Wer schon mal im Electric Ballroom in London war, weiß: Dieser Laden hat mehr Geschichten aufgesogen als so mancher Streamingdienst Playlists. Ein bisschen rough, ein bisschen sticky, aber genau deshalb perfekt – hier fühlt sich Musik nicht nach Event an, sondern nach Erlebnis. Und genau in diesem Setting haben die Pet Shop Boys mit ihrer „Obscure“-Residency gezeigt, wie man große Popgeschichte mal komplett anders erzählt.
Schon draußen wird klar: Das hier ist kein Abend für „Ich kenn nur die Hits“. Gespräche kreisen um B-Seiten, um obskure Lieblingssongs, um genau diese Tracks, die man sonst maximal nachts allein mit Kopfhörern hört. Drinnen dann: dicht gedrängt, kein Platz, aber genau richtig. Es ist diese ganz spezielle Energie, die man nicht kaufen kann – selbst wenn man für die Tickets schnell genug war (Spoiler: waren die meisten nicht).
Den Auftakt übernimmt Princess Julia – und ehrlich: Allein dafür hätte sich der Abend schon gelohnt. Statt beliebigem Warm-up steht hier eine Frau an den Decks, die Londoner Clubkultur quasi mit erfunden hat. Blitz-Ära, „Fade to Grey“, Fashion-Ikone – und jetzt hier, im Electric Ballroom, komplett im Element. Ihr Set ist kein „Okay, wir warten mal auf die Band“, sondern ein kontrolliertes Hochfahren der Stimmung. Elegant, selbstbewusst, mit genau der richtigen Portion „Ich weiß, dass ich das hier seit 40 Jahren besser kann als die meisten“. Der Laden ist spätestens jetzt wach.
Dann wird es dunkel. Kurz Stille. Die Pet Shop Boys kommen an diesem Abend ohne große Show aus, nur mit dem Drummer 'Max Blunos', der wider Erwarten perfekt ergänzt, und der Unterstützung an den Keys und Vocals durch Clare Uchima, die schon bei den Dreamworld Shows dabei war. "Obscure" war das Motto. Und so bekommt man Songs zu hören, die man eigentlich nie bekommt. B-Seiten & Albumtracks der letzten 40 Jahre, vieles davon zum ersten mal live. Eine Zeitreise auch in die eigene musikalische Vergangenheit. An Sentimentalität nicht zu überbieten.
Im Publikum sind ausschließlich Fans. Und daher klappt die Show eben auch so. Ohne Hits. Beziehungsweise sind genau diese selten oder nie zuvor live performten Nummern die wahren Hits. Wie würde man sich so ein Konzept von anderen Bands mal wünschen, von Depeche Mode zum Beispiel. Aber dazu wird es wohl nie kommen. Neil Tennant ist bestens gelaunt und gesprächiger als je zuvor, er scherzt zwischen den Songs mit Chris Lowe oder holt den Gast des Abends auf die Bühne, Tags zuvor niemand Geringerer als Johnny Marr (!). Und Pedro Pascal im VIP Bereich.
Der brechend volle Ballroom singt textsicher mit, bei Liedern wie It couldn't happen here oder King's Cross kommen tiefe Emotionen ins Spiel. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug und sofern man sich im Vorfeld nicht spoilern ließ, jagt eine Überraschung die nächste. Jeden Tag werden einige Songs auf der Setlist getauscht, wir sind aber sehr zufrieden mit "unserer" Auswahl am Donnerstag.
Natürlich wird auch abseits der Bühne nichts dem Zufall überlassen: exklusives Merch in einer eigenen Boutique im ersten Stock, davon einiges in begrenzter Stückzahl und schneller weg ist als man „limited“ sagen kann. Und genau die Art von Andenken, die man später aus dem Schrank zieht und sagt: „Ja, das war dieser Abend.“ Das Set endet nach einem Zugabenblock mit einer ganz neuen Nummer, dem "Hit" des neuen PSB-Musicals NAKED: I dream of a better tomorrow.
Eigentlich passt die message nur bedingt, denn in diesem Moment träumt man von keinem tomorrow, man hat wahrscheinlich grade eines der Konzerthighlights ever miterleben dürfen und ist nur noch glücklich und demütig. Denn wer weiß, wie lange es sich die Herren Tennant und Lowe noch antun, live unterwegs zu sein. Eine zweite Obscure Reihe wird es wohl nicht mehr geben.
B-Seiten statt Best-of: Pet Shop Boys zelebrieren ihre ersten 40 Jahre im Electric Ballroom
'Freakangel' drehen auf: „Control EP“ markiert den Schlusspunkt
Manchmal reichen schon drei Tracks, um komplett abzutauchen. ‘Freakangel’ beweisen genau das mit ihrer frisch veröffentlichten „Control EP“ – kompakt, intensiv und ziemlich kompromisslos, ohne auch nur eine Sekunde zu viel zu verschwenden. Mit dem titelgebenden Opener „Control“, gefolgt von „Death Bloom“ und „Suicidal (Break The Cycle)“, verdichtet das estnische Electro-Industrial-Projekt seine düstere Erzählung zu einem finalen Dreiklang. Statt losem Songpaket gibt’s hier eine klar durchdachte Dramaturgie: vom langsamen, beklemmenden Einstieg über bittersüße Selbstzerlegung bis hin zum explos...