaligen Besetzung. Neben ‘Ronny Moorings’ prägten ‘Anka Wolbert’ und ‘Pieter Nooten’ ihren Charakter. ‘Nooten’ beschrieb später seine Begeisterung für zeitgenössische Klassik und experimentellen Pop, etwa von ‘Tuxedomoon’, ‘Kate Bush’ und ‘This Heat’. Er wollte die Musik weiter öffnen; nach seiner Erinnerung zog es ‘Moorings’ stärker zur Eingängigkeit. Das ist eine persönliche Rückschau, erklärt aber einen wesentlichen Reiz: ‘Medusa’ besitzt klare melodische Anker und lässt sich zugleich auf Formen jenseits gewohnter Popsong-Abläufe ein. Die unterschiedlichen Vorstellungen haben hier hörbar Platz.

Wie bewusst an dieser Balance gearbeitet wurde, zeigt die Entstehungsgeschichte. ‘Moorings’ erzählte 2021, dass ‘Watts-Russell’ zunächst Vorbehalte gegen die Richtung des Albums hatte. Daraufhin überarbeitete er Teile des Materials in Amsterdam. Beim anschließenden Mix mit ‘John Fryer’ in London wurden Melodien prägnanter gefasst, Arrangements verändert und in einer Instrumentalpassage die Drums weggelassen. Laut ‘Moorings’ geschah das im Austausch bei gewahrter künstlerischer Freiheit. Die Geschlossenheit dieser Platte war also keineswegs von Anfang an selbstverständlich. Sie entstand durch Arbeit, Zweifel und die Bereitschaft, gute Ideen noch einmal anzufassen.

Bemerkenswert ist, wie wenig die Band auf brachiale Wirkung angewiesen ist. Intensität entsteht durch wiederkehrende Motive, Überlagerungen und den allmählichen Ausbau der Arrangements. Die Instrumentalpassagen lassen Stimmungen nachwirken und lenken die Aufmerksamkeit auf die Klangfarben. Über die zehn Stücke des ursprünglichen Albums hinweg ergibt sich so ein Zusammenhang, der weit über eine Sammlung potenzieller Clubnummern hinausgeht. Das Album lässt seinen Ideen Raum, bleibt durch seine Melodien aber zugänglich. Man muss für den Eintritt keine Prüfung in angewandter Schwermut ablegen.

Besonders mag ich den melancholischen Gesang. ‘Moorings’ erinnert mich mit seiner dunklen, etwas entrückten Art stellenweise an ‘Ian Curtis’. Seine Stimme fügt sich in die Keyboards ein und gibt der Musik eine menschliche Verletzlichkeit; die zusätzlichen Gesangsfarben von ‘Wolbert’ und ‘Nooten’ erweitern das Spektrum. Thematisch geht es um Liebe, Entfernung und emotionale Verstrickungen. Der Rhythmus zieht vorwärts, während die Stimmung festzuhängen scheint. Gerade diese Verbindung aus Bewegung und Melancholie macht einen wesentlichen Teil des Reizes aus.

Die atmosphärische Geschlossenheit setzt dem Album allerdings auch Grenzen. Wer große Stimmungswechsel sucht, bekommt hier überwiegend verschiedene Schattierungen von Melancholie. Drumcomputer, Hallräume und manche Synthesizerfarben verraten ihre Entstehungszeit. Mich stört das auf ‘Medusa’ wenig: Dieser Klang trägt wesentlich zu seinem Charakter bei.

Für einen ruhigen, gemütlichen Abend ist die Platte wunderbar geeignet, allein ebenso wie zu zweit. Die weiten Klangflächen und die schönen Melodien machen ihre Schwermut erstaunlich behaglich. Man darf es sich damit durchaus auf dem Sofa bequem machen; eine unbeheizte Gruft ist zum standesgemäßen Hören nicht erforderlich. Auch das liebevoll aufgemachte CD-Booklet gehört zum Vergnügen dazu. Es lohnt sich, das Album als Ganzes in die Hand zu nehmen und ihm einen Abend zu gönnen.

Meine Anspieltipps sind ‘Medusa’, ‘Louise’ und ‘Back Door’. Der Titelsong bündelt die traumverlorene Atmosphäre und die sehnsüchtige Grundstimmung besonders schön. ‘Louise’ macht mit seinem pulsierenden Unterbau und den einprägsamen Keyboardmelodien den Zugang leicht. Und ‘Back Door’ verdichtet seine Spannung bis zu jenem Schluss, an dem die Gitarre stärker übernimmt. Zusammen zeigen diese drei Stücke, wie wirkungsvoll die Band Melodie, Rhythmus und den allmählichen Aufbau ihrer Arrangements miteinander verbindet.

Wer ‘Clan Of Xymox’ kennenlernen möchte, dem lege ich ‘Medusa’ ausdrücklich ans Herz. Für mein Empfinden hat die Band dieses Album später nicht mehr übertroffen. Freunde von Wave, atmosphärischem Post-Punk und dunklem Synthpop finden hier einen wunderbaren Einstieg. Meine Band sind sie dadurch nicht geworden – ‘Medusa’ gehört für mich trotzdem zu den schönsten Platten dieses Genres.