Wer etwas über 'Bolshevik Intervention' herausfinden möchte, sollte Zeit, Geduld und ein gewisses Interesse am russischen Bürgerkrieg mitbringen. Die Suchmaschine liefert bei diesem Namen bereitwillig Geschichtsunterricht, während sich die gesuchte Band erstaunlich bedeckt hält. Erst muss man nämlich durch die Revolution, dann darf man zur Musik. Das in Paris verortete Projekt hat mit 'L’Ère Du Plomb Fondu' allerdings schon einiges zu sagen. Auf Französisch wird deklamiert, gedrängt und kommandiert, bis selbst der heimische Lautstärkeregler kurz Haltung annimmt. Mich reizt besonders die Verbindung aus experimentellem Industrial, elektronischem Vorwärtsdrang und einer Groteske, bei der einem das Grinsen gelegentlich im Gesicht stehen bleibt.

Ganz ohne Spuren agiert die Formation allerdings nicht. Auf Bandcamp ist bereits 'Projet Prolétaire Immédiat' von September 2022 dokumentiert; außerdem taucht sie auf Tribute-Veröffentlichungen auf, etwa mit 'Follow' auf dem 'Gruntruck'-Tribut 'Inside Machine'. Die Credits des neuen Releases führen 'Tavarov Kostia', 'Tavarov Batistovopol' und 'Tavarov Drumov' auf. Die Zuständigkeiten reichen sinngemäß von Propaganda und Subversion über patriotische Hymnen und hämmerndes Blech bis zu martialischen Rhythmen und Werkstattleitung. Andere Bands nennen an dieser Stelle Gitarre, Bass und Schlagzeug. Hier bekommt man gleich den Geschäftsverteilungsplan eines ziemlich angespannten Industriebetriebs. Das am 1. November 2026 erschienene Digitalalbum umfasst sieben Stücke und knapp 25 Minuten. 'Magic RPM' beschrieb einen früheren Compilation-Beitrag Ende 2025 als beinahe parodistischen Industrial – ein interessanter Anhaltspunkt für meine Lesart dieser martialischen Selbstinszenierung als schwarzes Theater.

Musikalisch treffen Experimental und Industrial den Kern für mich am besten. Im Zentrum steht ein durchgehend französischer, leicht verzerrter Sprechgesang, der fast aggressiv und ausgesprochen missionierend wirkt. Die Worte werden mit Nachdruck ausgestoßen; ihre Schärfe bleibt auch dann spürbar, wenn man sprachlich den Anschluss verliert. Zusammen mit der Elektronik entsteht eine Spannung zwischen erzählendem Vortrag und körperlichem Druck. Gerade die Wiederholung verleiht den Ansagen Gewicht: Die Stimme setzt ihre Akzente, die Musik treibt sie weiter. Mich interessiert dabei besonders, wie dieser Befehlston mit den absurden Geschichten zusammenstößt. Man hört einer Figur zu, die offenbar jede Lage mit ausreichender Überzeugungskraft erklären könnte. Auch dann noch, wenn die Lage längst vollständig entgleist ist.

Schon die Titel eröffnen ein passendes Szenario. 'L’Ère Du Plomb Fondu', das Zeitalter des geschmolzenen Bleis, lässt mich an Gießerei und Waffenproduktion denken: Die verheißene Zukunft kommt offenbar mit erheblicher Verbrennungsgefahr. 'Bâtir Construire Souffrir' verbindet Errichten, Bauen und Leiden zu einer bitteren Arbeitsparole. Zwischen dem rennenden Amerikaner in 'Il Court L’Américain', dem Genossen 'Igor' und der möglicherweise auf Kapital anspielenden Wortschöpfung 'Kapytalskaya' entsteht für mich eine Welt aus Arbeit, Feindbildern und Kollektiv. Wie ernst diese Bilder gemeint sind, lässt sich für mich aus den Titeln allein nicht entscheiden.

Mein stärkster Anspieltipp ist der Abschluss 'La Tourbe Incandescente'. Der flotte Track zieht seine Wirkung aus einem intensiven, schnellen, monotonen Vorwärtsdrang. Hier gefällt mir gerade das Beharren: Der Rhythmus schiebt, die Wiederholung sitzt, das Stück geht direkt auf die Acht. Vier Minuten zweiunddreißig, in denen die Werkstattleitung offenbar persönlich die Drehzahl überwacht. Soweit sich der Text aus der mir vorliegenden Übersetzung erschließen lässt, geht es um Zerstörung und Wiederaufbau, gefallene Genossen und den erneuten Zusammenschluss gegen Imperialismus und Unterdrückung. Mich beschäftigt dabei der Gegensatz zwischen Zukunftsversprechen und Verlust. Der Titel bietet zusätzlich zwei Lesarten: glühender Torf oder, über die abwertende Bedeutung von „tourbe“, eine glühende Meute. Ob das beabsichtigt ist, bleibt offen; zur Vorstellung einer angeheizten Masse passt es jedenfalls ausgesprochen gut.

Der zweite Tipp heißt 'Valek'. Seine Melodie erinnert mich deutlich an 'Der Räuber Und Der Prinz' von 'DAF'; die Geschichte führt allerdings in eine andere, makabre Richtung. Soweit die französische Transkription trägt, wird ein gefallener junger Mann zum Gegenstand einer grotesken kulinarischen Erzählung. Verwesung, Käsevergleiche und Kochfantasien laufen ineinander, bis der Kamerad buchstäblich verspeist wird. Zum Schluss kündigt der Geruch des nächsten Genossen bereits eine mögliche Fortsetzung an. Das hat für mich die Qualität einer bösen Kriegsgroteske: Die Rede von Kameradschaft und Opferbereitschaft kippt in die vollständige Verwertung des Menschen. Die Pointe ist widerlich, aber gerade dadurch wirksam. Ein Song, nach dem man die Käseplatte kurz zurück in den Kühlschrank stellt.

Das Artwork übersetzt diese Welt überzeugend ins Bild. Vor einer grauen, rau wirkenden Fläche stehen uniformierte, skulpturenartige Gestalten mit Schirmmützen und roten Sternen. Ihre Gesichter und Körper erscheinen kantig, aufgebrochen und verwittert; kräftiges Rot liegt wie Farbe oder eine blutige Spur auf dem dunklen Material. Für mich sieht das nach einem beschädigten Heldendenkmal aus, dessen Pathos die eigene Zersetzung nicht mehr verdecken kann. Die strenge Reihung und der seitliche Schriftstreifen verstärken den Eindruck von Ordnung, während die zerklüfteten Figuren deren Zerfall zeigen. Eine passende visuelle Spannung zu den Stimmen, die weiterhin mit größter Überzeugung ihre Ansagen machen. Dieser Ansatz verlangt allerdings Freude an Wiederholung und kantigem Vortrag. Der durchgängige Befehlston bietet wenig Entgegenkommen für Hörer, die stimmliche Geschmeidigkeit suchen. Ohne Französischkenntnisse entgeht einem zudem ein Teil der erzählerischen Bosheit. Wer eingängige Refrains und einen freundlichen Empfang erwartet, dürfte sich spätestens nach der ersten Ansprache nach dem Ausgang umsehen.

Für Freunde von experimentellem Industrial, minimaler Elektronik und schwarzem Humor ist 'L’Ère Du Plomb Fondu' möglicherweise eine reizvolle Entdeckung. Besonders überzeugend wird es dort, wo der elektronische Zug und die verstörende Erzählung unmittelbar zusammenkommen. 'La Tourbe Incandescente' liefert den körperlichen Zugriff, 'Valek' die makabre Geschichte, die länger nacharbeitet. Die knappe Laufzeit bekommt diesem konzentrierten Auftritt gut. Über die Menschen hinter dem Projekt hätte ich anschließend gern mehr gewusst. Über das Abendessen von Genosse 'Valek' weiß ich dagegen bereits deutlich zu viel.