Ich liebe ja diese Bandbeschreibungen die klingen als wären sie nachts um drei bei Kerzenlicht geschrieben worden. „'Goetia' blends esoteric themes…“ – ja klar, natürlich tun sie das. Und irgendwo zwischen „grim stories of the past“ und „industrial yet folklore“ sitzt man da und denkt sich: „Okay, entweder das wird jetzt richtig gut – oder ich bin gleich Teil von irgendwas, das ich nicht unterschrieben habe.“ Spoiler: 'Saligia' entscheidet sich angenehm für die musikalische Variante. Aber dieser leicht überdramatische Einstieg? Der passt erstaunlich gut zu dem, was danach kommt. Bevor wir aber tiefer eintauchen, ein kurzer, fast schon lebenswichtiger Hinweis: Wenn du nach Goetia suchst, musst du ein bisschen aufpassen – das ist kein Name, das ist ein Multiversum. Es gibt nämlich auch noch einen jungen französischen Künstler aus Montpellier, der ebenfalls so heißt und eine Black-Metal-Band aus Polen. Heißt: Ein falscher Klick – und statt düsterem Darkwave sitzt du plötzlich im Blastbeat-Gewitter oder in irgendeinem Soundexperiment, das dir dein Algorithmus nie wieder verzeiht. Unser Kandidat hier kommt jedenfalls aus Ankara, Türkei – und bleibt zum Glück stilistisch deutlich kontrollierter unterwegs.
Und genau dieses Projekt aus Ankara legt mit 'Saligia' sein Debüt in digitaler Form auf Bandcamp vor. Und Debüt heißt hier wirklich: kein geschniegelt fertiges Endprodukt, sondern eher ein bewusst halbfertiger Zustand zwischen Idee und Umsetzung. Klingt erstmal nach Kritik – ist aber tatsächlich Teil des Charmes. Denn 'Saligia' wirkt gar nicht wie ein Album das alles richtig machen will. Es wirkt wie eines, das erstmal herausfinden will was es eigentlich sein möchte. Musikalisch ist das - ganz klar - im Darkwave verortet, aber eben nicht in dieser glattpolierten „alles sitzt perfekt, bitte sofort clubtauglich“ Variante. Die Beats sind oft stoisch, fast schon stumpf im besten Sinne, die Synth-Flächen kalt, teilweise leicht körnig wie aus dem Amiga-Protracker kommend und die Produktion hat diesen leichten Schleier, der irgendwo zwischen gewollter Rauheit und „wir hätten da vielleicht noch eine Nacht länger dran sitzen können“ pendelt. Das Ergebnis aber meiner Meinung nach: Atmosphäre statt Hit-Druck. Sog statt Hook. Und ja – das funktioniert überraschend gut.
Die Stimme schiebt sich dabei wie ein roter Faden durch das Album: dunkel, distanziert, mit genau der richtigen Mischung aus Ernst und „ich erklär dir das jetzt nicht zweimal“. Kein großes Drama, kein Pathos – eher ein Erzähler, der dich tiefer in diese Welt zieht, ohne dich vorher zu fragen, ob du das überhaupt willst. Und dann ist da dieses „Industrial yet folklore“, das auf dem Papier erstmal nach Darkwave-Bingo klingt – in der Umsetzung aber tatsächlich interessante Momente erzeugt. Immer wieder blitzen Details auf, die das starre Gerüst aufbrechen, kleine Verschiebungen, rhythmische Irritationen, unterschwellige organische Einflüsse. Das sind genau die Stellen, an denen 'Goetia' mehr sind als nur „noch eine Genre-Band“.
Allerdings – und jetzt kommt der Punkt, an dem man nicht mehr nur freundlich nicken kann – trifft die Band nicht immer die perfekte Balance. Gerade bei den Samples merkt man, dass hier noch nicht alles sitzt. Die wirken stellenweise eher wie ein guter Gedanke im falschen Moment und reißen einen auch mal unsanft aus der Stimmung. Besonders in 'Esans' gibt es so einen Moment, bei dem man sich denkt: „Jaaaaa, Idee verstanden – aber den hätte man vielleicht noch eine Runde im Feinschliff drehen können.“ Das ist nichts, was das Album zerlegt – aber genau diese kleinen Brüche sind es, die verhindern, dass 'Saligia' wirklich durchzieht. Und damit sind wir beim Kern: Das Album ist kein Highlight. Kein „Das musst du jetzt sofort hören“. Aber es ist auch weit davon entfernt, egal zu sein und vergessen zu werden. Denn unter dieser leicht rohen Oberfläche steckt etwas, das deutlich interessanter ist als vieles, was im Genre gerade geschniegelt durch die Nacht läuft. 'Saligia' ist kein fertiges Statement – es ist eine verdammt vielversprechende erste Skizze, die an den richtigen Stellen schon mehr Persönlichkeit hat als so mancher Hochglanz-Release. Und genau deshalb bleiben wir da dran. Weil man merkt, dass hier noch Luft nach oben ist – und gleichzeitig schon genug Substanz, um neugierig zu machen.
Unterm Strich ist das ein Release für alle, die Darkwave auch ein bisschen entdecken wollen. Für Hörer, die mit kleinen Unsauberkeiten leben können, wenn dafür Atmosphäre und Idee stimmen. Alle Neugierigen sollten sich 'Goetia' merken. Nicht, weil sie schon ganz oben angekommen sind – sondern weil sie ziemlich genau wissen, in welche Richtung sie gehen wollen. Anspieltipp: Teufel.
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Goetia - Saligia
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