Vor ziemlich genau zwanzig Jahren haben wir bei Medienkonverter die „Hand Of Blood“-EP von Bullet For My Valentine einmal gründlich durch den Fleischwolf gedreht. Das Urteil damals fiel… nun ja… sagen wir es diplomatisch: eher vernichtend aus. „Unbrauchbar“ lautete das abschließende Prädikat – ein Wort, das man nicht unbedingt jeden Tag unter eine neue Band schreibt. Rückblickend muss man sagen: Die Geschichte hatte offenbar andere Pläne. Denn nur kurze Zeit später erschien mit „The Poison“ eines der prägendsten Metalcore-Debüts der 2000er-Jahre. Bullet For My Valentine spielten plötzlich auf den großen Festivalbühnen dieser Welt, verkauften Millionen Tonträger und wurden für eine ganze Generation junger Metalbands zum stilprägenden Referenzpunkt. Währenddessen stand unsere alte Rezension im digitalen Archiv wie eine kleine Zeitkapsel aus einer Ära, in der man Nu-Metal-Nachzügler noch mit einer gewissen Skepsis betrachtete.
Und nun – zwanzig Jahre später – steht „Hand Of Blood“ wieder vor uns. Remastered, liebevoll neu verpackt und als Jubiläumsedition erneut in die Welt geschickt. Ein Release, das nicht nur die Bandgeschichte aufrollt, sondern auch ein Stück Metalcore-Frühgeschichte konserviert. Musikalisch hört man der EP natürlich sofort an, aus welcher Zeit sie stammt. Das typische Spannungsfeld zwischen aggressiven Metal-Riffs, melodischen Refrains und einem Songwriting, das bewusst auf Eingängigkeit setzt, wirkt heute fast wie ein Lehrbuchbeispiel für frühen 2000er-Metalcore. Die Gitarrenarbeit ist präzise, die Hooks sitzen, und Songs wie der Titeltrack „Hand Of Blood“ oder „4 Words (To Choke Upon)“ zeigen bereits deutlich, wohin die Reise der Band kurz darauf gehen sollte.
Gleichzeitig versteht man beim erneuten Hören durchaus, warum der damalige Review so bissig ausgefallen ist. Die EP balanciert ständig zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht das aggressive Geschrei der Strophen, auf der anderen Seite die überraschend melodischen Refrains, die fast schon radiotauglich wirken. Dieser Wechsel wirkt stellenweise etwas kalkuliert – als hätte man schon damals im Hinterkopf gehabt, dass Musikfernsehen und breite Metal-Audience leichter zu erreichen sind, wenn man zwischen Härte und Hymne geschickt pendelt. Doch was damals vielleicht wie ein Kompromiss klang, hat sich im Nachhinein als Erfolgsrezept erwiesen. Genau dieser Mix aus melodischem Metal, Metalcore-Aggression und eingängigen Refrains sollte Bullet For My Valentine kurz darauf zum internationalen Durchbruch verhelfen.
Auch die Songstrukturen verraten den Zeitgeist der frühen 2000er. Riffs werden schnell aufgebaut, ebenso schnell wieder fallen gelassen, damit die Songs kompakt und möglichst zugänglich bleiben. Aus heutiger Perspektive wirkt das manchmal etwas hektisch – gleichzeitig verleiht es der EP aber auch eine gewisse jugendliche Energie. Man hört hier eine Band, die unbedingt nach vorne will, die hungrig ist und ihre Songs mit einer fast überdrehten Intensität nach draußen schleudert. Genau das macht den Reiz dieser Veröffentlichung heute aus. „Hand Of Blood“ ist weniger ein perfektes Werk als vielmehr eine Momentaufnahme – eine Aufnahme aus der Phase, in der eine junge Band noch ihren endgültigen Stil sucht, dabei aber bereits genug Talent und Energie besitzt, um etwas Größeres anzudeuten. Und ja, auch wir müssen es zugeben: Mit zwanzig Jahren Abstand hört sich das Ganze deutlich weniger „unbrauchbar“ an, als unser damaliger Text vermuten ließ.
Vielleicht lag das daran, dass wir damals noch nicht wussten, welche Karriere Bullet For My Valentine bevorstand. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Metalcore im Jahr 2005 ohnehin ein Genre war, das von vielen Seiten skeptisch beäugt wurde. Oder – und das ist wohl die ehrlichste Erklärung – wir waren einfach ein kleines bisschen zu streng. Die Jubiläumsedition von „Hand Of Blood“ wirkt heute jedenfalls wie ein charmantes Zeitdokument aus einer Phase, in der Metalcore gerade begann, vom Underground in größere Hallen zu wachsen. Nicht jede Idee zündet, nicht jeder Song ist ein Klassiker – aber als historischer Baustein in der Entwicklung einer später sehr erfolgreichen Band funktioniert diese EP heute deutlich besser, als man es damals vielleicht wahrhaben wollte.
Oder anders gesagt: Manchmal braucht es eben zwanzig Jahre Abstand, um ein Urteil noch einmal neu zu hören. Und das ist vielleicht die schönste Ironie an dieser Wiederveröffentlichung.
Medienkonverter.de
Bullet For My Valentine - Hand Of Blood
Moon far away – Acou
Moon far away aus dem entlegenen russischen Örtchen Arkhangelsk warten 2026 mit ihrem offiziell 5ten Album auf und ich war ganz gespannt, als mich die Promo-Dateien erreichten. Das letzte Album, das ich hörte, war der Vorgänger 'Athanor Eurasia' und ich habe es in guter Erinnerung. Russische Folklore und Neofolk verschmolzen zu einer angenehmen, leicht verschrobenen Melange: Da höre ich gerne mal hin.