Wir sind im Jahr 2001: MP3s waren noch ein kleines Abenteuer, CDs wurden gebrannt wie Marshmallows am Lagerfeuer und irgendwo dazwischen tauchte ‘Failure’ von Assemblage 23 auf und dachte sich: „Wie wäre es mit ein bisschen Weltschmerz zum Mitnehmen?“ 25 Jahre später tragen wir keine gebrannten Rohlinge mehr in der Jackentasche, sondern komplette Diskografien auf dem Handy – aber dieses Album hat sich bei mir einfach mitgeschmuggelt. Ungefragt. Und erstaunlich hartnäckig!
Genau in diese Welt platzte ‘Failure’ – das Debütalbum eines damals noch ziemlich unbekannten Projekts rund um Tom Shear. Und „Projekt“ ist hier fast schon Understatement: Ein Typ, ein Rechner, ein ziemlich klares Gefühl dafür, wie sich Melancholie tanzbar machen lässt. DIY, bevor DIY wieder ein Buzzword wurde. Kein großes Marketing, kein TikTok-Hype, kein Algorithmus, der dir sagt: „Das gefällt dir bestimmt auch.“ Stattdessen lief das damals noch ganz anders: Man stand im Club an der Bar, tippte dem DJ auf die Schulter und fragte „Was war das gerade?!“ – oder bekam von irgendwem eine gebrannte CD mit kryptischer Beschriftung in die Hand gedrückt. Oder dieser eine ominöse Foren-Post: „Kennst du das schon?“ – und plötzlich war man drei Wochen musikalisch verschollen. Mundpropaganda statt Machine Learning. Und genau so fand Musik wie diese ihren Weg. Und ja, wenn man ehrlich ist: Schon damals war nicht alles Gold, was da aus den Lautsprechern kam. Viele Songs bewegen sich im gleichen Tempo, folgen ähnlichen Strukturen – das berühmte „klingt alles ein bisschen gleich“-Argument war schon 2001 nicht ganz von der Hand zu weisen. Und genau das hatten wir damals auch so auf medienkonverter.de festgehalten: Einzelne Tracks blieben hängen, keine Frage – aber als Gesamtwerk wirkte das Album über längere Strecke etwas zu gleichförmig und konnte sich noch nicht ganz mit Größen wie VNV Nation messen. Ein Urteil, das damals absolut nachvollziehbar war.
Spannend ist aber, wie sich heute der Blick darauf verändert hat. Denn was 2001 noch wie ein kleiner Makel wirkte, fühlt sich heute fast wie ein Stilmittel an. ‘Failure’ wirkt im Rückblick weniger wie ein Album, das zu wenig Abwechslung bietet – sondern eher wie eines, das sich bewusst auf eine bestimmte Stimmung fokussiert. Weniger Pathos, mehr Understatement. Weniger Stadion, mehr Schlafzimmer um 2 Uhr nachts, wenn die letzte U-Bahn längst weg ist und der Song plötzlich mehr trifft, als er eigentlich sollte. Und überhaupt: Dieser Vergleich mit VNV Nation zieht auch 25 Jahre später noch – aber anders. Wo VNV Nation oft die große Geste suchen, bleibt ‘Assemblage 23’ näher dran am persönlichen Schmerz, an den kleinen Momenten, an diesem Gefühl, wenn ein Song nicht schreit, sondern sich leise festsetzt und dann einfach nicht mehr geht. Und genau deshalb funktioniert das Album heute besser, als man es vielleicht erwartet hätte.
Was man ‘Failure’ nämlich wirklich zugutehalten muss: Es hat ein Fundament gelegt. Für Tom Shear, der mit ‘Assemblage 23’ in den folgenden Jahren nicht nur „noch ein Projekt“ blieb, sondern sich Schritt für Schritt zu einer festen Größe im Futurepop entwickelt hat – konstant, verlässlich, mit einer Diskografie, die bis heute erstaunlich wenig Ausfälle kennt. Kein kurzer Hype, kein schnelles Verschwinden, sondern dieses seltene Ding: eine Karriere mit Substanz. Und während sich die Welt seit 2001 (leider) komplett verändert hat – Smartphones, Social Media, Streaming, KI-generierte Playlists, Playlists für „Sad Cyber Monday Energy“ (ja, sowas gibt’s vermutlich wirklich) – bleibt ‘Failure’ immer noch erstaunlich stabil. Klar, die Produktion klingt stellenweise ein bisschen nach „frühe 2000er“, und ja, die Gleichförmigkeit fällt heute sogar noch stärker auf. Aber gleichzeitig hat genau das auch seinen eigenen Charme. Es ist ein Album, das nicht versucht, dich mit 100 Ideen gleichzeitig zu erschlagen, sondern dich langsam reinzieht. Und dann einfach bleibt. So wie dieser eine Song, den du eigentlich skippen wolltest – und plötzlich läuft er zum fünften Mal.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses inzwischen 25 Jahre alten Albums: Es funktioniert nicht, weil es perfekt ist. Sondern weil es ehrlich ist. Weil es aus einer Zeit stammt, in der Musik noch nicht von Algorithmen glattgebügelt wurde – und genau deshalb manchmal länger hängen bleibt als geplant. Oder anders gesagt: ‘Failure’ ist heute offiziell ein Vierteljahrhundert alt. Ein Alter, in dem andere Dinge längst mit nostalgischem Abstand betrachtet werden – dieses Album hingegen steht immer noch ziemlich stabil im Raum. Und klingt dabei so, als hätte man es gerade erst entdeckt. Damals auf einer gebrannten CD mit Edding-Beschriftung, heute im Stream – nur ohne Aussetzer und ohne dieses nervöse Laufwerksrattern, wenn der Player mal wieder kurz überlegt, ob er jetzt weiterspielt oder beleidigt aufgibt.
Medienkonverter.de
Assemblage 23: 25 Jahre ‘Failure’: Futurepop, Gefühle und ein bisschen Drama
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Ein Jahr kann in der schnelllebigen Musik-Welt eine halbe Ewigkeit sein. Releases kommen, andere verschwinden – und nur wenige bleiben wirklich hängen. „Beta Life“ von 'CYLiX' gehört ziemlich eindeutig zu denen, die man nicht sofort wieder vergisst. Pünktlich zum einjährigen Jubiläum gibt es jetzt ein neues Video zu „Endless Skies“ – also kein neuer Track, sondern ein frischer Blick auf das, was damals schon überzeugt hat.Wer sich an unseren Review auf medienkonverter.de erinnert, weiß: „Beta Life“ war für uns kein Album für den schnellen Nebenbei-Konsum. Das Ding hat Zeit gebraucht. Kühl, ele...